, 11. Januar 2019
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Norient in St.Gallen: Goodiepal und M.I.A.

Dieses Jahr findet zum vierten Mal wieder ein Teil des Norient-Musikfilmfestivals im St.Galler Palace statt. In zwei Filmen werden verschiedene künstlerische Ansätze thematisiert, danach wird abgetanzt. von Mikkel Bundgaard Pedersen

Filmstill aus The Goodiepal Equation

Goodiepal aka Gæoudjiparl van den Dobbelstein aka Parl Kristian Bjørn Vester existiert, wie jeder gute Mythos, in einem klar definierten Universum mit eigenen Bildern und Symbolen, einem eigenen Vokabular und eigenen Erzählungen. Und wie in jeder guten Erzählung wimmelt es im Goodiepal-Universum von schillernden Details zu Geld, Gefahr und vielem mehr.

Man erzählt sich zum Beispiel, dass sich Goodiepal Geld von der ukrainischen Mafia geborgt hat, um seine 2010 erschienene LP Mort aux Vaches Extra Ekstra – Route 66 Eksperiment zu produzieren, die er anschliessend in den Kopenhagener Plattenläden mit 500 Kronen in der Hülle verkaufte (wobei der Preis der LP lediglich 350 Kronen betrug). Wenig später kündigte Goodiepal seinen Lehrauftrag am Dänischen Institut für Elektroakustik an der Royal Academy of Music in Aarhus, wo zur gleichen Zeit die sehr teure Soundeffekt-Maschine Eventide H8000FW verschwand. Eine ebensolche Maschine wurde später von Goodiepal und seinen Kollegen bei Syg Nok Records modifiziert und, so das Gerücht, verkauft, um die teure LP Mort aux Vaches zu finanzerien.

Ob diese Geschichten nun stimmen oder nicht: Goodiepal war schon immer sehr gut darin, sich konstant zu bewegen, buchstäblich, am liebsten per Fahrrad. Das berühmteste seiner Velo-Vehikel ist der Kommunal Komputer Klon 2. Irgendwie schafft es Goodiepal immer wieder, sich nicht in eine simple Schublade stecken zu lassen, was auch dem starken Mythos hinter der Figur Goodiepal zu verdanken ist. Die Logik liegt im Mythos, darum lässt sich Goodiepal nicht von anderen definieren. Alles, was man von aussen tun kann, ist, auf seine Darbietungen zu reagieren.

Norient in St.Gallen:
12. Januar, Palace St.Gallen
palace.sg, musikfilmfestival.net

Während es manchmal so wirkt, als ob Goodiepal mit einem futuristischen oder nicht-menschlichen Publikum im Hinterkopf arbeiten würde, scheint sein Projekt Goodiepal and Pals mehr auf ein aktuelles, menschliches Publikum angelegt zu sein. Goodiepal and Pals ist ein Kollektivprojekt, das von der sogenannten Migrationskrise in Europa entfacht wurde, oder genauer: vom Umgang der Europäischen Staaten mit der Migration. Auf dem Album Pro Monarchistic Extratone beispielsweise findet man eine alternative Geschichte, in der Kronprinz Frederik von Dänemark eine Art heroisches Erwachen erfährt. Er segelt mit seinem königlichen Schiff zu den griechischen Inseln, rettet dort Geflüchtete und bringt sie gegen den Willen der Regierung nach Dänemark.

Konsequenterweise lebten Goodiepal and Pals in den letzten paar Jahren in der serbischen Hauptstadt Belgrad, wo sie Geflüchteten halfen und ihnen Zugang zur EU zu verschaffen versuchten. Dazu gehört natürlich nicht nur das Finden von Schlafplätzen oder das Organisieren von Papieren, sondern auch das Kennenlernen der Leute vor Ort. Auch darum sind immer wieder neue «Pals» dabei, wenn Goodiepal and Pals auf Tour sind: Leute, die sie in Serbien kennengelernt haben und jetzt über ganz Europa verstreut sind.

 

Nynne Roberta Pedersen Pedersen, die ebenfalls Teil von Goodiepal and Pals ist, hat einen Essay über «Active Art» geschrieben. Darin erklärt sie den Unterschied von aktiver Kunst, wie sie Goodiepal and Pals auch durch ihr Projekt in Serbien praktizieren, und nicht-aktiver Kunst, die sich darauf beschränke, politische Probleme lediglich zu veranschaulichen oder über sie zu reden, ohne sie wirklich zu beeinflussen – und manchmal sogar von ihnen profitiert.

So gesehen könnte man argumentieren, dass M.I.A.s Song Borders, in dessen Video sie mit Migrantinnen und Migranten in einem Boot sitzt und über Zäune klettert, kein Beispiel für die aktive Kunst nach Nynnes Definition ist. Andererseits darf man dieses Video auch nicht getrennt von M.I.A.s eigenem Mythos sehen: Sie kam selber einst als Geflüchtete von Sri Lanka nach England.

Mehr dazu am Samstagabend im Palace: Steven Loveridge, ein ehemaliger Studienfreund von der Kunsthochschule, beobachtet M.I.A. in seinem Dokumentarfilm Matangi/Maya/M.I.A. von ganz nah und baut Aufnahmen aus Sri Lanka und London ein, die M.I.A. selber gefilmt hat. Danach folgt der Film The Goodiepal Equation und im Anschluss das Konzert von Goodiepal and Pals.

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