Ein Ort zum Produzieren, zum Veranstalten, zum Debattieren, zum Arbeiten, ein Ort für das kreative St.Gallen: Das sei die Zwischennutzung namens Lattich I im Güterbahnhof gewesen. Und das sei zugleich die Vision für Lattich II, sagt Rolf Geiger, Geschäftsführer der Regio Appenzell AR – St.Gallen – Bodensee, an der Schlussfeier.
Vom «Tag der offenen Rolladen» Anfang September an bis jetzt haben Dutzende von Anlässen, von der Sitzung bis zur Möbel-Gant, vom Konzert bis zum Fotoshooting stattgefunden, dies trotz kurzem Vorlauf. Und ohne nachbarschaftlichen Widerstand, wofür sich Geiger bedankt. «Das kreative St.Gallen hat sich an diesem rohen Ort geballt sichtbar gemacht», sagt Geiger auch im Namen der Mitbetreiber des Lattich-Projekts: Alltag Agentur, Kulturmanagerin Gabriela Falkner, Patrick Scherrer vom Produktionsbüro Ost, Projektentwickler Daniel Fässler, Contine-Betreiberin Catherine Bühler und die Fachstelle Kultur der Stadt St.Gallen.
Die Halle ist an diesem Schlussabend noch einmal gut gefüllt, mit Leuten, die in den zwei Monaten hier produziert oder veranstaltet haben, und mit Zaungästen. Dass und wie sich die Halle bewährt hat, zeigen Fotos auf einem «Zeitstrahl» und dokumentiert die Lattich-Website. Ein toller Raum, das sagen alle – ob die Halle auch 2017 wieder zur Verfügung steht, ist aber noch unsicher. Das wäre dann Lattich anderthalb.
Viele Mitspieler
Lattich II ist gross gedacht. Auf dem Areal soll ein Containerdorf auf Zeit entstehen, mit mehreren Dutzend Modulen. Ende dieses Jahres will das Konsortium Lattich eine Machbarkeitsstudie vorlegen, danach braucht es einen Investor oder eine Investorin – es ist von einem Betrag von drei bis fünf Millionen Franken die Rede. Frühestens 2018 könnte das Containerdorf gebaut werden.
Zweiter Unsicherheitsfaktor neben dem Geld ist die Politik. Das Güterbahnhofareal ist umstritten: Hier soll in rund zwanzig Jahren der neue Autobahn-Zubringer brummen; die SP ist mit einer Volksinitiative (vergeblich) dagegen angetreten, den Protagonisten der Autostadt wiederum geht die Planung offenbar zu langsam.
Zuständig für die geplante «Teilspange» mit unterirdischem Kreisel und Tunnel Richtung Liebegg ist das Bundesamt für Strassen Astra. Das Güterbahnhof-Gelände, auf welches Ein- und Ausfahrt zu liegen kämen, gehört heute teils den SBB (Gebäude), teils den Appenzeller Bahnen, zur Hauptsache aber, was den Standort der Container betrifft, dem Kanton St.Gallen. Dieser wiederum plant einen Landtausch mit der Stadt und deren Areal am Platztor, wo die HSG ihren neuen Campus bauen will. Künftig wäre also die Stadt Besitzerin der Lattich-Brache.
Scheitlin ist interessiert
Stadtpräsident (und Kantonsrat) Thomas Scheitlin ist beim Lattich-Schlussabend erfreulicherweise da – während die kantonalen Behörden durch Abwesenheit glänzen. Scheitlin ist optimistisch: Wenn das Lattich-Konzept überzeuge, dann seien die Chancen gut, dass es realisiert werden könne. Die Stadt sei auf jeden Fall interessiert daran, dass eine Zwischennutzung stattfinde, denn «leere Räume dienen niemandem».
Allerdings habe St.Gallen im Gegensatz zu Städten wie Zürich oder Basel bisher keine Erfahrung mit Provisorien dieser Grössenordnung. Und für einen Erfolg brauche es den politischen Willen aller Beteiligten. Immerhin: Bei den bisherigen Planungen des Astra sei die Stadt, zusammen mit dem Kanton, stets als Gesprächspartner mit dabei gewesen.
SP-Kantonsrat und Stadtparlamentarier Etrit Hasler glaubt nicht an die Autobahn. So oder so, ob mit oder ohne Autobahnbau, sei die Zwischennutzung jedoch eine gute Sache – statt das Areal als «klaffende Wunde» mitten in der Stadt leer zu lassen. Auch er räumt aber ein: St.Gallen hat bis jetzt kaum Erfahrung mit «nomadisierenden» Projekten dieser Art.
Bleibt zu hoffen, dass der Lattich weiter spriesst. Und sich so gut verwurzelt wie das Zürcher Basislager oder das Projekt Rakete auf dem Basler Dreispitz. Die Zukunft ist provisorisch, bekanntlich.
Bilder: Maurus Hofer
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