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Royale Herrlichkeit und Guillotine

Letztes Jahr haben Panda Lux das 40. Openair St.Gallen auf der Hauptbühne eröffnet. Am 27. Januar erschien ihr Debut-Album Versailles nach zehn Jahren Bandgeschichte. Das ist ungewöhnlich. Und auch deshalb gut.
Von  Frédéric Zwicker
Bald berühmt: Moritz Widrig, Janos Mijnssen, Silvan Kuntz (Sänger) und Samuel Kuntz. (Bild: pd)

Wer denkt: Panda Lux, eine Band bestehend aus vier Jungs Anfang 20, in den letzten Jahren immer mehr in aller Munde, Konzerte auch auf grossen Bühnen, Medienpräsenz, Sparte Pop, everybody’s Darlings – all das müsse recht zugeschliffene, gut teenietaugliche, ergo tendenziell langweilige Musik bedeuten, der wird bereits stutzen, wenn er sich das Album erst einmal von aussen ansieht. Denn Pop ist häufig ein Synonym für angestrebte Radiotauglichkeit. Und radiotauglich ist nur, was nicht länger als dreieinhalb Minuten dauert. Vielleicht, in Ausnahmefällen, auch einmal vier – man kann ja Intros und Outros am Radio gut rausschneiden, wenn die Musiker zeigen müssen, dass sie ein bisschen mehr als Strophe, Refrain, Strophe, Bridge, Refrain können und wollen, wenn sie zu sehr Homo ludens, spielend, verspielt, und zu wenig Homo oeconomicus sind,

Von elf Songs auf Versailles sind sieben länger als vier Minuten, davon vier länger als fünf Minuten und deren drei dauern sogar geschlagene acht bis neun Minuten. Wer also bei Panda Lux an die zugeschliffene, poppige Teeniemusik gedacht hat, der sieht jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder die jungen Herren und ihre Berater haben das Musikgeschäft gänzlich missverstanden oder dieses Album könnte doch interessant sein. Recht hat, wer letzteres denkt.

Teil eines Phänomens

Deutschsprachige Popmusik, oft mit rockigen bis elektronischen Klängen angereichert, hat in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Relativ junge Bands aus dem deutschsprachigen Raum haben sich zu regelmässigen Gästen auf grossen Bühnen gemausert. Wanda oder Bilderbuch aus Österreich, die deutschen AnnenMayKantereit, Alligatoah oder der Schweizer Faber, dem bisher in Deutschland noch grösserer Erfolg beschieden ist als in der Schweiz, sind nebst vielen anderen Teil dieses Phänomens. Und Panda Lux passt da wunderbar rein. «Wir begrüssen diese Entwicklung. Dadurch gibt es immer mehr Plattformen für deutschsprachige Musik», sagt Janos Mijnssen, Bassist und Keyboarder.

 

Panda Lux hat aber nicht die Zeichen der Zeit erkannt und sich angepasst. Die vier Rorschacher musizieren seit zehn Jahren zusammen. Und Standarddeutsch war von Anfang an die Sprache, in der sie ihre Texte schrieben und sangen. Auch musikalisch eignet sich die Band für grosse Bühnen und die interessanten Openair-Slots: Ihr Sound ist melodisch und gross, sie tragen dick auf, sowohl instrumental als auch stimmlich. Wobei: Da gibt es live und auf dem Tonträger gewisse Unterschiede.

Aus zwei mach eins

Die meisten Bands, die seit zehn Jahren zusammen musizieren, haben in dieser Zeit das eine oder andere Album veröffentlicht. Nicht so Panda Lux. Es gab einmal eine EP, damals noch unter anderem Namen, dann erschien die eine oder andere Single mit viel Radio-Airplay, das eine oder andere Musikvideo. Aber eine LP, die gab es nie, die kommt jetzt, die vereint aus einer Fülle von Songs, was von den vier Mitgliedern musikalisch und textlich als das Beste, das Interessanteste angesehen wird. Elf Stücke, die zusammenpassen.

Plattentaufe: 10. Februar, Palace St.Gallen.
weitere Daten: pandalux.ch

Eine Einschätzung übrigens, die Janos freut, die ihn aber auch ein bisschen erstaunt. Denn er sagt: «Eigentlich sind es zwei musikalische Teile, die wir zusammengefügt haben. Einerseits poppige, gefällige Songs, andererseits die härteren, experimentelleren, die sich gern einmal mehr Zeit nehmen.» So augenfällig sich diese Zweifaltigkeit bereits bei der Dauer der Songs zeigt, so klar sich diese Songs auch beim Hören unterscheiden, so gut passen sie aufgrund der einheitlichen Soundästhetik eben doch zueinander. Und es ist äusserst erfreulich zu sehen und hören, dass eine junge Band, welcher der Erfolgshonig langsam aber sicher um den Mund geschmiert wird, nicht ausschliesslich Honigsüsses produziert.

Panda Lux haben im Sommer 2013 angefangen, Songs für «Versailles» zu schreiben und arrangieren. Ein Jahr lang haben sie mit dem Tontechniker Philippe Laffer sporadisch an den Stücken gearbeitet. 2014 nahm die Stammformation auf. Es folgten Overdubs, Bläser, ein Kinderchor. Janos sagt: «Wir haben uns bei jedem einzelnen Produktionsschritt mehr Zeit genommen, als ursprünglich gedacht.»

Die letzten drei Jahre haben Panda Lux vor allem an diesem Album gearbeitet. In dieser Zeit spielten sie auch Konzerte. Und weil sie live allermeist auf Bläser und auch auf viele der Overdubs verzichten, die auf dem Album zu hören sind, klingen die Songs, die das Publikum von Konzerten kennt, auf dem Tonträger anders. Das ist indes nur für Banausen ein Problem. Alle anderen dürfen sich auf ein Album freuen, dem man anhört, dass erfahrene, eingespielte Musiker sich ungewöhnlich viel Zeit damit gelassen haben. Prunkvoll und verschnörkelt wie das Schloss von Versailles zu Zeiten des Sonnenkönigs klingt das manchmal. Und dann wieder roh wie die Guillotine, welche der royalen französischen Herrlichkeit ein abruptes, wenn auch nur vorübergehendes Ende setzte.

Dieser Text erschien im Februarheft von Saiten.

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