Steinerne Landschaft, grau in grau, die nackten Felsen liegen da wie der gewaltige Panzer einer Urzeitschildkröte. Am weiten Horizont verliert sich das Meer. Nirgends eine Spur von Menschenwerk. Wer sich hierher verliert, muss sich sehr allein vorkommen.
Zeichen im Stein
Dem einsamen Wanderer kann es allerdings passieren, dass er unter den tausenden von grauen Steinbrocken unversehens ein Stück Gelb entdeckt, stark verwittert, halb abgeblättert. Ein Fingerzeig. Eine Spur. Eine Landmarke.
«Land Marks» nennt Walter Angehrn sein Buch, das die gelbe Spur im grauen Gestein dokumentiert. Der St.Galler Künstler und pensionierte Arzt ist im Jahr 2003 dank Freunden auf eine der drei Aran Islands geraten, jene karge Inselgruppe westlich von Galway im Atlantik. Er wandert auf den kargen Rücken – und beschliesst aus einer Laune heraus, ein Zeichen zu hinterlassen.
Mit gelber Acrylfarbe ausgerüstet, sucht er sich drei Stellen aus und bemalt dort je ein Stück Stein.
Der erste Ort: ein flaches Karrenfeld und mittendrin eine rechteckige Steinfläche. Der zweite Ort: eine Steinmauer am Rand der Klippen, aus der er sich einen leicht vorragenden Stein erwählt und dessen Stirnseite zum Meer hin einfärbt. Der dritte Ort: eine unscheinbare Ritze in einem gewaltigen Felsplateau. Angehrn fotografiert die drei Stellen, dann reist er zurück. 2008 kommt er wieder, die gelben Steine immer noch im Sinn, und sucht und fotografiert sie. Wieder drei Jahre später der dritte und vorerst letzte Besuch.
Was mit den Steinen und der Farbe in diesen insgesamt acht Jahren passiert ist, zeichnet das Buch in berückenden Bildern und grösster Gelassenheit nach. Das gibt Anstoss zum Nachdenken. Natürlich über die Vergänglichkeit, über die fast unglaubliche Schnelligkeit des Witterungsprozesses – die dritte Stelle, die unscheinbare Ritze, sei nach wenigen Jahren so verwittert und mit Grünzeug bewachsen gewesen, dass er sie die längste Zeit nicht gefunden habe, erzählt Walter Angehrn. Innert weniger als zehn Jahren hat die Natur die Menschenspur beinah ganz verwischt. Nachpinseln kam für den Künstler nicht in Frage.
Eine skeptische Stimme
Eine weitere Denk-Spur legen die eingestreuten Texte. Sie stammen vom katalanischen Lyriker Ernest Farrés, Angehrn ist ähnlich zufällig auf sie gestossen wie auf die Aran Islands und entdeckte Parallelen zu seiner Arbeit.
Im Kontrast zum kargen Stein-Alphabet der Bilder spricht hier eine nächtlich eingestimmte, alltagsskeptische Stimme. Die Gedichte entstanden auf Bilder von Edward Hopper. Es gibt zwar vereinzelt Naturszenerien darin, aber dann zwingt sich der Autor wieder in den «Alltagstrott» zurück und vergeudet «kostbare Zeit und Mittel», setzt sich mit Gesellschaftsfragen auseinander oder stellt fatalistisch fest, dass das Leben keinen Sinn hat, «im Gegenteil».
Insgesamt erhebt sich im unabhängigen Textteil des raffiniert gestalteten Doppelbuchs eine starke Gegen-Stimme zu Angehrns meditativer «minimal art». Auf die dann ein Zitat von Farrés allerdings wieder prächtig zutrifft:
«Es mussten/ noch mehr Schwierigkeiten kommen, Schrecken, / Wandlungen und am Ende die Einsicht, / dass es für den eingeschlagenen Weg keine Abkürzung gab.»
Walter Angehrn: Land Marks, VGS Verlagsgenossenschaft St.Gallen 2014, Fr.48.-
Buchvernissage: Freitag, 4. April, 19.30 Uhr Zeughaus Teufen, Ausstellung bis 13. April
walterangehrn.ch
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