Saiten: In der SVP-Petition ist von «Steuergeldvernichtung» die Rede. Sie wirft euch vor, euren Betrieb auf Kosten der Gemeinde zu finanzieren, da diese euch das historische Gebäude mietfrei überlässt und zudem für den Gebäudeunterhalt aufkommt.
Maura Kressig: Das ist so nicht korrekt. Dass die Gemeinde als Immobilienbesitzerin für den grossen Unterhalt aufkommt, ist üblich, ausserdem haben wir das Gebäude zu Beginn der Umnutzung auf eigene Kosten sanft renoviert. Unser Projekt bringt dem Städtchen einen Mehrwert, wir haben einen Gebrauchsleihvertrag und eine Leistungsvereinbarung mit der Gemeinde. Bei der Vermietung der Ateliers operieren wir nicht mit marktüblichen Mieten, sondern mit der sogenannten Kostenmiete. Die Einnahmen aus der Vermietung werden für die Deckung der Nebenkosten, der Reinigung und für die gemeinsam genutzte Infrastruktur verwendet. Aus den Vermietungen erzielt der Verein Rathaus für Kultur keinen Gewinn und die Einnahmen werden nicht für Kulturveranstaltungen verwendet.
Zurzeit sind sechs Parteien eingemietet. Dazu gehört auch die Künstler:innen-Residenz Dogo im dritten Stock. Dogo ist ein eigener Verein, der wie alle anderen ebenfalls eine Kostenmiete zahlt. Gilt das auch für die Beiz «Lokal» im Erdgeschoss?
MK: Das Lokal ist eine rechtlich und organisatorisch unabhängige Firma (GmbH), die eine ortsübliche Miete bezahlt. Zudem erhält das Rathaus bei eigenen Kulturveranstaltungen eine Umsatzbeteiligung.
CB: Um den Aufbau einer unabhängigen Gastronomie zu unterstützen, hat das Rathaus für Kultur während einer ersten Phase auf den Mietzins des Lokals verzichtet – das wurde bei der öffentlichen Neuausschreibung der Gastronomie im Frühling 2023 auch so kommuniziert. Ein Erlass oder eine Reduktion der Mietzinsen in der Anfangsphase sind gängige Mittel zur Etablierung neuer Gastronomieangebote.
Eine Art Starthilfe, so wie zum Beispiel die Schützengarten Zapfhähnen und anderes Infrastrukturmaterial vorschiesst?
CB: Das Prinzip ist ähnlich, ja. Ausserdem gibt es Abmachungen, das «Lokal» muss gewisse Rahmenbedingungen erfüllen.
MK: Das gilt für das ganze Haus. Wir haben mit der Gemeinde Lichtensteig eine Leistungsvereinbarung mit klaren Auflagen. So haben wir uns etwa verpflichtet, die Stadt in Bezug auf ihre strategischen Ziele in der Stadtentwicklung zu unterstützen. Sie kann ja nicht alles selber stemmen, kann nicht selber ein Kulturangebot produzieren oder Atelierräume anbieten. In den partizipativen Prozessen mit der Bevölkerung ist klar herausgekommen, dass Kultur dem Leerstand entgegenwirken kann – da kommen wir ins Spiel.
Die Pilotphase im Rathaus für Kultur ist auf fünf Jahre angelegt. Es gibt Vorschriften in Bezug auf die Raumnutzung, aber auch klare Ziele und Erwartungen, etwa an die Anzahl Veranstaltungen, an Öffnungszeiten, Zielgruppen und Publikumszahlen. Konntet ihr all dem gerecht werden?
MK: Es ist schwierig, Stadtentwicklung zu messen, aber wir sind zufrieden. Unsere Ziele haben wir bisher gut erreicht, darum anerkennt auch die Stadt, was wir leisten. Das Rathaus für Kultur ist zu einem beliebten Treffpunkt für alle Altersgruppen geworden und spielt auch in der kulturellen Vernetzung eine prägende Rolle.
CB: Uns ist es wichtig, dass das Haus öffentlich zugänglich ist. Oft geht zum Beispiel vergessen, dass Trauungen und Aperos nach wie vor bei uns im historischen Raatssaal stattfinden. Wir kümmern zusammen mit unseren Mieter:innen liebevoll ums Rathaus und um das Ambiente.
Ihr bestreitet also den Vorwurf einer «Parallelgesellschaft», von der in der Petition gegen euch die Rede ist.
CB: Unser Ziel war es immer, eine breite Bevölkerung zu erreichen.
MK: Kulturschaffenden wird immer wieder vorgeworfen, sie blieben zu sehr unter sich oder seien zu elitär. Für uns war das Rathaus für Kultur von Anfang an nicht nur ein Kulturzentrum, sondern immer auch ein sozialer Ort der Begegnung und der Teilhabe. Kooperative Projekte wie das Kinderfest oder das Festival «Kultur verussen» haben für uns einen hohen Stellenwert. Weniger sichtbar, aber ebenso wichtig sind uns auch die Vernetzung und der Austausch.
Ein solches Vernetzungsprojekt ist der neu lancierte «Kulturkuchen» unter eurer Federführung. Worum geht es da?
CB: Alle grösseren Kulturinstitutionen in Lichtensteig haben sich für eine gemeinsame Kampagne und einen gemeinsamen Veranstaltungskalender zusammengetan. Dazu gehören Institutionen wie zum Beispiel das Stadtufer, die Junge Bühne Toggenburg, das Chössitheater, aber auch Einzelanlässe wie der Weihnachtsmarkt oder das Kürbisschnitzen. Ziel ist es, den Leuten ausserhalb von Lichtensteig zu zeigen, wie attraktiv unser Kulturprogramm ist und dass wir alle an einem Strick ziehen.
Claude Bühler, 1991, und Maura Kressig, 1993, leiten zusammen mit Sirkka Amann das 2019 eröffnete Rathaus für Kultur. Der Verein will die Zukunft der Region aktiv mitgestalten, vernetzt Kunst- und Kulturschaffende mit der Bevölkerung und entwickelt neue Ideen und Projekte. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Stadt befinden sich zahlreiche Ateliers, mietbare Event-, Probe- und Ausstellungsräume, die Dogo Residenz für Neue Kunst sowie der Gastrobetrieb «Lokal» samt Aussenbereich. Das Haus ist öffentlich zugänglich und bietet ein diverses Kulturprogramm mit regelmässigen Konzerten, Partys, Ausstellungen, Talks und mehr.
rathausfuerkultur.ch
Ihr seid jetzt im fünften und letzten Jahr der Pilotphase. Was ist euch besonders gelungen, worauf seid ihr stolz?
CB: Neben der erfolgreichen Vernetzungsarbeit freut mich besonders die Kunst im öffentlichen Raum, die in den letzten Jahren sichtbar wurde und es auch bleibt. Das ist ein Mehrwert für Einheimische wie für Auswärtige. Einerseits bringt der Verein Dogo internationale Künstler:innen ins Städtli, andererseits bieten wir Ateliers für lokale Kulturschaffende an – das ist ein schöner Mix. Und den unkuratierten Ausstellungsraum gleich neben dem «Lokal» können alle nutzen, Menschen wie du und ich. So versuchen wir, die Grenzen zur sogenannt etablierten Kunst etwas zu durchbrechen.
MK: Auch die Besucher:innenzahlen sind erfreulich. Während der Pandemie war es schwierig, wie überall, aber seit letztem Herbst läuft es sehr gut. Veranstaltungen wie «Losen + Schlemmen» oder «Kultur verussen» sind meist ausverkauft, auch das Kinderfest und die Konzerte sind jeweils gut besucht. Das liegt auch am «Lokal» und seinem ausgesuchten Angebot: Dank ihm finden so manche Leute den Weg zu uns, die sonst vielleicht nicht von sich aus kämen.
Die Bevölkerung schätzt also das Rathaus für Kultur, spürt ihr diesen Rückhalt auch seitens der Behörden?
MK: Absolut. Wir arbeiten sehr gut zusammen und das seit Jahren. Bei der Kommunikation zur Verleihung des Wakkerpreises Anfang Jahr wurde das Rathaus für Kultur von der Gemeinde an erster Stelle als Zugpferd erwähnt. Das hat uns extrem gefreut.
CB: Wir bekommen auch viel Zuspruch aus der Kulturszene oder aus dem Bereich Stadtentwicklung. Sirkka Ammann (das dritte Mitglied der Geschäftsleitung, Anm. der Red.) und Maura werden regelmässig zu Podiumsdiskussionen und Referaten eingeladen, immer wieder machen wir Führungen im Haus für interessierte Fachpersonen. Das Rathaus für Kultur hat Modellcharakter, überregional und zum Teil auch international.
Wie geht es nach dem Pilotprojekt weiter?
MK: Wir sind mit dem Vorstand und auch mit der Gemeinde im Austausch. Klar ist, dass es weitergeht. Diese Sicherheit haben wir. In einer nächsten Phase wird der Gebrauchsleihvertrag voraussichtlich verlängert, mit kleineren Anpassungen. Langfristig ist vieles noch offen, auch weil das Gebäude bald einmal saniert werden muss.
CB: Die Sanierung wird mit voraussichtlich mindestens zwei Millionen ein finanzieller Hosenlupf. Zurzeit prüfen wir verschiedene Optionen. Das heisst auch: Wir müssen uns zuerst einmal breit informieren. Was gibt es überhaupt für Sanierungs- und Finanzierungsmöglichkeiten? Was ist sinnvoll und was nicht? Diese Phase des Prozesses ist wichtig, weil wir uns für einen Weg entscheiden wollen, der möglichst für alle Beteiligten und Anspruchsgruppen stimmt.
Hier geht es zur Stellungnahme, die das Rathaus für Kultur am 19. September online gestellt hat.
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