Dürre, Wassermangel, Hitze. Die Welt in der wir leben, kollabiert allmählich. Und wir sehen zu, sind – in der Mehrzahl – stille Zeugen dessen, was Tag und Jahr passiert, obwohl uns seit Jahrzehnten Wissenschaftler:innen über die heiklen Folgen des globalen Klimawandels aufklären. Woher kommt diese Passivität? Wie kann umgesteuert werden? Und vor allem: Kann die Literatur uns helfen, zu verstehen, und zu handeln? Ist sie in der Lage uns aufzurütteln?
Eine, die sich mit künstlerischen Mitteln den Herausforderungen der Klimakrise stellt, ist die Schweizer Schriftstellerin und promovierte Astrophysikerin Simone Weinmann. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie ihr hochgelobtes literarisches Debüt, einen Klima-Roman mit dem Titel Die Erinnerung an unbekannte Städte.
Inhaltlich geht es dabei um Folgendes: Eine Katastrophe, die sich im Jahr 2030 ereignete, hat die Menschheit im Laufe von nur 15 Jahren auf eine karge und bäuerliche Existenz zurückgeworfen, viele finden einzig Trost im Glauben. Nathanael und Vanessa wollen sich jedoch nicht abfinden mit der Situation und verlassen den Ort ihrer Kindheit und Jugend. Ludwig, ihr Lehrer, der noch weiss, wie das Leben vor der Katastrophe ausgesehen hat, wird beauftragt, die beiden zu suchen. Der Weg führt alle drei durch höchst unsicheres Gelände.
Am kommenden Sonntag liest die Autorin dieses dystopischen Romans im Rahmen der Reihe «Sofalesungen». Der Veranstaltungsort passt ideal, denn Lesen und Diskutieren wird die in Zürich lebende Autorin in den neuen Räumlichkeiten von «Ulmen 5», dem nachhaltigen Gemeinschaftsprojekt im St.Galler Lachenquartier.
Saiten: Die deutsche Schriftstellerin Stefanie de Velasco trat vor einiger Zeit in einen mehrmonatigen Klimastreik und meinte, auf die Klimakrise bezogen, dass sie als Schreibende nicht einfach so weitermachen könnte, als wenn nichts wäre. Müsste es aufgrund der Krisenhaftigkeit unserer Welt nicht deutlich mehr Romane zum Thema geben? Stichwort: Politisch engagierte Literatur.
Simone Weinmann: Ich empfinde es auch als erstaunlich, wie wenig sich die Klimaerwärmung noch in der Literatur niederschlägt. Das Thema ist auch in Verlagen, Agenturen, auf Preislisten und bei den Leser:innen nicht allzu beliebt. Es hat wohl damit zu tun, dass wir das Thema kollektiv immer noch verdrängen, was wiederum auch damit zu tun hat, dass wir uns für die Klimakrise alle schuldig fühlen. Es wäre aber meiner Meinung nach wirklich für uns alle besser, hinzuschauen.
Die Erinnerung an unbekannte Städte ist ihr Erstlingswerk. Hatten Sie von Anfang an vor einen Klima-Roman zu schreiben oder wie kamen Sie zu Inhalt und Figuren?
Nein, es war eigentlich nicht meine Absicht, einen Klima-Roman zu schreiben. Ich hatte zuerst die Figur des Lehrers vor Augen und es war mir klar, dass er in einer nahen, härteren Zukunft lebt. Alles andere hat sich dann daraus entwickelt.
Ihr Roman spielt im Jahr 2045, in einem dunklen, kalten und archaisch anmutenden Europa. Die Staaten sind zerfallen. Es gibt keinen Strom und damit auch keine technischen Hilfsmittel; die Menschen leben wie im 19. Jahrhundert; die Religion bestimmt das Denken und Handeln. Wie und wann kam es zu der Katastrophe? Was war der Auslöser?
Sofalesung mit Simone Weinmann: 27. November, 17 Uhr, Ulmenstrasse 5, St.Gallen. Moderation: Tabea Steiner
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Die Menschheit schaffte es in diesem Szenario nicht, den Ausstoss von Klimagasen zu senken, das Klima erwärmte sich weiter und steuerte auf unumkehrbare Kipppunkte zu. Eine unbekannte Macht (ein Staat oder vielleicht auch eine Gruppe von Milliardären) versuchte sich daher als Notlösung an Geo-Engineering und verdunkelte die Atmosphäre mittels Partikeln. Leider war die Verdunkelung dann so heftig, dass es wochenlang kein Sonnenlicht gab und eine Art nuklearer Winter folgte, gefolgt von einer permanenten Verschleierung des Himmels und Abkühlung. Während der dunklen Zeit versagte die Stromversorgung und konnte nicht wieder in Gang gebracht werden, die Zivilisation brach zusammen. Als Folge gibt es auch keine moderne Medizin mehr und keinen internationalen Handel.
Sie sind Physikerin und kennen sich mit komplexen Systemen aus. Wie realistisch ist es, dass uns in den kommenden Jahrzehnten ebenfalls ein solches Szenario einholt?
Mit aktuellen Technologien können die Menschen die Atmosphäre zum Glück nicht so stark, so plötzlich und so langanhaltend verdunkeln. Dass hingegen etwas passiert, was unsere Zivilisation zu Fall bringt, halte ich für leider nicht völlig unwahrscheinlich. Das könnte ein Atomkrieg, eine Pandemie oder Auswirkungen des Klimawandels sein. Auch halte ich es für wahrscheinlich, dass die Menschen sich irgendwann aus Verzweiflung an einer Form von Geo-Engineering versuchen werden.
In einem Interview zu Ihrem Buch haben Sie darauf hingewiesen, dass Sie mit ihrem Roman kein Katastrophenbuch schreiben wollten. Was hat Sie davon abgehalten? Und wie ist die Geschichte dramaturgisch angelegt?
Tatsächlich hat es mich nicht interessiert, die Katastrophe selbst zu beschreiben, ich bin kein Fan von Katastrophenfilmen oder -büchern, diese ähneln sich alle ein bisschen. Mich interessiert, wie die Welt nach der Katastrophe aussehen könnte. Im Buch geht es darum, dass drei Bewohner dieser neuen Welt, ein Lehrer und zwei Jugendliche, einen Weg suchen, in dieser neuen Welt ein gutes Leben zu führen.
Im Buch stehen sich Wissenschaft und Religion in einem ungleichen Wettstreit gegenüber: Während die Religion mit starker Hand herrscht, wird die Wissenschaft von der Mehrheit der Menschen verteufelt. Was macht Ihrer Meinung nach Zivilisation und Fortschritt aus? Und liegt nicht gerade in der Wissenschaft bzw. im technischen Fortschritt die Möglichkeit zur Lösung der Klimakrise?
Beim Schreiben des Romans habe ich viel darüber nachgedacht, welches die unverzichtbaren Teile unserer Zivilisation sind. Wichtig sind sicher Elektrizität, Teile der chemischen Industrie, moderne Medizin und Bildungschancen für alle Menschen. Anderes wie extreme Mobilität und extremen Austausch von Waren weltweit könnte man, wenn man es klug anstellt, sicher deutlich herunterfahren.
Ich bin sicher, dass die Wissenschaft ein wichtiger Teil der Lösung des gewaltigen Problems ist, das uns der Klimawandel stellt. Aber es braucht daneben politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, die Wissenschaft kann es nicht allein lösen.
Haben Sie literarische Vorbilder? Und gibt es weitere Romane aus dem Genre «Climate Fiction», die Sie mit gutem Gewissen empfehlen könnten? Auch Schweizer Literatur?
Sehr gefallen hat mir von Judith Hermann Daheim, den man auch als Klima-Roman lesen kann. Franziska Gänslers Ewig Sommer beschreibt die Atmosphäre eines Hitzeherbsts sehr schön. Und gerade lese ich Termination Shock von Neal Stephenson, wo genau beschrieben wird, wie man die Atmosphäre verdunkeln könnte. Ganz spannend ist auch Der Fallmeister von Christoph Ransmayr. Ich habe keine literarischen Vorbilder, aber sehr viele Autoren und Autorinnen, die ich liebe und von denen ich viel gelernt habe.
Bis in den Januar des nächsten Jahres hinein können Besucher:innen im Zürcher Strauhof die Ausstellung «Climate Fiction» besuchen. Sie sind mit einem Text dort vertreten. Was erwartet die Besucher:innen vor Ort?
Die Ausstellung ist sehr eindrücklich und dreht sich vor allem um einen gruselig prophetischen Roman von C.F. Ramuz aus dem Jahr 1922 und um den berühmtesten Climate Fiction-Roman, The Ministry for the Future von Kim Stanley Robinson. Daneben kann man auch viele andere Klimaromane kennenlernen und verschiedene Stimmen zum Thema hören. In der Summe ist das alles eine wie ich finde wohltuende Konfrontation mit dem Verdrängten.
Welche Frage würden Sie sich in einem Interview wie diesem selbst gerne einmal stellen wollen?
Was ist die beste Science-Fiction Kurzgeschichte?
Ihre Antwort?
Ted Chiang, Anxiety is the Dizziness of Freedom.
Simone Weinmann hat in Zürich bei Ben Moore in Astrophysik promoviert und einige Jahre am Max-Planck-Institut in Garching bei München und an der Sterrewacht in Leiden gearbeitet. Heute unterrichtet sie Physik und lebt mit Mann und Kind in Zürich. 2017/2018 war sie Stipendiatin des Roman-Seminars am Literaturhaus München bei Günther Eisenhuber und Annette Pehnt. Die Erinnerung an unbekannte Städte ist ihr erster Roman.
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