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Protest in der Baggerschaufel

Vor 30 Jahren protestierten die beiden Gruppierungen ARNA und GONA zusammen gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen. Der Bau konnte nicht direkt gestoppt werden und doch wurde vieles erreicht. Eine Spurensuche. von Kaija Eigenmann, Flurina Lüchinger und Lia und Jael Allenspach
Von  Gastbeitrag
Bilder: Wir bleiben, bis ihr geht! Eine Fotodokumentation von Gaston Isoz über den Widerstand in Neuchlen-Anschwilen.

Um die Besetzung von Neuchlen-Anschwilen und deren Bedeutung aufzurollen, muss man ins Jahr 1957 zurückblenden: Der Waffenplatz im Breitfeld, die Schiessplätze im Sittertobel und die Kaserne auf der Kreuzbleiche stehen dem vom Bund genehmigten neuen Strassennetz im Weg. Dies führt 1980 zum Abriss ebendieser Bauten. 1976 publiziert das damalige EMD (heute VBS) die Pläne eines neuen Waffenplatzes in Neuchlen-Anschwilen. Die erste Reaktion ist weitgehend positiv, die Gemeinden und der Kanton unterstützen dieses Vorhaben.

Etwa zur selben Zeit plant das Militär in der Moorlandschaft von Rothenthurm ebenfalls einen neuen Waffenplatz. Es organisiert sich ein lokaler Widerstand, der sich für Naturschutz und gegen die Enteignung der Bauernhöfe einsetzt. Eine Volksinitiative für den Schutz der Moore wird lanciert und 1987 erfolgreich angenommen.

Vom Sieg der Rothenthurminitiative beflügelt und aufgrund des näher rückenden Baubeginns in Neuchlen-Anschwilen bildet sich in Gossau, Andwil und St.Gallen ebenfalls ein Protest. Im Oktober 1989 wird der Verein «Aktionsgruppe zur Rettung von Neuchlen-An- schwilen» (ARNA) gegründet. Zu ihren Beweggründen zählen die Sorge ums ökologische Gleichgewicht, die Militärskepsis und die Solidarität mit den Landwirt:innen, die mit dem Bau des Waffenplatzes ihr Land verlieren würden. Noch im selben Jahr gibt es eine erste Protestaktion: Ein 24-stündiges Mahnfeuer.

Anfang 1990 wird eine kleine Gegengruppierung zur ARNA gegründet: die «Interessengemeinschaft für sinnvolle und glaubwürdige militärische Ausbildungsplätze in der Ostschweiz» (ISGA). Diese bleibt jedoch ziemlich leise, im Gegensatz zur ARNA. Als im März 1990 der erste Bauer sein Land verliert, ist das Mass voll: Wenige Tage später wird ein erstes ARNA-Widerstandscamp neben dem geplanten Waffenplatz errichtet. Mit der Besetzung wird jedoch noch bis zum Baugewinn abgewartet.

Die Besetzung

Alle Versuche, den Bau des Waffenplatzes Neuchlen-Anschwilen auf parlamentarischem und aktivistischem Weg aufzuhalten, scheitern. Als am 5. April 1990 der Bau des Waffenplatzes durch die Firma Manser beginnt, wird die erste Blockade organisiert. Die Aktivist:innen des Widerstandes bestehen aus einem bunt gemischten Haufen; betroffene Landwirt:innen aus der Umgebung, Menschen aus Friedens- und Ökobewegungen, Angehörige der Kirche sowie linksgerichtete Menschen und linke Parteien.

Die Blockade kann den Bau zwar nicht komplett aufhalten, das Camp neben der Baustelle bleibt aber bestehen. Im Camp wohnen bis Ende 1991 dauerhaft Menschen, allen Wetterlagen zum Trotz. Zu Beginn sind es 120 dauerhafte Bewohner:innen; viele davon pendeln zwischen Uni oder Arbeit und Waffenplatz.

Das EMD reagiert auf den Protest, und zwar mit dem Bau eines kleinen Zauns, um ungestört am Waffenplatz weiterbauen zu können. Am 20. April wird der Zaun durch einen grösseren ersetzt, der unter Bewachung der Sicherheitsfirma Protectas steht. In den folgenden Tagen wird das Camp von ungefähr 30 Rechtsextremen bedroht. Am 1. Juni folgen den Drohungen Taten: Rund ein Dutzend maskierte Rechtsextreme überfallen das Camp. Sie greifen die Aktivist:innen mit Stöcken, Knüppeln und Messern an und setzen auch ein Zelt in Brand. Die Täter:innen werden nie identifiziert. Am 23. Juni entsteht trotz Hass von rechts eine nationale Kundgebung in Gossau mit an die 3000 Teilnehmer:innen.

Einige Tage später wird die Volksinitiative «40 Waffenplätze sind genug – Umweltschutz auch beim Militär» lanciert. Die Initiative fordert, dass keine militärischen Übungs-, Schiess-, Waffen- und Flugplätze neu errichtet oder erweitert werden dürfen. Auch der Bau des Waffenplatzes Neuchlen-Anschwilen ist von dieser Initiative betroffen, da er der 41. Waffenplatz der Schweiz wäre.

In den Sommerferien 1990 und 1991 finden zwei ARNA/GONA-Sommerunis statt; mit verschiedenen Beiträgen und Kursen zu gesellschaftspolitischen Themen. Nach diesem Sommer schwindet die Medienaufmerksamkeit stetig, unter anderem wegen dem Beginn des Golfkrieges. Auch die Aktivist:innen sind nach so langer Zeit des Widerstands allmählich ermüdet.

Am 19. Dezember 1991 gibt die GONA («Gewaltfreie Opposition gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen») deshalb bekannt, dass sie auf weitere Protestaktionen verzichtet. Sie fordert dafür den Abzug der Protectas und den Verzicht des Kasernenbaus bis nach der Abstimmung der Waffenplatzinitiative. Am 26. Dezember findet das dritte, mittlerweile schon fast traditionelle Nachweihnachts-Mahnfeuer statt. Anfang 1992 entfernt das EMD den Bauzaun, als Reaktion auf den Rückzug der Aktivist:innen.

Die Waffenplatzinitiative wird 1993 im Nationalrat behandelt, stösst dort und in der Stimmbevölkerung jedoch auf Ablehnung: Sie wird mit 55,3 Prozent zu 44,7 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Auch hier wurden die Stimmberechtigten durch die Angst vor dem Golfkrieg beeinflusst.

Gewaltfreie Philosophie

Vor und während der Besetzung kristallisierte sich nach und nach die Idee eines gewaltfreien Widerstandes heraus. Diese Gewaltfreiheit beinhaltete, dass die Aktivist:innen hauptsächlich ihre Körper als Mittel des Widerstands einsetzen. Sie setzten sich vor Bagger und auf Strassen, um Lastwagen daran zu hindern, auf das Gelände zu gelangen.

Auf sekundäre Mittel wie zum Beispiel die Demolierung der Baumaschinen oder des Zauns wurde verzichtet. Dieser friedliche Widerstand wirkte als absurder Kontrast zur Machtpolitik des EMD. Wenn Baufahrzeuge die Wiesen beschädigten, versuchten die Menschen des Camps über den Zaun zu klettern und die zerstörte Wiese wieder zusammenzusetzten.

Erfreuliche Universität zum pazifistischen Protest um den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen:
26. Oktober, 20:15 Uhr, Palace St.Gallen. Gespräch mit Monika Gähwiler und Michael Walther.

Gespräch über die Effekte der Waffenindustrie und auf die Klimakrise und das Patriarchat:
1. November, 17:30 Uhr, Grabenhalle St.Gallen

Nach dem Angriff der Rechtsextremen verbreitete sich Angst im Camp und einige Menschen verliessen es. Für die verbleibenden Aktivist:innen war aber klar, dass sie weiterhin unbewaffnet bleiben wollten. Auch die Polizei und die vom EMD angeheuerten Protectas setzten Gewalt ein, um die Menschen zu vertreiben. Es gab mehrere Räumungen, die Aktivist:innen liessen sich davontragen, nur um am nächsten Tag an einem neuen Platz ihr Camp aufzuschlagen. Als die Situation eskalierte, schoss die Polizei bei Übertretung des Zauns mit Gummischrot auf Kopfhöhe auf die Aktivist:innen.

Trotz dieser gewaltsamen Reaktionen blieb der Konsens über die Gewaltfreiheit und die Dialogbereitschaft der Aktivist:innen bestehen. Die Überzeugung, das Richtige zu tun, ging so weit, dass sie sich vor fahrende Lastwagen und Bagger stellten, ohne zur Seite zu weichen. Am Ende erhielten einige Bussen, doch zu schwereren Strafen kam es nicht, dies auch dank den Jurist:innen, die den Aktivist:innen zur Seite standen.

Widerstand im Gesamtblick

Der Widerstand in Neuchlen-Anschwilen war weitaus mehr als die Besetzung eines Waffenplatzes. Innerhalb des Camps entstand viel Kultur, unter anderem im Rahmen der zwei Sommerunis. Grundsätzlich waren die ARNA und die GONA die treibenden Organe des Widerstandes. Während die ARNA eher auf parlamentarischer Ebene arbeitete, waren die GONA-Aktivitäten die treibende Kraft der Besetzung. Der GONA-Widerstand war besser geeignet als eine Initiative, um den Waffenplatz bekannt zu machen. Bilder von jungen Aktivist:innen, die auf einer Baggerschaufel sitzen, lassen sich besser vermarkten als eine handelsübliche Initiative. Trennscharf zwischen GONA und ARNA zu unterscheiden, ist jedoch schwer, da sich die zwei Gruppen gegenseitig unterstützten und überschnitten.

Der Tenor war immer gewaltfrei, wie der Name der GONA (Gewaltfreie Opposition Neuchlen-Anschwilen) besagt. Ausserdem wurden alle Entscheidungen basisdemokratisch getroffen. Jeden Sonntag versammelten sich die Aktivist:innen in den Zelten ihres Camps, um die kommende Woche zu planen und gemeinsam über das weitere Vorgehen zu entscheiden.

Ein wichtiger Aspekt der Besetzung war, dass es neben dem Aktivismus auch Raum für Bildung gab. Die Menschen wollten unbedingt zusammen denken, Konzepte erarbeiten und diskutieren; dies führten sie in Form der Sommerunis aus: Die Aspekte, die den Widerstand ausgemacht haben, wurden noch einmal genauer betrachtet. Besonders das Thema Ökologie war sehr präsent, denn es war ein ökologischer Widerstand. Aber auch Themen wie Utopie, Friedenspolitik, Widerstand, Feminismus, Rassismus und Effizienz linker Politik wurden in den Sommerunis ʼ90 und ’91 thematisiert.

Einfluss und Bedeutung

Schon seit 20 Jahren hallen die Schüsse des Waffenplatzes durch die Wälder von Neuchlen-Anschwilen. Todsünden der Ökologie werden begangen und jedes pazifistische Herz blutet beim Anblick des Platzes. Trotzdem setzte dieser allererste Widerstand gegen die Waffenindustrie in der Ostschweiz ein wichtiges Zeichen. Es war der Startschuss einer landesweiten Bewegung.

Der Widerstand in Neuchlen-Anschwilen war ein zentrales Puzzleteil, das zum Aufschwung der grünen Partei führte. Ebenfalls wurde mit dieser ikonischen Besetzung die Armee unter Druck gesetzt, einen etwas ökologischeren Ton anzuschlagen als zuvor. Das Ergebnis war ein Öko-Konzept, welches ein 240 Hektar grosses Naturschutzareal im Gebiet Neuchlen-Anschwilen beinhaltet. Auch das Image des Militärs verändert sich seither drastisch. Wer Anfang der 90er-Jahre einen hohen Posten in der Arbeitswelt antrat, musste sich fast zwangsläufig auch im Militär hocharbeiten, was heute in den meisten Arbeitsfeldern nicht mehr der Fall ist. Mit der Kritik am Militär schuf dieser Widerstand eine Grundlage für die Einführung des Zivilschutzes und Zivildienstes.

Die Besetzung in Neuchlen-Anschwilen ist heute ein Symbol für die Linken der 90er-Jahre, sie prägte viele junge und alte Menschen und bewegte sie dazu, politisch zu werden. Für die heutige politische Jugend ist sie eine grosse Inspiration.

Quellen:

Interview mit Clemens Allenspach

Richard Butz, Hansueli Trüb, Peter Weishaupt (Hg.): Feuer in Neuchlen – Widerstand gegen Waffenplätze, Rotpunktverlag, Zürich 1992

Widerstand im Gesamtblick 1: ARNA, GONA, Michael Walther (Sommeruni)
Widerstand im Gesamtblick 2: ARNA, GONA, Arbeitsgruppe Sommeruni

Bilder: Wir bleiben, bis ihr geht! Eine Fotodokumentation von Gaston Isoz über den Widerstand in Neuchlen-Anschwilen. Labyrinth-Verlag, Trogen 1992

 

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