Da fordern die freien Bühnenschaffenden in St.Gallen seit Jahren ein eigenes Haus, seit dem Abbruch des Theater-Provisoriums besonders laut. Etliche Diskussionen wurden geführt in den letzten Monaten, man liess Abklärungen machen, besichtigte gemeinsam Liegenschaften unter anderem an der Bogenstrasse, an der Haggenstrasse und zog gar eine alte Kirche in Betracht. Alles wären Kompromisse gewesen. Oder zu teuer. Oder beides. Dabei stand die längste Zeit ein passendes Haus da. Es wartete nur darauf, zum Kulturhaus zu werden. Aber niemand hat es bemerkt. Will heissen: Durch die Brille der Kulturschaffenden betrachtet. Auch nicht, als es am Rande eines Bauprojekts über den Behördentisch wanderte.
Die Liegenschaft, um die es geht, ist Teil eines in den 1960er-Jahren erbauten Gebäudekomplexes der Firma Grossenbacher. Als der Platz in der Innenstadt zu knapp wurde, liess sie sich in St.Fiden einen neuen Hauptsitz errichten. 1962 wurde dieser an der Oststrasse 25 bezogen. Ein Büro- und Wohnhaus samt Attika-Bereich für die Angestellten. In einer zweiten Etappe folgten zwei neue Werk- und Montagehallen gleich gegenüber, inklusive Café, Betriebskantine, weiterer Büros und Wohnungen – die Oststrasse 29, die jetzt zum Kulturhaus werden könnte. Als letztes wurde gleich hinter dem Hauptsitz eine weitere Werkhalle gebaut, die heute im Inventar der Denkmalpflege ist.
«Die Sonne strahlt in das Gebäude und schafft eine einladende Atmosphäre», sagt Nadika Mohn. «Ich fühle mich hier wohl. Es gibt viele Rückzugsorte sowie grosse Hallen, in denen man Ideen und Kreativität teilen kann.»
Architekt des Komplexes war Ernest Brantschen (1922–1994), einer der bedeutendsten Ostschweizer Nachkriegs-Architekten. Seine Bauten prägen das St.Galler Stadtbild bis heute. Ikonisch die Bruder-Klaus-Kirche in Winkeln. Brantschen entwarf aber nicht nur Sakralbauten, sein Werk ist recht diversifiziert. Von ihm stammen unter anderem auch das Sek-Schulhaus Schönau und die «Centralgarage» am Unteren Graben, wo früher die UG24-Tankstelle war. Sein Wohnhaus beim Gäbris hat er ebenfalls selber entworfen.
In den 50er- und 60er-Jahren war Brantschen sozusagen der Hausarchitekt der Firma Grossenbacher, schreibt der Architekt und Raumplaner Gregory Grämiger in seinem 2021 erschienenen Buch über Ernest Brantschen. Das Gebäude an der Oststrasse 29 sei nicht nur hinsichtlich seiner multifunktionalen Nutzung ein Hybrid, sondern auch aufgrund seiner Konstruktion. Die Montagehalle wurde als Leichtbau in Stahl erstellt, der anschliessende Wohn- und Bürotrakt in Massivbauweise. Statisch war das eine Herausforderung, denn unter den Wohneinheiten befindet sich eine zweigeschossige Werkhalle, die in die Montagehalle übergeht – beide ohne tragende Pfeiler.
Ideale Raumbedingungen für ein Kulturhaus
Was Ingenieur:innen gerne hören, freut auch die Bühnenschaffenden. Denn grosse hohe Räume ohne störende Stützen – das findet man selten. Die Option an der Haggenstrasse, die man in Zusammenarbeit mit der Stadt geprüft hat, scheiterte unter anderem genau daran. Die Oststrasse 29 eignet sich aber noch in mehrerlei Hinsicht ideal als Kulturhaus. Nebst zwei grossen Hallen verfügt die Liegenschaft über Nasszellen und Garderoben, kleinere Räume etwa für Büros oder Ateliers im Obergeschoss sowie grosszügige Lagerflächen im Keller, die über einen Warenlift erreichbar sind. Und sie böte Platz für bis zu 200 Besucher:innen. Ein wesentlicher Aspekt, denn der Austausch und das Zeigen ihres Schaffens vor Publikum ist für Kulturschaffende zentral. Kommt hinzu, dass Öffentlichkeit bei Stiftungs- und Förderanfragen oft eine Bedingung ist.
Einer der wichtigsten Probe- und Projekträume für die freie Szene im Kanton ist seit 2020 der «Pool» vom Verein Gemischtes Doppel im St.Galler Lachen-Quartier. Aufführungen sind dort aber nicht möglich aufgrund des Brandschutzes. Die Öffentlichkeit muss draussen bleiben – und der Pool ohnehin bald umziehen, denn die Liegenschaft soll abgerissen werden (mehr dazu hier). Pool-Betreiberin Ann Katrin Cooper sucht schon länger nach einer Anschlusslösung.
Mit ihrer Forderung nach mehr «Raum für Kultur» ist Cooper aber bei weitem nicht allein. Der Ressourcenmangel ist chronisch und spartenübergreifend. Den freien Bühnenschaffenden fehlt es an allem: Spielorten, Proberäumen, Werkstätten, Lagern, Fundus, technischer und allgemeiner Infrastruktur und natürlich Geld. Seit den 80er-Jahren kämpfen sie für ein eigenes Haus. Seit 2020 ist ein solches Haus – professionell geführt und spartenübergreifend – auch im Kulturkonzept der Stadt festgeschrieben. 4 Millionen Franken wurden dafür in die Investitionsplanungen eingestellt. Wie dieses Geld eingesetzt werden soll, hängt ab von den Möglichkeiten, die sich der Stadt bieten. Auch der Kanton hat sich zu einem Haus für die freie Kulturszene bekannt. Co-Kulturamtsleiterin Sabina Brunnschweiler sagt: «Das Amt für Kultur hat ein Interesse daran, die Stadt St.Gallen zu unterstützen, um hier einen Schritt weiterzukommen.»
Ein Betriebskonzept mit breitem Programm
Das Haus an der Oststrasse könnte aber mehr sein als nur ein Nest für die Freien. Ann Katrin Cooper skizziert in einem Betriebskonzept für die Oststrasse 29 «ein professionell geführtes Kulturhaus» für die darstellenden Künste sowie Musikensembles mit regionaler und überregionaler Ausstrahlung. Auch allerlei Vermittlungs- und Beteiligungsformate sollen darin Platz haben. Ein «Haus für alle Generationen und alle Bürger:innen der Stadt und der Region» soll es werden, ein niederschwelliger Treffpunkt und Begegnungsraum für ein breites Publikum.
Entsprechend breit angedacht ist das Programm: Zeitgenössisches Tanz- und Theaterschaffen, Kinder- und Jugendtheater, Klassik- und Jazzkonzerte, Lesungen und Kabarettabende, aber auch Workshop- und Diskussionsformate gehören dazu. Und das Konzept sieht nebst lokalen Projekten und übergreifenden Kooperationen auch Gastspiele von externen Veranstalter:innen und Kompanien vor. Sie könnten das Haus für Tourneen oder Konzerte mieten und so einen Teil des Betriebs querfinanzieren.
Nadika Mohn war unter anderem in Stücken von Riva & Repele, Tamara Gvozdenovic und Marcel Lehmann zu sehen. Seit mehreren Jahren entwickelt sie eigene zeitgenössische Stücke.
Ann Katrin Cooper ist überzeugt, dass sich das Haus an der Oststrasse mit einigen wenigen Anpassungen ideal als Kulturhaus eignen würde. «Eine bessere Option wird so schnell nicht kommen, das haben die Abklärungen der vergangenen Monate gezeigt.» Auch Karl Schimke, Berufsmusiker, FDP-Stadtparlamentarier und Präsident des Vereins Gemischtes Doppel, sagt: «Endlich! Es ist genau das, was wir suchen.» Der Tubist weiss: Auch die Otmarmusik, die Stadtmusik und das Jugendsinfonieorchester sind auf der Suche nach neuen Probelokalen.
Im Betriebskonzept sind diese Formationen explizit mitgedacht – und noch viele weitere Institutionen oder Vereine, darunter Gambrinus Jazz, diverse Chöre, die kleine Kunstschule, das Frauenbildungsprojekt Aida, das Literaturfestival Wortlaut, der Verein Das Haus und natürlich die Theaterfestivals Jungspund und Paula. Solange kein Haus für die Freien existiert, ist gerade letzteres eine wichtige Plattform für die Sichtbarkeit des freien Bühnen- und Theaterschaffens. Während zehn Tagen bringt das Paula-Team um Rebecca C. Schnyder und Michael Finger hiesige sowie nationale und internationale Produktionen auf die Bühne. Allerdings nur alle zwei Jahre.
Für die Stadt eine günstige Option
Ein Kulturhaus bauen wird die Stadt angesichts der Finanzlage voraussichtlich nicht in den nächsten Jahren. Ein Umbau wäre also auch in ihrem Interesse. Nach einem ersten Augenschein Ende Mai haben die städtischen Behörden grundsätzlich positiv auf die Oststrasse 29 reagiert. Von den räumlichen Anforderungen und Gegebenheiten her sei das Gebäude auf den ersten Blick durchaus eine Option, sagt Kristin Schmidt von der städtischen Kulturförderung. Aber es brauche noch weitere Abklärungen, unter anderem seitens der Feuerpolizei und des Hochbauamts. Erst dann könne man sagen, ob sich eine Investition lohne. «Der Gesamtstadtrat wird sich so schnell wie möglich damit befassen.»
Für die Stadt wäre die Oststrasse eine vergleichsweise günstige Option. Die Investitionen für bauliche und betriebliche Massnahmen dürften sich in einem vertretbaren Rahmen bewegen, sagen Cooper und Schimke. Aber es braucht noch Umbauten für Feuerschutz, Fluchtwege und behindertengerechte WCs. Sie haben bereits diverse Abklärungen getroffen. Eine weitere grosse Frage im Moment: Wieviel muss in die Akustik investiert werden, damit die Mieter:innen in den Wohnungen über der Halle weiterhin ihre Ruhe haben? Ein erstes Gutachten hat ergeben, dass die gesetzlichen Grenzwerte mit relativ wenig Aufwand eingehalten werden können.
Für den Betrieb bräuchte das Haus ausserdem Anpassungen für Lichttechnik, Garderoben- und Barbereich sowie einen Bühnen- und einen Tanzboden. Einen Grossteil an Infrastruktur bringt Pool bereits mit, darunter eine Tribüne für 150 Personen, 300 Stühle, Büroinventar, eine Licht- und eine Soundanlage sowie einen Tanzteppich. Was andere Gruppen und Institutionen weiter beisteuern könnten, ist noch offen. Das Zusammenlegungspotenzial ist jedenfalls gross. Cooper und Schimke kommen mit ihren vorläufigen Berechnungen auf 250’000 bis maximal 300’000 Franken für alle baulichen und betrieblichen Massnahmen. Der Grossteil der Investitionen ist ortsungebunden.
Preislich also ungefähr eine Olmahallenstütze. Es gibt aber einen Haken: Die Nutzung des Hauses ist befristet. Im Moment bis Herbst 2026. Die neuen Besitzer:innen haben bereits 2022 eine Studie für eine Überbauung des Gebiets an der Oststrasse in Auftrag gegeben. Ein Sondernutzungsplan ist in Vorprüfung. Die Stadt wird sich gut überlegen, wie viel sie in ein temporäres Kulturhaus investiert, denn die Zeiten, in denen sie die Liegenschaft noch zu einem vertretbaren Preis hätte rückkaufen können, sind wohl vorbei. Das Innenverdichtungspotenzial in diesem vielfältigen Quartier ist gross, ausserdem ist es mit St.Fiden-Bahnhof und Autobahnanschluss bestens erschlossen. Das freut nicht nur die Kulturschaffenden, sondern auch die renditefreudigen Bauherr:innen.
Die Zwischennutzung wäre Stand heute eine Umsetzung auf Zeit, die als Testphase für ein dereinst fixes Kulturhaus dient. Man könnte Erfahrungen sammeln und herausfinden, welche Bedürfnisse ein solches Haus für die Kulturszene und auch für das Publikum erfüllen müsste. Und je länger diese Phase dauert, desto günstiger ist die Investition für die Stadt. Sie darf sich diese Chance nicht entgehen lassen, will sie den selbstauferlegten Auftrag im Kulturkonzept wahrnehmen und sich für ein Kulturhaus einsetzen. Die Kulturszene hat ihre Vorarbeit dafür geleistet und ist bereit, um loszulegen (mehr dazu im nachfolgenden Interview). Wenn die Stadt diese Gelegenheit verstreichen lässt, ist der Schwung draussen und es wird sich wohl lange Zeit nichts mehr tun in Sachen Kulturhaus.
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