Blicke auf die St.Galler Klosterwälder
Das Stiftsarchiv St.Gallen widmet seine aktuelle Jahresausstellung dem Thema Wald. Sie bietet interessante Einblicke, hat aber auch in paar blinde Flecken.
Die St.Galler Mönche nutzten den Wald vor allem als Ressource. (Bild: pd/Sandra Ernst)
Als das Kloster St.Gallen vor über 1300 Jahren gegründet wurde, war die Region noch dicht bewaldet. Im Laufe der Zeit wurde der Wald zunehmend zurückgedrängt, und aus der kleinen Einsiedelei entwickelte sich ein mächtiges Kloster, für welches das bewaldete Herrschaftsgebiet von zentraler Bedeutung war. Der Wald lieferte Bau-, Brenn- und Heizholz, Material für Handwerk und Kunst, diente als Weide für Nutztiere und als Lieferant von Jagdwild.
Die neue Jahresausstellung des Stiftsarchivs St.Gallen «Mönche im Wald» und die kleine Begleitpublikation beleuchten das mit verschiedenen Schlaglichtern. Das ist durchaus interessant, wobei die Ausstellung alles ziemlich knapp präsentiert. Für einen wirklichen Einblick ist die Begleitpublikation unentbehrlich. Bei der Ausstellung ist insbesondere auf die Porträts dreier Waldkomplexe hinzuweisen, die heute dem Katholischen Konfessionsteil gehören, dem Rechtsnachfolger der 1805 aufgehobenen Fürstabtei St.Gallen. Die Porträts machen Lust, sich diese Gegenden einmal vor Ort anzusehen, darunter das Wissholz in Gossau, ein Waldstück mit eindrücklichen Eichen und einigen schönen Douglasien. Interessant sind auch die farbigen Rekonstruktionszeichnungen. Zu sehen sind etwa das Kloster St.Gallen um 850, oder ein Blick auf die Bodenseegegend um dieselbe Zeit. Faszinierende Einblick in längst vergangene Welten.
Ausstellung und Begleitpublikation machen aber auch etwas ratlos. Sie sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht, will sagen: Sie verlieren sich mehr oder weniger in den Archiv-Funden und Detailfakten und vergessen wichtige nichtklösterliche Kontexte, die hier mit im Spiel sind. Die Tiere und Pflanzen, das Ökosystem Wald und der Klimawandel kommen nur ganz am Rand vor, sind Statisten und Ressourcen. Dasselbe gilt für den zivilisationskritischen Aspekt bis hin zum spirituellen Aspekt der «Mitgeschöpflichkeit», bis zum «Netz des Lebendigen», das uns Menschen mit allen andern Lebewesen verbindet. Für die Ausstellung und die Begleitpublikation ist die Wald-Geschichte des Klosters St.Gallen eine Fortschritts- und Erfolgsgeschichte.
Man kann das auch anders sehen. Das Kloster St.Gallen gehörte in der Ostschweiz und darüber hinaus zu den wichtigen Akteuren im Zurückdrängen der Natur, im Umbau der natürlichen Landschaft in eine Wohn- und Gebrauchslandschaft für Gewerbe, Landwirtschaft, Mobilität und manches mehr. Im Vergleich zu heute waren diese Eingriffe längst nicht so brachial, nur schon wegen der begrenzten technischen Mittel. Der Anfang war aber gemacht, eine Entwicklung, die später in sehr ungute Bahnen geriet: Immer mehr Landschaft wurde banalisiert, ausgeräumt oder sogar zerstört. Zu den Leidtragenden gehörten diverse Tier- und Pflanzenarten, unter ihnen auch der Bär. Für ihn sollte die Begegnung mit Gallus langfristig gravierende Folgen haben. Der letzte St.Galler Bär wurde Ende des 18. Jahrhunderts im Sarganserland erlegt. Die Ausstellung und die Begleitpublikation klammern auch das aus.
Die genannten Entwicklungen laufen längst rund um den Globus, und vielerorts noch viel drastischer als in unserer Gegend. Wache Zeitgenoss:innen realisierten das schon früh, Henry David Thoreau (1817–1862) etwa, Aussteiger, Ökologie-Pionier und Schriftsteller in Concorde, Massachusetts. In seinen Texten thematisierte er diese Entwicklungen intensiv, etwa in Chesuncook, dem Bericht über einen Streifzug durch die Wälder von Maine. Die Holzwirtschaft und die Besiedelung dort wurden mit einer Brachialität und Kaltschnäuzigkeit betrieben, die an die heutigen Verhältnisse im Regenwald erinnern.
Zu diesem zivilisationskritischen Blick könnte auch gehören, gewisse Fakten aus der Ausstellung und der Begleitpublikation mit bewusst heutigem Blick zu lesen. Im Frühmittelalter war zum Beispiel, in unserer Gegend der deutsche König der grösste Waldbesitzer. Ihm gehörten alle unerschlossenen Wälder ausserhalb der Siedlungen – wertvolle Jagdgebiete. Wem «gehört» der Wald? Wem «gehört» die Landschaft? Interessant ist auch der Begriff «Rodungsinsel», im frühen Mittelalter eine Zone menschlicher Gemeinschaft inmitten von Wald. Heute, in Zeiten des Klimawandels, ist die «Hitzeinsel» aktuell, vor allem in den Städten: eine Zone gestauter Hitze, mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen für uns Menschen, aber auch die Tier- und Pflanzenwelt.
Kurz: Aufgrund ihrer weltweit einzigartigen Bestände wurden Stiftsarchiv und Stiftsbibliothek St.Gallen 2017 in die Liste des «Memory of the World» der UNESCO aufgenommen. Das ist eine Ehre und eine Verpflichtung, verbunden mit viel Arbeit. Der Blick in die Gegenwart sollte dabei aber nicht vergessen gehen.
«Mönche im Wald»: bis 22. Januar 2026, Stiftsarchiv St.Gallen
stiftsbezirk.ch
Begleitpublikation: Peter Erhart (Hg.): vvaldo VII – Mönche im Wald. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2025 .
Das Nashorn verkehrt schon seit über 200 Jahren in der Ostschweiz. Von seiner Faszination hat es nichts verloren.
Der Wald kommt gut ohne uns aus, wir aber nicht ohne ihn. Seiner zentralen Rolle für den Menschen widmen sich zwei Ausstellungen im Museum Appenzell und im Kunstzeughaus Rapperswil.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.