Es ist kaum bekannt, dass der Schriftsteller und Journalist Peter Morger auch ein ambitionierter Fotograf mit beachtlichem Œuvre war. Er selber schrieb dazu 1979: «Meine Fotografie ist ein Plädoyer für das Abseitige, das Aussenseiterische. (…) Meine Bilder sollen sowohl äusserlich wie innerlich voller Dichte und Spannung sein, sollen die Melancholie und Verlorenheit der gezeigten Dinge offenbaren – und damit meine eigene.»
Morger hatte offensichtlich ein Auge dafür, selbst in seinen Landschaftsfotografien schwingen diese Verlorenheit und diese Melancholie mit. Licht-und-Schatten-Spiele, konventionelle Szenen des Dorflebens, aber auch Abstrakteres, von hier und aus aller Welt: Morgers Bilder sind nie nur traditionalistisch und schon gar nicht verkitscht, wie das sonst in den appenzellischen Hogern gerne passiert. Zeitlebens hat er versucht, in seiner Fotografie das abzubilden, was er nicht in Worte fassen konnte.
«Wir erfahren aus Bildern nur das, was wir ‹bereits kennen›», schreibt Buchgestalter Gaston Isoz über die Gefühle, die Peter Morgers Bilder in ihm auslösen. Isoz ist ebenfalls im Appenzellerland aufgewachsen, bevor er sich nach Berlin davonmachte. Er kennt viele der Orte und Perspektiven, die Morger abgelichtet hat und auf denen man auch immer wieder erkennt, wie wenig sich das Gesamtbild Trogens und der Landschaft «rondomm» in den vergangenen Jahrzehnten letztlich verändert hat.
Fotografischen Schatz gehoben
Und doch scheint in Morgers Fotografien immer wieder diese Weltoffenheit durch, die eben auch Trogen und einer Handvoll anderer «gallischer Dörfer» der Schweiz eigen ist und diese jeweils gleich abstimmen lässt wie die links-progressiven Städte. Zumindest weisen Morgers Bilder und fototechnischen Montagen weit über eine romantisch verklärte Appenzellerland-Fotografie hinaus.
Dennoch denkt man beim Thema jüngere Landschafts- und dokumentarische Fotografie im Appenzellerland nicht zuerst an Peter Morger; es sind eher Namen wie Hans Peter Klauser, Herbert Maeder, Mäddel Fuchs oder Amelia Magro. Und im zeitgenössisch-künstlerischen Bereich wären es vielleicht Ueli Alder, Martin Benz, Luzia Broger, Georg Gatsas, Stefan Rohner und andere.
Man kennt Peter Morger vor allem als Schriftsteller, Verfasser von Prosa und Lyrik, oft in Mundart – und allenfalls als knipsenden Reporter bei der «Appenzeller Zeitung», einem «Brotjob», dem er stets ambivalent gegenüberstand. Doch der Nachlass, den Morger nach seinem Freitod 2002 der Ausserrhoder Kantonsbibliothek in Trogen vermacht hat, belegt auch den Reichtum seines fotografischen Schaffens.
Gaston Isoz, Rainer Stöckli, Peter Surber: Rond om Troge – Peter Morger als Fotograf, VGS Verlagsgenossenschaft St.Gallen, 2022. Zwei Broschuren im Schuber, Fr. 24.-.
Buchvorstellungen: 8. Juni, 18 Uhr, Bistro Steig, Industriestrasse 28, Herisau, 9. Juni, 19.30 Uhr, Bibliothek Teufen
vgs-sg.ch
Gaston Isoz hat diesen Schatz 2020 gehoben, hat in der Kantonsbibliothek tausende Fotos – Dias und Schwarz-Weiss-Negative – gesichtet, digitalisiert und katalogisiert. Isoz’ Arbeit lieferte die Grundlage für die Publikation Rond om Troge, die jetzt bei der Verlagsgenossenschaft St.Gallen erschienen ist. «Peter Morger als Fotograf», heisst der Untertitel.
Versammelt sind darin nebst Kommentaren im separaten Bändchen von Buchgestalter Gaston Isoz, Literaturkenner Rainer Stöckli und Saiten-Kollege Peter Surber knapp 50 klassische Fotografien und Reproduktionen von mechanisch oder chemisch bearbeiteten Dias, die eher psychedelisch wirken. Morger nennt es «Trance Art». Ein Grossteil seines fotografischen Nachlasses ist abstrakter, grafischer Natur. Das Schreiben und das Fotografieren seien für Morger gleichbedeutend und das Arbeiten am Material Teil seines bildnerischen Erzählens gewesen, schreibt Isoz in seinem Kommentar zum fotografischen Nachlass.
Den Kampf gegen die Abgründe verloren
Morger selber schreibt: «Ich bin kein Perfektionist. Technik ist für mich nicht Selbstzweck, sondern ein untergeordnetes Vehikel für die eigentliche Arbeit. Ich will technisch nicht mehr können, als ich unbedingt können muss. Meine Dunkelkammer würde manchen Braven das Schaudern lehren; sie gleicht als ehemalige Waschküche und Räucherkammer eher einem mittelalterlichen Alchimistenstübchen.»
So wenig die Alchimisten je im Stande waren, Gold herzustellen, so wenig gelang es Morger, sich durch sein eigenes Schaffen, das immer auch Reflexion seines Innenlebens war, aus der seelischen Dunkelheit und auch aus seiner Drogensucht, die er etwa in Rauschkarriere (1997) dokumentarisch-literarisch verarbeitet hat, zu befreien.
So ist seine psycho-topographische Skizzierung Trogens, das in Morgers Kurzgeschichte Trüen heisst, vielleicht auch als Blick in seine eigenen Abgründe zu lesen: «Nach dem nordig, stotzig, ganz am Rand von Högersland gelegenen Trüen kommt nichts mehr; das Ende der Welt klafft auf. Nur von tiefen, undurchdringlichen Tobeln wird gemunkelt; ein grässliches Schluchten-Ungeheuer soll sich im Loch Nass häuslich eingerichtet haben.»
Nebst den Kommentaren von Isoz, Stöckli und Surber versammelt das kleinere der beiden Bändchen, das im schmucken Schuber daherkommt, auch einige bisher unveröffentlichte Gedichte Morgers. Mit Rond om Troge wird nun aber – 20 Jahre nach seinem Tod – vor allem das fotografische Schaffen Peter Morgers endlich einem breiteren Publikum zugänglich.
Peter Morger, 1955-2002.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
Endlich. 2013 gab es keine, nun ist es wieder soweit: Karin Bühler lädt zu einer neuen Ausgabe ihrer Ausstellungsreihe Le Lieu. Heute Abend gibt es den zweiten Teil, und nur heute Abend.
Fotograf Ueli Alder zog von Urnäsch nach Zürich, Schauspielerin Karin Enzler aus Appenzell lebt schon lange in Deutschland.Via Skype haben sie mit Hanspeter Spörri für das Sommerheft von Saiten über die Heimat nachgedacht.
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.