Dreizehn Gleise waren es einst. Da wurde ein- und ausgeladen und rangiert: Am Bahnhof St.Fiden hatte Mikros ein Lagerhaus, Ölhändler Riklin pumpte Treibstoffe um. Die Tiere, deren letztes Stündchen im nahen Schlachthof schlug, kamen hier an – doch das ist alles Geschichte, seit Jahrzehnten schon. Das Areal entwickelte sich dann so, wie fast alle nicht mehr benutzten Güterbahnhöfe: Altstoffhändler mieteten günstige Flächen, neben Bergen von Alteisen und Pneus entstanden wilde Deponien. Die Güterschuppen wurden provisorisch weitervermietet, einer brannte ab. Wer heute durch das Areal streunt, trifft auf allerlei Abstellplätze und Mulden – bahneigene und solche von privaten Unternehmen.
Daneben machen sich immer mehr die parkierten Autos breit. Zuerst waren es nur ein paar Parkplätze für die Migros Bach, dann immer mehr, und während der Olma ist das halbe Areal überstellt. Noch ist das ausrangierte Bahnareal St.Fiden eine stadtnahe Restfläche, eine Brache, auf die unter anderem das Rümpeltum abgeschoben werden soll.
14,6 Millionen – wofür?
Geht es nach dem Willen der Stadt, könnten aber schon bald Investoren auffahren. Der 500 Meter lange und 50 Meter breite Landstreifen entlang der Bachstrasse gehört seit zwei Jahren der Stadt. Das Parlament hatte für den Kauf 14,6 Mio. Franken freigegeben. Nachdem kurz zuvor der Kanton beim Kauf des Güterbahnhofareals westlich des Hauptbahnhofs die Stadt ausgestochen hatte, wollte man sich diese grosse Baulandreserve östlich des Zentrums nicht auch noch wegschnappen lassen. Zwei Skizzen für eine mögliche Arealentwicklung lagen damals dem Antrag bei: Die eine belässt die Bachstrasse und bebaut das Areal neben einem grünen Streifen, in welchem der Tanneichen- und der Gerhaldenbach wieder offen fliessen sollen. Die andere Variante verschiebt die Strasse nach Süden, damit eine Migros-Erweiterung direkt an der heutigen Fassade angedockt werden kann.
Doch eine solche Überbauung im Talboden war den Politikern nicht genug. Schon Jahre vor dem Kauf tauchte immer wieder die Vision einer Gleisüberbauung auf. Die Idee: Von den Tunnelportalen von Bahn und Autobahn weg stadtauswärts bis über das Bahnhofsgelände hinaus das ganze Areal überdecken und dort drauf dann bauen. Schon in den 1980er-Jahren, als die Autobahn noch im Bau war, war davon die Rede. Damals waren solche Projekte vielerorts diskutierte Visionen. Doch daraus geworden ist selbst in Zürich nichts. Nur in Winterthur wurde das Gleisfeld mit einem Parkplatzdeck überbaut – mit dem Resultat, dass sich heute alle über den düsteren Bahnhof beklagen. Im St.Galler Richtplan allerdings taucht dieser «Deckel» immer noch auf. «Es geht im Moment nur darum, eine solche Überbauung für spätere Zeiten nicht zu verhindern», sagt Florian Kessler, der neue Leiter der Stadtplanung.
Eine neue Mitte?
Damit eine solche «Vision St.Fiden» eine Chance hat, brauche es aber «ein Umdenken der Stadt», wie es das Planungsbüro Nüesch Development in seiner jüngsten Studie formuliert. Eine Überdeckung wird hunderte Millionen kosten – und ob sie angesichts der Sicherheitsbestimmungen und den neuen Vorschriften zur Erdbebensicherheit überhaupt realisierbar ist, ist offen. Vorsichtig stellt die «Vision St.Fiden» deshalb fest, ein solches Grossprojekt könne «ausreichend erfolgreich» sein. Vorausgesetzt, der Bahnhof St.Fiden werde zu einem eigentlichen S-Bahn-Knoten ausgebaut. Die Züge von und nach Zürich sollen bis nach St.Fiden fahren und hier soll auf den Bus – oder auf ein künftiges Tram – umgestiegen werden können.
Das braucht aufwendige Infrastrukturausbauten. In einer Stadt, in der die Regierung in letzter Zeit immer nur vom Sparen redet, keine sehr wahrscheinliche Perspektive. Und auch in den angrenzenden Quartieren bräuchte es ein Umdenken. Man orientiert sich bisher an den beiden Strassenachsen Langgasse und Rorschacherstrasse, der Bahnhof St.Fiden hat kaum eine Bedeutung für die lokale Erschliessung. Der Bahnhof müsse zur «Mitte der Quartiere» werden, fordern die Planer, denn heute seien die S-Bahnhöfe der wichtigste Motor einer Entwicklung.
Die topographische Depression
Nur, wer heute durch St.Fiden geht, fragt sich, ob das je gelingen wird. Das Bahnareal ist fast der tiefste Punkt der Stadt, aus allen Perspektiven muss man hochschauen, meistens steht man «unter» einer Brücke und fast überall tobt der Lärm der Autobahn. Von hier aus gibts weder Seesicht noch den Blick zum Säntis, beides «Qualitätsmerkmale» im aktuellen Wohnungsbau in der Stadt. St.Fiden werde – da sind sich die Planer einig – deshalb keine Top-Wohnlage, aber für Dienstleistungs- und Gewerbebetriebe biete sich diese Landreserve an. Und offensichtlich hat die Migros bereits ihr Interesse angemeldet. Die Migros Bach soll entweder vergrössert oder gar ganz neu gebaut werden. Doch bis daneben etwas passiert, wird es dauern. St.Gallen ist in den Augen der Immobilieninvestoren kein Boomgebiet, und gewerbliche Reserveflächen gibt es in der Stadt noch viele. Im Oktober wies die städtische Internetseite fast 22ʼ000 freie Quadratmeter Büro- und Gewerbeflächen aus – dazu 36ʼ000 geplante Quadratmeter in Neubauten, die bis 2017 entstehen sollen.
Bis das «ausserordentlich interessante und vielversprechende Potenzial für die wirtschaftliche Entwicklung sowie für weitere Nutzungsmöglichkeiten» – so stand es in der Botschaft des Stadtrates zum Kauf des Bahnareals St.Fiden – genutzt wird, wird deshalb das ehemalige Gleisfeld vor allem für eines genutzt werden – als Parkplatz. Die Vorarbeit jedenfalls ist geleistet – die Schienen sind schon weg.
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