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WM-Boykott: Ein Abgesang

Wenn schon kein Boykott, dann wenigstens eine Abspaltung. Wie man sich erfolgreich gegen einen Verband zur Wehr setzt, haben zum Beispiel die Rugbyaner schon vor 150 Jahren gezeigt. Ein Kommentar von Toni Saller
Von  Gastbeitrag
(Bild: Amnesty International)

Vor 44 Jahren habe ich meine ethnologische Erforschung des Fussballs begonnen. Als junger Student ging ich 1978 mit der Frage nach Argentinien: Wie politisch ist der Fussball?

Die WM damals war ein Tabubruch für den Sport. Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte kein solcher Grossanlass in einer Diktatur stattgefunden. Niemand konnte ernsthaft abstreiten, dass General Jorge Videla, der die WM eröffnete, der Chef einer Mörderbande war. Von offizieller Seite allerdings, von den Sportverbänden der WM-Teilnehmer, war darüber wenig bis nichts zu vernehmen. Auch nicht von der FIFA, die damals aus einer kleinen Truppe von zehn Mitarbeitenden mit Sitz an der Zürcher Bahnhofstrasse bestand. Einer ihrer Lehrlinge hiess Sepp Blatter.

Bereits damals gab es eine starke Boykottbewegung. Amnesty International zum Beispiel publizierte ein Büchlein mit dem Titel Fussball und Folter, das auch bei den deutschen Nationalspielern für eine Stellungnahme verteilt wurde. Torhüter Sepp Meier nahm sich daraufhin vor: «Ich werde dem General nicht die Hand schütteln.» Er wurde nicht auf die Probe gestellt, Höhepunkt der Boykottbemühungen war dann aber immerhin, dass die niederländischen Spieler beim Erhalt der Silbermedaille Videla den Handschlag verweigerten.

Auch die Öffentlich-Rechtlichen müssten Stellung beziehen

Seit Argentinien 1978 hat sich das Fussballspiel und vieles anderes in unserer Welt stark verändert. Beim «Erfolg» von Boykott-Bestrebungen offensichtlich nicht. Ein paar symbolische Handlungen und Drohungen von verschiedenen Akteuren rund um die WM in Katar: Das wars dann wohl.

Toni Saller, 1956, ist Fussballfan, Autor und Ethnologe. 1978 betrieb er Feldforschung zum Thema Fussball und Politik anlässlich der Weltmeisterschaft in Argentinien, auch seine Lizentiatsarbeit hat er dem Thema Fussball gewidmet. Im September ist sein Buch Das wilde Spiel – Fußball zwischen Dorfkultur und globalem Größenwahn erschienen.

Als Zuschauer und Fussball-Fan ist man zugegebnermassen am Schluss der Kommerz-Kette leider das schwächste Glied. Es bleibt sogar zu bezweifeln, ob unser «Wegschauen» wenigstens einen statistischen Niederschlag in den Einschaltquoten finden wird. Denn immer noch viel zu viele Sender strahlen die Spiele aus, das Preis-Leistungs-Verhältnis ist zu verlockend. Und so trampen wir auf der Suche nach Alternativen herumzappend mal hier in ein Spiel und dort in eine der unsäglichen Spielanalysen, was dann die ebenso unsäglichen und ebenso von Katar «geschmierten» Meinungsforschungsinstitute als Einschaltquote – und damit als Zustimmung zur umstrittenen WM in Katar – ausgeben.

Zum ersten Mal müssten auch linke Kräfte gegen die Öffentlich-Rechtlichen Stellung beziehen, sind es doch vor allem Sender wie die SRG, die das übliche WM-Spektakel veranstalten. Stattdessen bekommen die progressiven Fans eigene Sendegefässe wie zum Beispiel «Sykora und Gisler».

Das ist schlau gemacht, denn erst mit ihren lockeren Sprüchen, amüsanten Anekdoten und fortschrittlichen Gästen wird die WM zu einem harmlosen Event. Kritische Bemerkungen zum FIFA-Verbot von One-Love-Armbinden gehören dazu und lassen sich überraschend gut und nahtlos mit einer ernsthaften Kritik an Murat Yakin verbinden, der keinen Ersatz für die Aussenverteidiger-Position mit nach Katar genommen hat.

Geradezu ein Armutszeugnis ist, dass es eine SRG nicht schafft, ihren Kund:innen die Möglichkeit zu geben, einen Boykott zu unterstützen, indem sie die ganze WM-Berichterstattung ins Pay-TV verlegt. So etwas muss doch heutzutage technisch möglich sein? Stattdessen müssen alle mit ihren TV-Gebühren die WM unterstützen!

Wo bleibt der Protest der Spieler? 

Es gäbe noch andere mächtige Player bei einem Boykott. Wieso ist eigentlich noch kein nationaler Fussballverband aus der FIFA ausgetreten? Das wäre doch einmal ein respektabler Akt, der sicherlich grossen Applaus ernten würde. Ob sich dann daraus gleich eine Alternativliga entwickeln würde, sei dahingestellt, aber es wäre ein Nadelstich ins Herz des Monopolkonzerns FIFA, der schmerzen würde.

Natürlich verwundert es nicht, dass Dänemark mit seiner Austrittsdrohung ein Einzelfall blieb: Die Verbände und ihre «Exekutivmitglieder» sind schliesslich die grossen Profiteuere der Bestechungsmaschinerie FIFA.

Toni Saller: Das wilde Spiel – Fußball zwischen Dorfkultur und globalem Größenwahn. Verlag Brandes & Aspel, 2022.

Und die Fussballverbände führen eine konservative und nationalistische Tradition weiter, die auf die Olympische Bewegung von Pierre de Coubertin zurückgeht. Ausgerechnet seine auch im Zusammenhang mit Fussball immer noch zitierte völkerverbindende und den internationalen Frieden fördernde Sportidee gründete aus dem Geist eines unverbesserlichen Nationalisten und Rassisten.

Damit wären wir bei den Spielern – ebenfalls einer mächtigen Instanz –, die einen Boykott bewirken könnten. Auch von ihnen hört man nur Zögerliches und Angedeutetes, in der Regel das Gleiche, wie schon 1978 in Argentinien: Wir sind nicht da, um Politik zu machen, sondern um den Menschen Freude zu bringen. Das Kritische wurde wie immer an die stromlinienförmigen Mediensprecher der Verbände delegiert. Um ihre Spieler auf Linie zu bringen, können sie jeweils ein unwiderlegbares Argument zücken: Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt.

Spätestens seit dem Debakel um Staatsanwalt Lauber wird man auch vom Schweizer Rechtsstaat nichts erwarten können, schon gar nicht, dass sie die FIFA auflöst oder wenigstens aus dem Land schmeisst, weil sie gegen jegliche Prinzipien einer internationalen Konzernverantwortung verstösst. Eine solche in der Wirtschaft zu etablieren, darüber konnten wir immerhin noch abstimmen. Bei der FIFA werden allenfalls interne Ethikkommissionen eingesetzt, die, wenn sie ernst machen wollen, abgesetzt werden. Die FIFA versucht sich erfolgreich, über unser Rechtssystems zu stellen. Das ist meiner Ansicht nach das grösste Armutszeugnis in dieser Tragikgeschichte.

Von besagten «Sykora und Gisler» war zu hören: Ein Boykott könne nicht gelingen, weil es nur die Europäer seien, die dafür sind. Die FIFA habe im Rest der Welt mittlerweile stärkere Partner gefunden und sei gar nicht mehr auf das Wohlwollen Europas angewiesen. Das ist zu bezweifeln, aber es wäre ein schönes Experiment: Die europäischen Verbände treten aus der FIFA aus. Eingeläutet von einer deutschen Elf, die in Katar bei vollem Bewusstsein kein Spiel gewinnt.

Rugby!

Das, und diesen historischen Ausflug muss sich der gemeine und ansonsten nur an belanglosen Anekdoten interessierte Fussball-Fan hier anhören: Vor 150 Jahren hat schon einmal eine erfolgreichere Spaltung und damit ein Boykott des Fussballverbandes stattgefunden. Sie und er tragen den Namen: Rugby!

Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entbrannte ein Regel-Streit unter jenen Public Schools, an denen ein Spiel namens Football gespielt wurde. An jeder Schule waren diese Regeln verschieden, teilweise extravagant und somit geradezu ein Markenzeichen für das jeweilige Bildungsinstitut. Im Mittelpunkt standen Schulen wie Eton, Cambridge und Rugby.

1845 wurden in Rugby erste schriftliche Regeln auf Drängen der bürgerlichen Lehrer formuliert, um allzu rohe Gewalt aus dem Spiel zu nehmen. Hervorstehende Nägel an den Schuhen zum Beispiel wurden verboten.

1849 in Cambridge brachte eine einzige Regel den grossen Unterschied zum bisher üblich gespielten Football: Das Tragen des Balles wurde verboten. Dabei federführend waren ehemalige Eton Schüler, die auf ein überregional anerkanntes Regelwerk hinarbeiteten, den «Ehemaligen» nach ihrem Schulabgang die weitere Ausübung ihrer Sportart zu ermöglichen.

Mit der Gründung der Football Assoziation 1863 sollte dem «Wildwuchs der Schulregeln» endgültig ein Ende gesetzt und eine Institution gegründet werden, die das Spiel landesweit organisieren sollte. Auch Rugby war vertreten. Zu ihrem Ärger setzte sich jedoch die Eton/Cambridge-Fraktion mit Regeln durch, die die Variante von 1849 noch verschärften: Selbst das Berühren des Balles mit dem Arm sollte nicht mehr erlaubt sein.

Der neue FA-Football wurde rasch ein durchschlagender Erfolg. Fabrikmannschaften wurden gegründet und besiegten die ehemaligen Schulteams, insbesondere die «Old Etonians». Mit dem freien Samstag wurde er auch als Zuschauersport in der Arbeiterschaft populär und erstes Geld floss in den Fussball.

Die noch immer schmollenden Rugbyaner zogen sich bald daraufhin von der FA zurück und gründeten ihren eigenen Verband, die Rugby Football Union (RFU). Im Gegensatz zur FA widersetzten sie sich lange Zeit der Kommerzialisierung mit der Behauptung: Geld zerstört den Geist des Sports!

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