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Tüchel will immer noch mehr und mehr

Nach 25 Jahren Bandgeschichte lanciert Tüchel ein fünftes Album mit schnörkellosem Punkrock – keine musikalische Revolution, Spass macht es trotzdem.
Von  Urs-Peter Zwingli , 
Tüchel legen die Booklets noch selber ein. (Bild: pd)

Für einmal gab sich die St.Galler Punkband Tüchel betont seriös und erwachsen. Die Aufnahmen für das neue Album mit dem Titel More and More wurden diesen Herbst im Pit Stop Music Studio rechtzeitig abgeschlossen: Ganze fünf Wochen vor dem Release-Konzert wurden sie an ein CD-Presswerk nach Deutschland geschickt. «In 25 Jahren Bandgeschichte haben wir das nie so früh geschafft, sonst war das immer auf den letzten Drücker», sagt Gitarrist Hüe und grinst bei der Erinnerung. Doch dann kam der Bescheid der CD-Produzenten, dass es Verzögerungen gebe…

Schliesslich fuhr Tüchel-Sänger Doppelmeter zwei Tage vor dem geplanten Konzert über die Grenze, um die CDs endlich abzuholen. Als er dann voller Vorfreude das neue Album anschaute, merkte er, dass das CD-Cover zwar von Tüchel war, im Innern
 des Booklets aber Bilder und Texte einer deutschen Oi-Band abgedruckt waren – Katastrophe!

Nacht- und Nebelaktion vor Halloween

Was folgte, war eine Nacht- und Nebelaktion: Die Bandmitglieder klapperten Druckereien in und um St.Gallen ab und fanden schliesslich eine, die die CD-Booklets innert zwei Tagen neu drucken konnte. Am Abend vor dem Konzert wurden die Booklets dann noch einzeln von Tüchel im Bandraum in die CD-Hüllen gelegt – fertig.

Danach folgten aber keine ruhigen Tage: Am Tag vor Allerheiligen, auch bekannt als Halloween, taufte die Band das
Album More and More mit zwei Konzerten an einem Abend; zuerst in der Südbar, unmittelbar darauf ein paar hundert Meter weiter im Schwarzen Engel. «Auch das war eher stressig, aber hat viel Spass gemacht. In Bars zu spielen, nahe bei den Leuten zu sein: Das sind unsere Wurzeln als Live-Band», sagt Hüe.

 

Auch sonst bleiben sich Tüchel auf ihrem fünften Album More and More treu und erfinden ihr musikalisches Rad nicht neu: Schnörkelloser Punkrock mit zwei Gitarren, meist cleanem Lead-Gesang von Doppelmeter sowie genretypischen Background-Chören ist das bewährte Rezept, mit dem die Band seit 25 Jahren unterwegs ist. Langweilig wird das aber trotzdem nicht, weder auf noch vor der Bühne oder den Lautsprechern zu Hause: So ist More and More ein Album, das man am besten live erleben sollte – oder ansonsten zumindest zu einer anderen energetischen Tätigkeit hören sollte. Punkrock eben, Tempo, Spass, Flow bestenfalls …

«Wir sind eh oldschool»

Besonders die Songs More and More, Fifteen Minutes und der 2014 erstmals auf einer EP veröffentlichte Bonus-Track Better Day stechen aus den zehn Stücken des Albums hervor: Vollgas 1-2-3-4-Punkrock von der ersten bis zur letzten Sekunde, so dass man sich beim Hören wieder wie 19 fühlt.

«Wir sind grundsätzlich schon oldschool», sagt Hüe. Dazu passt auch, dass sich die Bandmitglieder nach einer internen Diskussion entschieden, trotz fortschreitender Digitalisierung und Streamingdiensten eine CD zu veröffentlichen. «Ich mag es,
eine neue CD in der Hand zu haben, die Schutzfolie aufzureissen und dann im Booklet zu blättern», sagt Hüe. Eine Vinyl-Veröffentlichung sei wegen langer Wartefristen und hoher Kosten leider nicht möglich gewesen. Die rund 500 CDs werden Tüchel nach ihren Gigs verkaufen. «Auch das ist eine schöne Tradition: Beim Verkaufen nach den Konzerten kommt man mit vielen Leuten ins Gespräch», sagt Hüe. Ein kleines Zugeständnis an die Digitalisierung ist der Onlineshop auf der Tüchel-Website, auf der die CD ebenfalls bestellt werden kann.

Tüchel live: 15. Dezember, Doghouse Herisau

Auf dem Album finden sich dennoch ein paar kleine Überraschungen: ein Song namens Alte Laster mit einem für Tüchel seltenen deutschen Text und der ungewohnt ruhige, fast melancholische Song Shooting Star mit Anleihen im frühen Punkrock der 80er-Jahre. Alle Texte zu den Songs kann man im neu gedruckten Booklet nachlesen. Dort zeigt sich, dass Tüchel auch eine Message hat: Die Band übt Kritik an der Konsumgesellschaft, an der Börsenspekulation, an der oberflächlichen Mediengesellschaft. Auch hier werden klassische Punkrock-Motive beackert, die aber mit persönlichen Songs wie Shooting Star oder The One aufgelockert werden.

Gelegenheiten, die Band live zu sehen, soll es im kommenden Jahr einige geben: Geplant sind Konzerte in der Region, aber auch eine kurze Tour durchs nahe Ausland. «Und nächstes Jahr wirds dann bereits wieder Zeit, ein paar neue Songs zu schreiben», sagt Hüe und macht damit klar: Mit Tüchel ist auch nach 25 Jahren weiterhin zu rechnen – auch so kann der Albumtitel More and More interpretiert werden.

Tüchel: More and More
. Erhältlich über tuechel.com und an Tüchel-Gigs.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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