Reithalle für die Kultur? Nein, sagt der St.Galler Stadtrat und lehnt die Initiative ohne Gegenvorschlag ab. In einer Woche tagt das Stadtparlament, hier im Saiten-Streitgespräch diskutieren Etrit Hasler (SP) und Michael Keller (SVP). Unter anderem über einen «dritten Weg».
Der Stadtrat lehnt die Reithallen-Initiative ohne Gegenvorschlag ab. Einverstanden, Michael Keller?
Michael Keller: Klar ja. Ich habe noch nie etwas von dieser Idee gehalten. Die kulturelle Nutzung hat bereits in den 90er-Jahren nicht funktioniert. Den Anspruch, dass es für grössere Kultur- oder Vereinsanlässe ein Ort bräuchte, kann ich zum Teil nachvollziehen. Aber die Reithalle ist eine Reithalle, sie ist zu 90 Prozent ausgelastet, das soll so bleiben.
Etrit Hasler: nicht einverstanden mit dem Stadtrat….
Hasler: Natürlich nicht. Das Schlimmste ist, dass er die Halle nicht einmal klar den Reitern zusichert, sondern am bisherigen Zustand festhalten will. Damit bleibt es bei dem rechtswidrigen Reglement für eine Doppelnutzung. Unsere Kritik: Man hat ein Versprechen gemacht vor zwanzig Jahren, und nicht eingehalten, was damals in einer Volksabstimmung beschlossen worden ist.
Die Nutzung hat von Anfang an nicht funktioniert.
Hasler: Halt. Die Doppelnutzung ja – eine rein kulturelle Nutzung hat man nie ausprobiert. Da mache ich aber den Reitern keinen Vorwurf – ich verstehe absolut, dass sie an ihrem Standort festhalten mit dem Argument: Es gibt viele Kulturorte in der Stadt, aber nur einen Reitort. Stimmt – aber es gibt eben auch keinen Kulturort in der Art, wie ihn die Reithalle bieten würde. Die Olmahallen sind kaum geeignet und zu teuer, und Palace, Grabenhalle etc. haben nicht diese Grösse.
Der Stadtrat zweifelt am Bedürfnis für grössere Konzerte.
Hasler: Die Musikszene hat sich komplett verändert in den letzten zwanzig Jahren. Mit dem Zusammenbruch der Musikindustrie sind Livekonzerte viel wichtiger geworden, aber auch teurer. Mit Hallen unter 700 Personen in der Provinz oder 1000 in der Stadt kommt man nicht mehr auf die nötigen Einnahmen.
Eine Doppelnutzung ist aber kein Thema mehr – auch aus Sicht der Initianten?
Hasler: Ich bin zu wenig Veranstalter, um das definitiv beantworten zu können. Aber vieles spricht dagegen, die Grundbedürfnisse sind diametral anders – es war eine Schnapsidee.
Keller: Eine sehr teure Schnapsidee.
Hasler: Vermutlich ein politischer Schachzug damals. Die Halle musste saniert werden, gleichzeitig waren kleinere, kulturelle Initiativen im Gang. Man kann annehmen, dass es mit dieser Doppelpolitik darum ging, möglichst viele Kreise für den Umbau zu gewinnen und ein Referendum zu verhindern.
Keller: Was übrigens ein Irrtum ist: Es gab gar nie einen Volksentscheid für den Umbau der Reithalle und für die Doppelnutzung Pferdesport-Kultur. Das hat mir die Stadtkanzlei bestätigt. Den Kredit hatte das Stadtparlament Ende der Achtzigerjahre ohne Volksabstimmung beschlossen.
«Eine teure Schnapsidee»: Michael Keller
Dieses Argument ist also vom Tisch?
Keller: Ich bin bisher auch davon ausgegangen, dass es ein Volks-Ja gab. Aber am Grundsatz ändert das wenig. Wenn man die Reithalle für die Kultur nutzen will, kostet dies laut Stadtrat 5-7 Millionen, und man hat damit noch keinen Ersatz für die Reiter finanziert. Das Ganze wird also deutlich zweistellig, und da muss das Volk sowieso mitreden.
Hasler: Volksentscheid oder nicht: Das Bedürfnis nach grossen Konzerten, das damals vorhanden war und das der Stadtrat auch im Kulturkonzept 2009 bestätigt hat – dieses Bedürfnis besteht weiterhin. Wer bei Konzertagenturen nachfragt, kriegt rundherum die Bestätigung.
Michael Keller, sonst nicht gerade ein Freund von Kultursubventionen: Sehen Sie das auch so?
Keller: Ich habe mit grosser Freude gelesen, dass der Betrieb laut Initiativkomitee ohne Subventionen profitabel sein soll.
Hasler: Wir gehen davon aus, dass der Betrieb selbsttragend sein kann, nicht nur mit Kultur, sondern auch mit Vereins- und anderen Anlässen. Mit einem verpönten Wort gesagt: Für die ganze Event-Kultur wäre die Reithalle eine perfekte Ergänzung. Schauen wir die Lokremise an: die ist ausgebucht.
Keller: Wäre das nicht Konkurrenz für Grabenhalle, Lokremise, Palace, Kugl…? Der Kuchen wird dadurch nicht grösser, sondern verteilt sich einfach auf mehrere Orte.
Hasler: Im Initiativkomitee sind diese Institutionen vertreten. Und ganz klar: Der Markt ist grösser geworden. Das liegt auch am veränderten Ausgangverhalten und der zunehmenden Mobilität. Abgesehen davon haben die anderen Häuser ihr Nischen- und Stammpublikum. Und man darf durchaus sagen: Die Initiative ist auch eine Kampfansage an Herisau. Dort entgegnet man vielleicht: Kommt doch einfach zu uns ins Casino! Aber wenn sich St.Gallen als Kulturhauptstadt der Region ernst nehmen will, müssen solche Konzerte hier stattfinden.
Keller: Ich bin kein Veranstalter. Lebensnotwendig ist es nicht. Aber eine Lücke besteht wohl schon.
Reden wir also über den Gegenvorschlag.
Hasler: Wir anerkennen den Anspruch der Reiter, wollen aber, dass die Bevölkerung eine Wahl hat. Unser Gegenvorschlag wird lauten, dass «an geeigneter Stelle ein Neu- oder Umbau erstellt werden soll als Ersatz für den Wegfall der Reithalle». Wobei ich offen zugeben muss: Wir haben bis jetzt keine Idee, wo das sein könnte. Und realistischerweise…
«Das Volk soll eine Wahl haben»: Etrit Hasler
… zuerst noch: Was sagt Michael Keller dazu?
Keller: Ich kann hier nicht für die Fraktion reden, aber wahrscheinlich habt Ihr grundsätzlich recht. Am Ende ist es natürlich ein finanzielles Thema.
Hasler: Da kommt der realistische Teil, ja. Wir wissen beide, dass die Stadt das Geld dazu im Moment nicht hat. Aber entscheidend ist, dass das Anliegen auf der politischen Traktandenliste bleibt. Nochmal: Ich weiss auch nicht, wo ein solches Projekt heute realisiert werden könnte. Man sieht das beim Kugl: Die Stadt hat bei der Suche nach einem anderen Standort geholfen, ohne Resultat.
Müssen wir nicht einfach sagen: Dieses Gebäude gibt es in der Stadt nicht, und ein Neubau in den nächsten zehn Jahren ist aussichtslos?
Hasler: Ausser eben die Reithalle. Die wäre ideal.
Keller: So ideal wie für die Reiter.
Hasler: Ich gehe weiterhin davon aus, dass es billiger wäre, für die Reiter eine Ersatzlösung zu finden statt für die Kultur. Aber ich sehe den Wert der gegenwärtigen Nutzung.
Keller: Kultur fördert man im Prinzip ja mit dem Ziel, die Menschen besser zu machen.
Hasler: Ein grosses Wort.
Keller: Entsprechend unschön kam es deshalb an, wenn von Seiten der Kultur andere von ihrem angestammten Ort weggewiesen werden sollen.
Gegenargument: Mit den Pferden soll man dort trainieren, wo sie auch leben: auf dem Land. Die vielen Transporte sind ein Unsinn.
Keller: Der Einwand muss dann aber auch für den Mehrverkehr gelten, den eine Konzerthalle produziert. Und man darf nicht vergessen: Die Reithalle ist kalt, sie müsste wärme- und schallisoliert werden. Vom Heimatschutz-Gedanken her schliesslich spricht alles dafür, dass in einer Reithalle geritten wird.
Hasler: Eine neue Konzert- und Eventhalle muss aber auf der Agenda bleiben. Besonders zum jetzigen Zeitpunkt. Es ist das eine zu sagen: Wir haben kein Geld. Aber das andere ist: Die Stadt braucht jetzt einen Schub. Es kommen viele junge Leute hierher, unter anderem dank der neuen Fachhochschule. Davon erhoffe ich mir sehr viel, und es wäre der richtige Moment zu sagen: Wir wollen uns als Kulturstadt positionieren, in der etwas läuft.
Solche Standortfaktor-Argumente: Kommen die bei der SVP an?
Keller: Es gibt ein klares Nein der Fraktion zur Reithallen-Initiative. Und die Standortfrage für eine Kulturhalle ist unbeantwortet. Aber ich denke, grundsätzlich hätte das Anliegen Chancen in der Fraktion. Eine Absicht unterschreibe ich heute abend noch: Dass es schön wäre, eine neue Halle zu haben. Doch wenn es konkret wird und kostet, fangen die Probleme an.
Hasler: Man weiss nicht, was die Zukunft bringt – am Palace haben wir gesehen, dass eine Lösung auch rasch kommen kann. Wer weiss? Vielleicht findet sich ja plötzlich eine Liegenschaft. Und dann soll die Politik auch bereit sein. Ob sie sich bereit halten soll, darüber soll das Volk entscheiden.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.