Es beginnt noch einigermassen harmlos, mit Hail To The Economy, einem zynischen Stück über das kaputte Wirtschaftssystem und die beängstigende Zukunft für die nicht-milliardenschweren 99 Prozent der Menschheit. Schon das ist eine traurige Erkenntnis, vorgetragen nur mit Stimme und Klavier, wie alle acht Stücke auf dem neuen Soloalbum von Lord Kesseli.
Aufgenommen wurde es im Salzhaus Winterthur im Rahmen der jährlich stattfindenden «Tastenwochen». Zwei Monate hat sich Dominik Kesseli verschanzt und verkrochen, Neues geschrieben, sich intensiv auf die Session vorbereitet und schliesslich ganz allein im leeren Konzertlokal performt. Ohne seinen Compagnon Michael Gallusser, mit dem er sonst als Lord Kesseli & The Drums unterwegs ist. Er kam erst in der Postproduktion wieder ins Spiel.
Gallusser ist trotzdem Teil des Kesseli-Soloalbums, denn fünf der acht Stücke sind Lord Kesseli & The Drums-Songs, arrangiert fürs Klavier, reduziert aufs Wesentliche. Hier zeigt sich einmal mehr, was grossartige Kompositionen eben auch ausmacht: Wenn sie unabhängig von Instrumentierung und Setting zünden, egal ob als Rock-, Techno- oder Akkustikversion.
Vor allem bei MDMA ist Kesseli die Neuadaption vorzüglich gelungen. Der Track geht im Original schon tief, aber in der Pianoversion frisst er sich noch weiter in die Eingeweide. The Trip is real. Und der driftige Instrumentalteil zum Schluss gefühlsmässig erstaunlich nah an der Urversion, Dissonanzen inklusive. Für Cold War und Robert The Robot gilt dasselbe.
Der Kokon ist aufgebrochen
Kesselis Metamorphose von der weissgewandeten Lichtgestalt hin zu einem düsteren Lord, die sich bereits im letzten Lord Kesseli & The Drums-Album angekündigt hat, scheint weiter fortgeschritten zu sein. Die Brandlöcher sind grösser geworden, der Kokon ist aufgebrochen, Lord Kesseli ist zum Hohepriester der Traurigkeit geworden.
Sein Label Irascible hat extra noch vorgewarnt. «Tieftraurig» sei das Album. Aber mit solchen Adjektiven wird bekanntlich gern um sich geschmissen. «Traurig» oder «melancholisch» steht in jeder dritten Ankündigung, wenn es sich nicht gerade um Partyschlager oder Deutschrap handelt. Hätte ich Irascible besser mal beim Wort genommen.
Jetzt sitze ich nämlich bei schönstem Sommerwetter auf dem Balkon, die Kinder kommen aus der Schule, überall Sonnencreme und Sandalen, und statt Schweiss laufen mir einfach nur die Tränen herunter.
Der Rasenmähermann von nebenan guckt schon fragend herüber, aber was soll ich ihm sagen? Dass ich gerade wahnsinnig berührt bin? Dass ich statt Glacé Next-Level-Sadness aufsauge, ganz ohne Pilcher-Kitsch und unnötigen Pathos?
Allumfassende Traurigkeit
Hail To The Economy ist wie gesagt noch einigermassen harmlos und auch bereits bekannt, aber dann kommt Meteors Hitting The Earth, eines der neuen Stücke, wos darum geht, wie es sich anfühlt, die Verbindung zu sich selbst zu verlieren. Da begann schon die Unterlippe zu zittern. Und beim namensgebenden Stück Tell Me When You’re Empty sind die Dämme endgültig gebrochen.
Das Stück erzählt von einer engen, durch eine Depression belastete Freundschaft. Ich kenne ähnliche Situationen. Ein guter Freund von mir steckt gerade tief drin, alles ist schwierig, wir in seinem Umfeld wissen nicht weiter.
«Tell me when you’re empty, you’re here at home, you will never be alone», singt Kesseli. «Here in my arms, I protect you from harm.» Wie gern würde ich das meinem Kumpel auch sagen, ihn auch in den Arm nehmen, aber ich kann nicht, weil ich wie so oft überfordert bin. Danke, Lord, dass du mich dazu ermutigt hast, ihn nachher anzurufen.
Lord Kesseli: Tell Me When You’re Empty, erschienen bei Irascible
Taufe: 19. Juni, Palace St.Gallen palace.sg
Ich könnte mich wehren gegen diese allumfassende Traurigkeit in Kesselis Pianostücken, weiter dem Bäderbus und den Sandalenkindern zuschauen. Weil man nicht traurig sein darf bei diesem schönen Wetter, sowas gehört vielleicht in den Herbst und schon gar nicht in die Öffentlichkeit. Wir verbieten es uns.
Dabei geht vergessen, dass dieses Gefühl genauso zu unserem Leben gehört wie Freude, Wut oder Hass. Lord Kesseli erinnert mich wiedermal daran. Er tut das nicht überladen und manieriert, sondern auf seine Art abgeklärt. Wie einer, der alles Traurige in einen glitzernden inneren Dunkelsee hat fliessen lassen, wo er ganz selbstverständlich drin badet. Und im Reinen mit sich ist.
So will ich mich auch versöhnen für heute. Also köpflere ich in die Summer Sadness und winke dabei dem Rasenmähermann gegenüber zu.
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