Das Unverständnis war gross, als der Stadtrat Ende September Nein sagte zum Kulturhaus an der Oststrasse 25. Aus Spargründen. Rund 400’000 Franken hätte es gebraucht, um die leerstehende Fertigungshalle auf dem ehemaligen Grossenbacher-Areal in St.Fiden in ein Kulturhaus umzurüsten. Die jahrelange Suche nach einem Haus für die freien Theater- und Bühnenschaffenden hätte endlich ein Ende gehabt. Zumindest temporär, denn die Nutzung der Halle wäre befristet gewesen. Stand heute bis Sommer 2026.
Doch der Stadtrat wollte nicht mitspielen, obwohl das Kulturkonzept ein solches Haus eigentlich vorsieht und er sogar vier Millionen Franken dafür in die Investitionsplanung gestellt hat. Allerdings nur für ein fixes Haus. Als Zwischenlösung sei das Projekt Oststrasse zu teuer, findet der Stadtrat. Im Interview mit Saiten erklärte Stadtpräsidentin Maria Pappa: «Wir können es uns bei der derzeitigen finanziellen Situation der Stadt nicht leisten, für eineinhalb Jahre einen Betrag von über 400’000 Franken auszugeben für ein Haus, das uns nicht einmal gehört. Das ist einfach zu teuer.»
Wie hätte das Parlament entschieden?
Ein herber Rückschlag für Ann Katrin Cooper und Karl Schimke vom Verein Gemischtes Doppel, der den Projekt- und Proberaum Pool betreibt. Im letzten Halbjahr haben sie diverse Konzepte geschrieben und Abklärungen getroffen in Zusammenarbeit mit Architekt:innenen, Hochbauamt, Brandschutz, einem Akustiker und weiteren Fachpersonen. Sie haben ihr Projekt mehrfach vorgestellt und auch die geneigte Kulturszene abgeholt und hinter sich versammelt. Nebst diversen Theater- und Tanzkompanien haben auch Chor- und Musikformationen Interesse angemeldet.
Rundgang mit Kulturschaffenden in der Oststrasse 25 Anfang September
Das alles hat Zeit und Geld gekostet. Angesichts dieses beträchtlichen Aufwands wäre es verdient gewesen, dass das Projekt wenigstens vors Stadtparlament kommt. Dessen Entscheid – egal ob negativ oder positiv – wäre demokratisch breiter abgestützt gewesen als jener des Stadtrates. Maria Pappa sagt, das Projekt hätte im Parlament ohnehin keine Chance gehabt. Cooper und Schimke, die bei den Parlamentarier:innen bereits intensiv für das Kulturhaus geweibelt hatten, waren da zuversichtlicher. Wie es ausgegangen wäre, wissen wohl nur die Holzwürmer im Waaghaus, wo das Parlament tagt.
«Kein Traum, sondern eine Notwendigkeit»
Ohnehin ist es jetzt nicht mehr so wichtig, was die Politik denkt, denn Cooper und Schimke wollen nicht länger auf die Stadt warten. Sie haben sich mit dem Verein Das Haus und weiteren Kulturschaffenden zusammengetan und eröffnen das Kulturhaus an der Oststrasse 25 nun auf eigene Faust. Eine gute Adresse. Auf dem Areal haben sich bereits die Cheerleader, das Theater St.Gallen und diverse Kreativschaffende eingenistet.
Zum Kulturhaus-Kernteam gehören nebst Cooper und Schimke Gisa Frank, Peter Surber, Helen Prates de Matos, Sebastian Ryser, Boglárka Horváth und Elenita Queiróz. Weitere Interessierte sind herzlich willkommen. «Dieses Haus ist kein Traum, sondern eine Notwendigkeit», betont Ann Katrin Cooper. «Darum braucht es jetzt das Engagement von unten – auch wenn das für den Moment nochmals viel Gratisarbeit bedeutet.»
Ziel: Nächstes Jahr die 300er-Bewilligung
Die Grundfinanzierung steht. Nach neuerlichen Gesprächen ist der Vermieter von Projekt Interim dem Kulturhaus nochmals entgegengekommen. Es kann nun fast zum Nebenkostenpreis walten. Die Miete wird bis auf weiteres aus den Geldern des Pool bezahlt, zu dessen Konzept auch die Erschliessung neuer Räume gehört. Auch die Infrastruktur kommt vorläufig vom Pool. Er verfügt bereits über eine Tribüne, einen Tanzteppich sowie Licht- und Soundanlage. Selbst die Stadt trägt einen Teil bei: Sie hat dem Kulturhaus zwar die Umbaukosten verwehrt, aber einen Betriebsbeitrag von 60’000 Franken pro Jahr in Aussicht gestellt, sollte es an der Oststrasse auf andere Weise klappen.
Für einen professionellen Bühnen- und Probebetrieb muss dennoch einiges getan werden in und an der Halle. Im Moment dürfen dort nur Veranstaltungen mit bis zu 50 Personen stattfinden. Für einen 300er-Betrieb, wie im Kulturhaus-Konzept vorgesehen, braucht es diverse Umbauten und Anpassungen, unter anderem in Sachen Akustik, Brandschutz und Barrierefreiheit. Ziel ist es, die Bewilligung für 300 Personen im Lauf des nächsten Jahres zu erhalten.
Sponsor:innen gesucht
Der Umbau soll schrittweise stattfinden. So viel wie möglich wird mit ehrenamtlicher Arbeit gestemmt. Der Rest dafür soll aus der Zivilgesellschaft kommen. Aber in relativ kurzer Zeit so viel Geld zu sammeln, ist eine Herausforderung. Die Kulturhaus-Truppe hat sich darum auch bei Leuten aus Politik und Wirtschaft umgehört und um Erfahrungswerte gebeten. Anders als in der Kulturbranche sind 400’000 Franken in diesen Kreisen nicht wahnsinnig viel. Die Rückmeldungen waren einigermassen erhellend. Der Plan ist nun, etwa 20 Menschen zu finden, die 10’000 Franken oder auch mehr spenden. Eine Handvoll hat sich bereits gemeldet.
Ein weiterer Teil soll durch Sachsponsoren gedeckt werden. Gesucht wird unter anderem noch Unterstützung bei der Reinigungs-, Holz- und Maurerarbeiten. Bereits Hilfe zugesagt haben die Heizungsfirma Hälg und der Veranstaltungstechniker Monkey Productions. Als nächstes stehen Reinigungsarbeiten und die Suche nach Mieter:innen für die Atelier- und Proberäume im Obergeschoss an. Zudem wird die Infrastruktur vom ehemaligen Pool an der Dürrenmattstrasse in die Halle gezügelt.
Den Schlüssel für die Halle haben Schimke und Cooper am Donnerstag in Empfang genommen. «Das Risiko ist gross, aber wenn es uns gelingt, wird es richtig gut», sagt Cooper. Aus ihr spricht eine Mischung aus Zuversicht und Verpflichtung. «Wir sind seit Jahrzehnten auf der Suche nach einem geeigneten Haus. Die Oststrasse ist einfach zu perfekt, um es nicht zu versuchen.»
Im Obergeschoss gibt es verschieden grosse Atelier- und Proberäume
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