Kategorie
Autor:innen
Jahr

Scheinwerfer beleuchten fake Märchenwelt

Die aberwitzige Prokofjew-Oper «Die Liebe zu den drei Orangen» beleuchtet das zeitlose Spiel zwischen Traumwelt und Realität. Am Freitag feiert die Inszenierung am Theater St.Gallen Premiere. von Viviane Sonderegger
Von  Gastbeitrag
Die Inszenierung der Prokowjew-Oper am Theater St.Gallen ist ein pures Kostüm- und Bühnenspektakel. (Bilder: pd)

Fake-Realitäten sind keine Neuerfindung des 21. Jahrhunderts. Was bereits Truman Burbank 1998 in Seahaven in The Truman Show passierte, der in einer scripted reality zu Beginn unwissend von tausenden Kameras 24/7 bei fast jeder Kleinigkeit beobachtet und manipuliert wurde, oder auch den acht Individuen in der Mini-Netflix-Serie The 8 Show (2024) während einer Thriller-Gameshow zur reinen Unterhaltung anderer widerfuhr, erlebten die märchenhaften Figuren in Prokofjews vieraktigen Oper bereits bei der Uraufführung 1921 in Chicago.

Könige, Zauberer, Prinzessinnen und Prinzen bewegen sich in dieser grotesken Märchenwelt, wo sich Fluch und Erlösung um die Gesundheit und das Liebesglück des melancholischen Prinzen drehen. Sie alle leben in der Inszenierung am Theater St.Gallen in einem scheinbar isolierten, steril-weissen Schloss auf einer Drehbühne. Nicht ganz so bunt, wie beispielsweise Alices Wunderland, dafür umso geeigneter als Projektionsfläche. Könnte es auch ein Gefängnis sein? Oder eine Laborsituation? Reichlich Farbe bringen dann aber die Kostüme. Schliesslich verliebt sich der Prinz ja in drei Orangen.

Alles ist schon angelegt

Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit der Opéra national de Lorraine und dem Theater Magdeburg. Das Bühnenbild und die Dramaturgie konnten mehrheitlich übernommen werden. Regisseurin Anna Bernreitner hat es aber mit einem neuen Cast zu tun. Erfreulicherweise mit einem sehr vielversprechenden Ensemble, das bereits sehr eingespielt wirkt und dem es gelingt, die gute Stimmung auf das Publikum zu übertragen. Die Gesangsrollen sind klug besetzt und verleiten den einzelnen Figuren noch mehr Tiefgang und Geltung. Besonders die Köchin, die von einem Bass (Kristján Jóhannesson) gesungen wird. Doch das war bereits so angelegt. Man kann bei dieser Oper fast nichts besser machen.

In Zeiten von fake news und künstlicher Intelligenz ist die Aktualität des originalen Werks noch unbestreitbarer und wirft Fragen über den theaterhistorischen Kontext hinaus auf: Sind wir alle nicht auch schon längst Teil einer grossen Show? Ist die Welt wirklich so, wie sie ist? Oder eben scheint? Und welchen Informations- und Manipulationsmechanismen sind wir unterworfen, ja sogar ausgeliefert?

Holt schon mal das Popcorn raus!

Denn ausgeliefert wird in dieser Produktion einiges: transportiert in Holzkisten, mal gefüllt mit Wasser, Orangen, Waffen oder Lyrischem. Von oben herab wird allerlei in die Märchenwelt hineingeschüttet, während der Hofstaat nur mit einer Sache beschäftigt ist: Dem Prinzen (Brian Michael Moore) ein Lachen zu entlocken. Ein Kinderspiel, wenn nicht die böse Fata Morgana (Libby Sokolowski) mit Hilfe des intriganten Ministers Leander (Leon Košavić) versuchte, den Prinzen und Prinzessin Ninetta (Kali Hardwick) zu entzweien

Und als wäre dies nicht genug, debattieren Vertreter:innen verschiedener theatraler Gattungen über den Köpfen der Märchenfiguren um den Verlauf der Geschichte und diskutieren darüber, welches Element wohl als nächstes in die Handlung eingreifen soll. Etwas Tragisches? Oder Komisches? Auch Hohlköpfe haben die Finger im Spiel. Irgendwie ironisch, ist doch ein bisschen wie im echten Leben …

Mehrfach anschauen lohnt sich

Nicht einmal der gute Zauberer Celio (Jonas Jud), der sich hinter einer Wolke in die Traumwelt schmuggelt, weiss, dass der Chor von aussen immer wieder manipuliert, kommentiert und eingreift, um die Handlung voranzutreiben. Am Ende crashen die zwei Welten aufeinander und die Illusion der Traum-Bubble platzt. Der surreale Humor des Librettos (von Sergei Prokofjew und Véra Janocopulos nach Carlo Gozzis L’amore delle tre melarance) und die neoklassische Musik der Oper sind dramatisch, erfrischend und verspielt. Das verrückte Stück verspricht amüsant zu werden.

Die Oper ist ein Zauberkasten. Das Werk bietet alles, was das fabelhafte Herz begehrt. Mit zusätzlich grossem Unterhaltungsfaktor. Zugleich ist es eine Satire auf das Theater selbst. Mit Happy End natürlich. Die Show nur einmal zu sehen wird aber nicht reichen, um die bunte, humorvolle Vielschichtigkeit und musikalisch-stilistische Vielfalt von Prokofjews Oper in ihrer Ganzheit zu erfassen.

Chefdirigent Modestas Pitrenas bringt Prokofjews Musik in all seinen Schichten und Details zum Erstrahlen. Von der Dramaturgie bis hin zur Musik verführt das Werk in eine Traumwelt. Mal bedrohlich realistisch, mal absurd maskiert. Anna Bernreitner plädiert mit der einfallsreichen Inszenierung allgemein für mehr Toleranz. Ein bisschen Spektakel soll aber natürlich auch sein. Denn Lachen ist bekanntlich die beste Medizin, für den Prinzen wie fürs Publikum.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick