Musik von Feministinnen ist gern laut, angriffig und explizit. Kein Wunder, schliesslich müssen sich all die Riot Girls, She-Devils und Wet Ass Pussys in einer von Männern dominierten und entsprechend rauen Branche behaupten. Jaja, schon klar, früher wars schlimmer, trotzdem ist noch viel zu tun. Und ja, You Don’t Own Me, das kann man auch leiser sagen, Lesley Gore hat es vorgemacht. «Don’t try to change me in any way» sang sie 1963 andächtig im Dreivierteltakt und von Streichern begleitet, «don’t tie me down ‚cause I’d never stay».
Die Künstlerin Jeffi Lou aus St. Gallen geht ähnlich an die Sache heran. Mit eingängigen Pop-Melodien, Elektronikguss, Schlagerkrümeln und einem Händchen für Hooks. Und dann lässt sie Klartext aus dieser Pop-Pralinen-Verpackung herauspurzeln. Die Lyrics lassen keinen Zweifel daran, dass hier eine dem Patriarchat den Kampf angesagt hat. In Mundart singt sie von Mansplaining, Angst vor Übergriffen, Perfektionsansprüchen oder Kinderlosigkeit. Beziehungsweise halt: Kinderfreiheit.
Unbemannt und stolz darauf
Jeffi Lou ist ein Pseudonym von Riccarda Naef. Keine Kunstfigur, sondern ein Teil von ihr. Eigentlich kommt Naef aus der Performancekunst. Sie hat in Luzern und Zürich Kunst und Kunstpädagogik studiert und seit 2015 diverse Ausstellungen und Performances realisiert.
Im Sommer 2019 war sie mit dem Saint City Orchestra auf Tour und hat dafür ihre verstaubte Geige aus Kindertagen wieder hervorgeholt. Und die Liebe zum Medium Musik neu entdeckt. Wenig später begann sie, eigene Songs zu schreiben. Diese kombinierte sie mit Spoken Word und performativen Elementen zu einer Bühnenshow namens De Prinz im Porsche, wo es alles andere als zahm zu und her geht. Das abendfüllende Programm mischt Körpersäfte mit dem Kampf für Selbstbestimmung und Fickposen mit der Anerkennung von Menstruationsschmerzen.
Riccarda Naef, fotografiert von Derya Suter
Jeffi Lous EP-Debüt umfasst lediglich drei Songs. Alles Positive helenefischert gutgelaunt vor sich hin, fordert hochgezogene Mundwinkel trotz weiblicher Erschöpfung und lästigem Patriarchat. Eine Durchhaltehymne über das eigene Glück, für das man nur selbst verantwortlich ist. Das zynische Like sucht so verzweifelt nach Aufmerksamkeit wie Apache 207 nach der Vergebung der Frauen. Sehr tanzbar, samt Reprise, dafür ein grosses Like. Und Singuläre Frau sinniert ausladend über die Vorurteile gegen die unverheiratete, unbemannte und darum vermeintlich unglückliche Frau. Was natürlich totaler Humbug ist, wie Jeffi Lou deutlich klarmacht. Frau hat zwar eine Gebärmutter, aber sie hat keine zu sein.
Vertontes Erwachen
Catchy Harmonien, die sich an sarkastischen Texten reiben: Das ist pure Absicht. Die Popmusik ist Naefs trojanisches Pferd. «Ich will die Erwartungen brechen, die Leute über meine Melodien abholen und so für feministische Themen sensibilisieren», sagt sie. In der progressiven Bubble mag sie damit leichtes Spiel haben, aber wie ist es in Berlin, wo sie derzeit in einem Atelieraufenthalt ist und als Strassenmusikerin umherzieht? «Die Resonanz ist gemischt», sagt sie und lacht. «Manche sind skeptisch, aber meine Texte hallen bei vielen nach. Daraus ergeben sich gute Gespräche.»
Jeffi Lou: Singuläre Frau, ab 12. November auf allen gängigen Plattformen
jeffilou.ch
Naef sagt, sie habe sich selbst erst vergleichsweise spät als Feministin bezeichnet. Lange habe sie die gesellschaftlichen Verhältnisse als selbstverständlich betrachtet und auch ihre eigenen Muster nicht hinterfragt. Bis eine Beziehung in die Brüche gegangen ist. «Wörter mit A haben mich jahrelang geprägt», sagte sie kürzlich zu Radio SRF: «Angst, Anpassung, Arschlöcher, Abhängigkeit.» Ihre unverblümten Songtexte sind auch ein Ausdruck dieses eigenen Erwachens, niederschwellig und tief im Alltäglichen verankert, fernab von feministischer Theorie und akademischen Diskursen. Eben so, wie das Pop-Genre, mit dessen Klischees sie bewusst spielt.
Als Performance-Künstlerin hat sich Naef immer schon mit ihrem eigenen Körper beschäftigt, mit Schönheitsidealen und Rollenbildern. «Aber meine Stimme ist dabei immer zu kurz gekommen», sagt sie. Als Jeffi Lou hat sie nun eine sehr explizite Stimme. Jetzt in Berlin und ab Februar wieder in ihrem Atelier in der St.Galler Reithalle arbeitet sie mit PC, Midi-Controller, Mic und Plug-in-Instrumenten an neuen Songskizzen. Die Geige spielt sie selber ein und bald auch den E-Bass. Seit einiger Zeit nimmt die 33-Jährige Bass-Unterricht. «Ich mag Herausforderungen», sagt sie. Heute sind es neue Wörter, die sie prägen: Aufbruch und Ausbruch, aber auch Konfrontation und Reflexion.
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