Das Debut von Lord Kesseli & The Drums war noch ein wenig heller, leichtfüssiger. Der Lord (Dominik Kesseli) war ein vermeintlicher Guru des Guten, eine Lichtgestalt mit Hang zum Opulenten, und die Drums (Michael Gallusser) taten das Übrige zum hymnisch-verschrobenen Soundtrack der sakralen Zeremonie. Auf dem neuen Album Melodies Of Immortality schaut die Welt etwas anders aus. Sie ist komplexer geworden, noch doppelbödiger und kaputter, die Geschichten darin sind aber wie gewohnt voller Pathos, Höhen und Tiefen.
Die Singleauskopplung Chemical Mother geistert schon seit Mitte September im Netz herum. Am farbenprächtigen Video dazu hat unter anderem Thomas Kuratli mitgearbeitet, auch bekannt als Pyrit. Man spürt, dass die drei St.Galler oft und gerne zusammenarbeiten. Man ahnt aber auch, dass mit dem Lord und den Drums etwas passiert ist in den vergangenen eineinhalb Jahren. Aus den früheren Ministranten wurden Brandlöcher und aus dem weissen Gewand eine schwarze Robe.
«Strong» und «Weak»
«I am healthy, strong and hot as hell», heisst es im Text. Das sollten wir uns alle jeden Tag als Leitspruch nehmen, ganz ohne Hintergedanken. Doch so einfach ist es leider nicht, schliesslich kann einem jederzeit das «weak mind» in den Lauf funken, von dem im Text ebenfalls die Rede ist. Die Kluft zwischen diesen beiden Bewusstseinszuständen ist allzu oft finster und schmerzlich. In Musik übersetzt, könnte das so ähnlich tönen wie Chemical Mother.
Cold War hat zu Beginn eine versöhnliche Note. Von weit her schwingt die Erinnerung an Frank Sinatras My Way mit. Im Kopfkino: Glückliche Wesen, die füdliblutt zusammen in der Wiese liegen, im Schatten eines Turms, aus purer Liebe gebaut, und sich in die Ekstase küssen.
Das tönt nach Hippie-Fantasie, nach plumper Gutmenschen-Nostalgie, doch es ist mehr als das, denn die musikalische Hülle, zunehmend düster und stellenweise verdorben, droht immer wieder aufzubrechen, sie kippt ins Melancholische, Mechanische. Man kommt sich ein bisschen vor wie auf Instagram: Alle sagen einem, wie glücklich man sein soll oder sein könnte, aber hinter der Fassade tun sich die bulimischen Abgründe der Leistungs- und Hochglanzgesellschaft auf. Vor allem im zweiten Teil von Cold War, wenns eine Oktave tiefer geht.
Die Drums und der Lord.
Wo wir beim Thema Internet sind: Das ironische Hail To The Economy fasst die Schattenseiten des Kapitalismus in Verbindung mit dem technologischem Fortschritt ziemlich knackig zusammen. Untermalt von lieblichen Gitarren erzählt uns der Lord, dass wir gar nicht mehr nachzudenken brauchen dank der «million dollar search engine», dass die Gutmenschen schachmatt sind, weil sich Angst in Hass verwandelt hat, und dass unbekannte Übergötter derweil Krieg spielen und wie von Zauberhand enorm dran verdienen.
Kluge Texte über die Folgen dieser Entwicklungen findet man auch im Studium, in philosophischen Runden oder ab und zu in Sonntagszeitungen. Wer es kompakter will, kann sich den Lord und die Drums anhören – «hail to the slavery!»
Rotweinflecken auf dem Spitalbett
Zum Glück gibt es noch die Liebe. Wenn da etwas schiefgeht, leidet wenigstens nicht die ganze Welt darunter. Wizard wird begleitet von Echos und vermeintlich harmlosen Klavierakkorden. Das Stück beginnt hoffnungsvoll und endet im oft zerstörerischen Bann der Liebe und dem alles beherrschenden Kummer, der manche zu Monstern werden lässt. Oder ist der Wizard bzw. die Liebe auch wieder eine Metapher für den Kapitalismus? Man kann es so oder so auslegen. Ähnliches gilt für Robert My Robot, der wohl eher eine Substanz als ein Roboter sein dürfte. Je verzweifelter er besungen wird, desto verzweifelter flirren die Gitarren.
In Just A Dream geht es um Psychopharmaka und den Wahn. «I wish, I wish you could see her by my side, I wish, I wish you’d believe that she’s alive», heisst es im Text. Auch musikalisch steigern sich Lord Kesseli & The Drums in etwas hinein, in eine Art Down-Tempo-Reggaeton samt einer Prise Urban Hymns von The Verve. Beim Hören stellt man sich die Frage, was «Realität» überhaupt bedeutet und ob eine sogenannte alternative Realität wirklich ständig hinterfragt oder sogar mit Medikamenten behandelt werden muss, solange der oder die Betroffene keinen Leidensdruck verspürt.
Melodies Of Immortality: ab 23. November erhältlich, auch als Doppel-Vinyl, erschienen auf Irascible Records
Plattentaufe: 30. November, Palace St.Gallen lordkesseliandthedrums.com, palace.sg
Eine andere Frage, die man sich während der 45 Minuten beim Hören von Melodies Of Immortality stellt: Von welchem John ist im titelgebenden Stück die Rede und was ist los mit seiner Flöte? «John, the drums and I are the last ones to know», heisst es da mantramässig, gesungen von einer Stimme wie Kerzenwachs, dahinter dröhnender Bass. Vielleicht gibt es die Antwort an der Plattentaufe. Dort wird hoffentlich auch Sängerin Marie Malou dabei sein, die auf dem achten und letzten Stück Winterstorm ihren ganz eigenen Hoffnungsschimmer dazugibt und für ein versöhnliches Ende sorgt. Schön wärs!
Melodies Of Immortality ist ein gelungenes, neues Kapitel im Lord Kesseli & The Drums-Evangelium. Eher aus einem Guss als der Erstling. Manchmal etwas harter Stoff, der live sicher grandios daherkommt, aber nicht unbedingt etwas für die allmorgendliche Busfahrt in den Stollen ist. Mehr für rauchgeschwängerte Keller und Spitalbetten voller Rotweinflecken.
Und hier, die barrierefreie Deluxe-Version dieses Texts samt Musik, eingesprochen von Judith Altenau:
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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