Kategorie
Autor:innen
Jahr

St.Gallens düsterstes Kapitel

Er wollte Jazz-Schlagzeuger werden. Doch er landete in der Arbeitserziehungsanstalt. Thomas A. aus Rapperswil war ein Opfer der behördlichen Zwangsversorgungen. Eines unter vielen.
Von  Ralph Hug

Sein Traum war es, Musiker zu werden. Oder auch Fotoreporter. Schon mit 19 Jahren spielte er Schlagzeug in einer Jazzband. Doch aus seinem Traum wurde nichts. Auf ihn wartete vielmehr ein Alptraum. 1963 schlugen die Behörden zu. Sie wiesen ihn in die Arbeitserziehungsanstalt Kalchrain im Thurgau ein.

Thomas A., geboren 1944, hatte ihnen etwelche Probleme bereitet. Weil er nicht nach ihrer Pfeife tanzte. Im Protokoll des St.Galler Regierungsrats vom 2. April 1963 ist nachzulesen, was los war. Die Stadt Rapperswil hatte den Jugendlichen im Auge, weil er «arbeitsscheu» und «liederlich» war. Das heisst übersetzt, er wollte nicht den Handwerksberuf erlernen, in den ihn die Bürokraten stecken wollten.

Weil Thomas ein Waise war, hatten die Ämter bei seiner Berufswahl ein Wörtchen mitzureden. So fanden sie, er müsse nach der obligatorischen Schule in einer Buchdruckerei arbeiten. Die Drohung, ihn sonst zu versorgen, sollte dem nachhelfen. Doch Thomas‘ Freiheitsdrang war grösser. Nach zwei Tagen kehrte er dem Job den Rücken und blieb zuhause.

Entsorgt, wer nicht ins Schema passte

Im Juli 1960 sah er sich in der Erziehungsanstalt Platanenhof wieder. Das Waisenamt hatte ihn eingewiesen. Er blieb dreiviertel Jahre dort, bis ihn eine Optiker-Lehrstelle in St.Gallen rauslockte. Bald schwänzte er aber Job und Gewerbeschule erneut. Die Firma löste den Lehrvertrag auf. Zur Rede gestellt, räumte er ein, er habe den Vertrag nur unterzeichnet, um dem Platanenhof zu entrinnen. Es sei dort für ihn unerträglich geworden. Und erneut insistierte er, er interessiere sich nur für ein Musikstudium.

1963 war es dann so weit: Die Behörden fuhren das gröbste Geschütz auf, das sie hatten: Zwangsversorgung. Thomas A. kam nach Kalchrain. Und zwar aufgrund eines Gesetzes aus dem Jahr 1872, das es möglich machte, Menschen die Freiheit zu nehmen. Auch ohne dass sie jemals eine Straftat begangen hätten. Administrative Einweisung nennt man das.

Im Kanton St.Gallen wurden zwischen 1872 und 1971 Tausende von Menschen in Anstalten, Heimen und Gefängnissen «versorgt». Das ergab eine Studie von Sybille Knecht im Auftrag des Staatsarchivs St.Gallen. Besser müsste man wohl sagen: entsorgt statt versorgt. Denn mit dem Mittel des administrativen Freiheitsentzugs suchten sich die Gemeinden aller möglichen «Problemfälle» zu entledigen. Darunter viele Menschen, die gar keine Probleme bereitet hätten, wenn man sie so akzeptiert hätte, wie sie eben waren. Wie Thomas A., der Jazzer werden wollte. Und nichts anderes.

«Das war die Hölle»

Doch wer nicht der sozialen Norm entsprach und partout keine «rechte Arbeit» verrichten wollte, erhielt bald einmal das Etikett «liederlich» (bei Frauen) und «arbeitsscheu» (bei Männern) aufgedrückt. Ein Zwangsaufenthalt in Kalchrain oder auch in der St.Galler Anstalt Bitzi in Mosnang bewirkte in der Regel das Gegenteil: Schock und Trauma fürs Leben statt Hilfe und Integration in die Gesellschaft. Einer, der als Jugendlicher sowohl Kalchrain als auch die Bitzi überlebt hat, meint heute rückblickend: «Das war die Hölle auf Erden. Wir wurden geschlagen und mussten Zwangsarbeit leisten.»

Knechts Studie stösst die Tür zu St.Gallens wohl düsterster Vergangenheit auf. Viele Schicksale warten noch darauf, erforscht und publik zu werden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Derzeit sucht der Bund nach einer Lösung zur Entschädigung der Opfer. Hängig ist auch eine Volksinitiative von Guido Fluri, die einen Fonds von 500 Millionen Franken verlangt. «Täter» waren aber primär die Gemeinden und Kantone. Niemand hat sie bis heute für ihre Verfehlungen belangt.

 

Zwangsversorgungen. Administrative Anstaltseinweisungen im Kanton St.Gallen 1872-1971. Bericht von Sybille Knecht. Bezug durch das Staatsarchiv St.Gallen, siehe auch www.sg.ch

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4