Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Schreiben heisst Zeigen und es heisst Verbergen»

Am Mittwoch liest die Berliner Schriftstellerin Judith Hermann im Kunstmuseum St.Gallen aus ihrem im Frühling erschienenen Werk «Wir hätten uns alles gesagt» – ein höchst lesenswertes Buch über die Zurichtungen und Zumutungen des Lebens. von Karsten Redmann
Von  Gastbeitrag
Judith Hermann. (Bild: pd, Andreas Reiberg)

Judith Hermann, 1970 in Berlin geboren, ist keine Vielschreiberin. Seit der Veröffentlichung von Sommerhaus, später, ihrem Erstlingserfolg aus dem Jahr 1998, haben lediglich sechs weitere, eher schmale Bücher das Licht der Welt erblickt: drei Erzählbände, zwei Romane und der jetzt bei S. Fischer vorliegende Band mit Poetikvorlesungen. Sie selbst gibt offen zu, dass ihre «am Leben entlang geschriebenen» Bücher Zeit brauchen: in der Regel erscheint alle fünf Jahre ein neues Werk.

Die 53-jährige Autorin gehört mittlerweile zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller:innen im deutschsprachigen Raum. Viele ihrer Werke wurden innerhalb kürzester Zeit zu Bestsellern und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Allein Sommerhaus, später verkaufte sich 250’000 Mal und wurde in 17 Sprachen übersetzt.

Lob der kritischen Schwergewichte

Einer der Gründe dafür lag in der sehr positiven Besprechung ihrer Kurzgeschichtensammlung im «Literarischen Quartett», dem renommierten Literaturformat im ZDF. Marcel Reich-Ranicki prophezeite der damals 28-Jährigen: «Wir haben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird gross sein.» Kritikerkollege Hellmuth Karasek attestierte den Geschichten Hermanns, neun längeren Erzählungen, die allesamt im Berlin der 1990er-Jahre spielen, überdies «den Sound einer neuen Generation.»

Auf einen ersten Förderpreis im Jahr 1999 – den Bremer Förderpreis – folgten zahlreiche weitere Preise. Für ihren im Jahr 2021 publizierten Text mit dem Titel Daheim, einem ebenfalls sehr breit im deutschsprachigen Feuilleton besprochenen Roman, war sie zuletzt für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert.

 

Der aktuelle Band mit dem vielsagenden Titel Wir hätten uns alles gesagt ist Hermanns siebte Veröffentlichung und trägt den Untertitel «Vom Schweigen und Verschweigen im Schreiben». Entstanden ist das Buch im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen, einer etablierten Vortragsreihe an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Unter einem frei gewählten Titel mit Fragen zur poetischen Produktion und ihren jeweiligen Bedingungen halten zeitgenössische Autor:innen jedes Jahr mehrstündige Vorlesungen. Zur ersten Veranstaltung mit Judith Hermann kamen mehr als 300 Zuhörer:innen.

Unerwartet Privates

Die Berliner Schriftstellerin ist eine Meisterin der Andeutung, sie lässt in ihren Büchern zwar das Wesentliche anklingen, erzählt es aber nicht aus, sondern führt in Erlebnisse und Geschichten hinein, die aus sich selbst heraus leuchten und im vielfach Unausgesprochenen vielsagend werden.

Die eigene Poetik bringt sie daher auch präzise auf den Punkt: «Schreiben heisst Zeigen und es heisst Verbergen.» Diesem literarischen Selbstverständnis bleibt sie auch auf den 192 Seiten in Wir hätten uns alles gesagt treu. In den drei Teilen erzählt sie anekdotenreich und reflektierend von einer ungewöhnlichen Begegnung mit ihrem ehemaligen Therapeuten, von komplizierten Familien- und Freundschaftsverhältnissen sowie vom zurückgezogenen Leben als Schriftstellerin.

 Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt. S. Fischer Verlag 2023, 192 Seiten, CHF 29.90

Lesung und Gespräch: 21. Juni, 20 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen. Moderation: Anya Schutzbach. In Kooperation mit dem Literaturhaus Wyborada und dem Literaturhaus Bodmannhaus.

In ihrem Vorwort zum Buch schreibt sie selbstkritisch: «Die Arbeit an dieser Vorlesung ist nicht einfach gewesen. Auf dem Weg von ihrem Anfang bis zu einem Ende hin ist unerwartet Privates im Text aufgetaucht, es wird sich zeigen, ob das zu bereuen ist. Das Schreiben über das Schreiben ist offenbar und erwartungsgemäss eigentlich vermieden worden, stattdessen haben sich Menschen und Situationen aufgezeigt, die das Schreiben beeinflusst haben.»

Greifbar, spürbar, sinnlich

Nach der Lektüre des Bandes kann man der Autorin in sämtlichen der oben angeführten Punkte nur zustimmen, schliesslich kommen die drei Teile des Buches alles andere als abstrakt daher. Hermann führt in ihren lakonisch daherkommenden Texten (eines ihrer literarischen Vorbilder ist Raymond Carver) keine theoretischen Diskurse aus und gibt auch keine poetologische Maxime oder Ähnliches zum Besten. Ihre Texte sind durchweg greifbar, spürbar und in einer grossen poetischen Sinnlichkeit verfasst. Im besten Sinne lässt sich dieses Schreiben als eine Art ästhetisch-literarischer Weltverarbeitung kennzeichnen.

Wie sich eine solche Weltverarbeitung anhört, wie Judith Hermann ihre Geschichten anlegt und dabei ihrer Leserschaft fordert, davon zeugt eine Passage im dritten Teil: «Die Erzählerin meines sechsten Buches [Daheim] öffnet am Ende die Falle unter dem Schleppdach hinter ihrem Haus. Unklar, was sich darin befindet, nicht einmal mir ist das klar, aber ich ahne es, oder anders – ich weiss es, aber ich habe keine Worte dafür. Was immer es ist, es wird rauskommen, sich zeigen, sichtbar werden. Die Erzählerin wird es, ausserhalb des Buches, nach seinem Ende, sehen und verstehen. Ich werde es sehen. Ich habe es gesehen. Und der Leser, wenn er ein geneigter Leser ist, auch.»

Judith Hermann hat mit Wir hätten uns alles gesagt ein höchst lesenswertes Buch über die Zurichtungen und Zumutungen des Lebens geschrieben. Was darin autobiografisch und was fiktional ist, lässt sie, klug wie sie ist, mehr als offen. Wer den typischen Hermann-Sound vor Ort hören möchte, sollte die Veranstaltung morgen Mittwoch unbedingt besuchen.

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick