Als gemeinsames Abenteuer von fünf eigenständigen Projekten im St.Galler Lachenquartier gestartet, lädt das Haus für Kreative am 23. September zum Einjährigen. Im Interview sprechen die Mieter:innen des Gemeinschafts- und Zwischennutzungsprojektes in der Ulmenstrasse 5 über ihre Erfahrungen und Eindrücke des zurückliegenden Jahres. Mit dabei: das Atelier vielraum, der Materialmarkt OFFCUT, die Werkstatt Meter, das RepairCafé sowie die Glacé-Produzentin AnGelati.
Saiten: Als Gemeinschaftsprojekt feiert ihr am Samstag euer einjähriges Jubiläum. Was habt ihr für die Feier geplant?
Denise Hofer – OFFCUT: Wir freuen uns auf ein kunterbuntes Zusammenkommen zu Musik, Speis und Trank und einer Überraschungs-Tombola. Wir möchten zusammen mit vielen Menschen den Ort «Ulmen5» feiern und in Bildern zurückschauen auf die einzelnen Etappen.
Für den Fall, dass man «Ulmen5» nicht kennt. Was macht euer Projekt aus?
Lea Giezendanner – Meter: Wir sind ein soziokulturelles Zentrum, ein Ort für Austausch, Inspiration und Kreativität – alles unter einem Dach. Die einzelnen Projekte im «Ulmen5» ergänzen sich optimal und verfolgen gemeinsame Ziele. Durch das Zusammenspiel können Nutzer:innen und Besucher:innen profitieren; beispielsweise kann das Material im OFFCUT gekauft und direkt im Meter oder im vielraum verarbeitet werden und zwischendurch kann noch ein feines Glacé gegessen werden.
Denise Hofer – OFFCUT: «Ulmen5» ist ein offenes Haus. Beim Stöbern in Materialien, beim handwerklichen Arbeiten oder auch beim künstlerischen Erschaffen fallen zwischenmenschliche Barrieren. «Ulmen5» führt also Menschen zusammen und bietet ein spannendes und niederschwelliges Angebot für alle Generationen und sozialen Schichten.
Sabine Staroszynski – vielraum: Ausser den Fragen zu Nachhaltigkeit und verantwortungsvollem Umgang mit Ressourcen ist auch das Gestalten einer diversen Gesellschaft ein wichtiges Thema im Haus. Wir freuen uns, dass dies immer mehr an der Vielfältigkeit der Menschen sichtbar wird, die in die Ulmenstrasse 5 kommen, und von dort aus auch weiter ausstrahlt.
Ist die Glacé-Produktion mittlerweile angelaufen? Vor einem Jahr fehlte noch die Bewilligung vom Kanton.
Angela Genziani – AnGelati: Die Bewilligung ist da, die Produktion angelaufen. Nach wenigen Anpassungen bezüglich der Infrastruktur konnte ich im Frühling beginnen. Die ehemaligen Pausenräume im Gebäude eignen sich ideal als Produktionsort. So manches AnGelati durfte daher schon verspeist werden und das Feedback ist Motivation und Lohn zugleich. Die Suche nach den besten Zutaten für den ultimativen Geschmack hat also erst begonnen.
Wie fühlt sich das zurückliegende Jahr für euch an?
Lea Giezendanner: Die Zeit nach der Eröffnung ist rasant vorangeschritten. Stolz kann ich auf das zurückblicken, was wir gemeinsam erreicht haben. Es macht einfach Freude, immer jemanden anzutreffen, sich gegenseitig auszutauschen und wenn nötig auch zu motivieren.
Denise Hofer: Der Aufbau und das Mit- und Nebeneinander war und ist für mich wie im Fluss, wenn auch sehr intensiv. Es fühlt sich genau richtig an.
Thomas Staroszynski – vielraum: Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, mit der sich alle im Haus gegenseitig unterstützen, macht jeden Tag, an dem ich im «Ulmen5» tätig bin, aufs Neue Freude.
Angela Genziani: Das Jahr ging auch für mich ruckzuck durch. Das Miteinander und Nebeneinander ist für mich eine «Wirbelsäule». Und bestätigt, dass gemeinsam vieles möglich gemacht werden kann. Das Netzwerk und das Potential von jedem Einzelnen ist unglaublich.
Mit welchen besonderen Herausforderungen wart ihr in den vergangenen Monaten konfrontiert? Gab es Rückschläge?
Denise Hofer: Eine grosse Herausforderung war sicherlich das Verfahren der Gebäude-Umnutzung. Ohne professionelle Hilfe und etwas Glück wäre dies sehr schwierig geworden.
Ist das Verfahren mittlerweile abgeschlossen?
Denise Hofer: Abgeschlossen ist noch nicht alles, aber wir sind auf einem gutem Weg.
Sabine Staroszynski: Und auch hier war das Miteinander aller entscheidend.
Haben sich eure Erwartungen an das Zwischennutzungsprojekt erfüllt? Wie stark ist zum Beispiel die öffentlich zugängliche Werkstatt Meter ausgelastet?
Lea Giezendanner: Unsere Erwartungen wurden mehr als übertroffen. Der Meter wird von zahlreichen Nutzer:innen regelmässig besucht. Einige Kurse sind jeweils sehr schnell ausgebucht, da die Nachfrage sehr hoch ist. Dennoch möchten wir das Angebot des Meters weiter ausbauen, sodass die Zielgruppe erweitert werden kann und dadurch Besucher:innen die weiteren Projekte im Haus kennen- und schätzen lernen.
So ein Gemeinschaftsprojekt ist mit grossen Investitionen verbunden. Habt ihr bisher das erreicht, was ihr erreichen wolltet? Auch in finanzieller Hinsicht?
Denise Hofer: Da geht es uns wie den meisten anderen gemeinnützigen Projekten: Der Aufwand für die notwendige finanzielle Unterstützung ist gross. Da wir erleben, wie das Angebot geschätzt und genutzt wird, hoffen wir, dass es bald Mittel und Wege gibt, solche Projekte mit weniger finanziellem Druck umzusetzen.
Was genau würde helfen?
Denise Hofer: Wenn beispielsweise kostengünstiger Raum ohne zeitliches Limit in der Stadt zur Verfügung stehen würde.
Wie schaut es finanziell aus?
Denise Hofer: Dank der Unterstützung, beispielsweise durch die Ernst Göhner Stiftung, durch die Stadt St.Gallen sowie dank punktuellem Mieterlass, stehen wir aktuell finanziell solide da. Aber es stehen schon die nächsten Investitionen an.
Welche wären das?
Denise Hofer: Ein barrierefreies Kompotoi soll bald im Hinterhof stehen.
Braucht es das?
Ja, weil wir die Auflage eines zusätzlichen WCs haben und ja, weil wir Barrierefreiheit auch leben wollen.
Thema Barrierefreiheit: Was habt ihr da bereits umgesetzt?
Rahel Flückiger – Offcut: Zuletzt bauten wir eine Rollstuhlrampe aus Fertigelementen für einen barrierefreien Zugang zum Materialmarkt. Eine noch fehlende Innenrampe ist bereits in Planung und wird in den nächsten Tagen eingebaut.
Auf welche Angebote im Atelier, der Werkstatt oder auch dem Materialmarkt seid ihr besonders stolz oder möchtet ihr hinweisen?
Denise Hofer: Unser Joker ist die AnGelati-Selbstbedienungsbox – versüsst die Pausen und erfrischt bei Ermüdung während dem Stöbern im Materialmarkt.
Rahel Flückiger: Auch wenn sich Interessengruppen erst nur bei OFFCUT gemeldet haben, führen wir die Gruppen meistens durch das ganze Haus. Die Begeisterung ist gross. Das freut uns natürlich.
Lea Giezendanner: Wir vom Meter sind stolz auf die grosse Bereitschaft unserer ehrenamtlich tätigen Mitglieder:innen. Nur dank ihnen ist es möglich, durchgehende Öffnungszeiten zu haben, wöchentlich mehrere Kurse anzubieten und das Projekt überhaupt zu leben.
Thomas Staroszynski: Uns macht besondere Freude, dass es gelungen ist, dass wir neben dem Angebot im Atelier mit vier Ausstellungen und einer Lesung im ersten Jahr auch einen kulturellen Beitrag im Quartier leisten konnten.
Das Repair Café sucht auf seiner Webseite händeringend freiwillige Helfer:innen. Die Nachfrage ist also da. Wie sieht es beim Materialmarkt OFFCUT aus?
Denise Hofer: Wir beobachten, dass immer mehr Menschen den Weg zu uns finden. Vielen wurde OFFCUT von Kund:innen weiterempfohlen – was uns umso mehr freut! Wir hören auch immer wieder: «Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie euer Sortiment aussieht – bei euch findet man ja fast alles!» Daher gilt: Einfach mal reinschauen. Wir erhalten fast täglich neue Materialien aus unterschiedlichen Quellen.
Welche Produkte werden am meisten nachgefragt?
Denise Hofer: Die grösste Nachfrage haben wir bisher im Textilbereich. Aber auch die anderen Bereiche wie Holz, Papeterie- oder Metallwaren werden immer mehr beachtet.
Wie zuversichtlich blickt ihr in die Zukunft? Wo seht ihr „Ulmen5“ in fünf Jahren?
Lea Giezendanner: In fünf Jahren sehen wir uns weiterhin als ein soziokulturelles Zentrum, welches aus St.Gallen einfach nicht mehr wegzudenken ist. Wir werden uns dann jedoch – aufgrund der Zwischennutzung – an einem neuen Standort befinden. Vielleicht stossen dann auch weitere Projekte zu uns dazu.
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