Die Fotos machen betroffen: Wie wunderbar muss das im Thurgau ausgesehen haben, vor 1950. Die Region scheint ein einziger, riesiger Obstgarten gewesen zu sein, und dazwischen gab es Siedlungen – vom Weiler bis zur mittelgrossen Stadt. Der Thurgau genoss als Obstbauparadies sogar europäische Berühmtheit, und die Eisenbahn bot im Mai regelmässig «Bluestfahrten» in den Thurgau an.
Zwischen 1950 und 1975 wurde dann ein Grossteil dieser Bäume gefällt, gesprengt oder angezündet – und das alles behördlich organisiert. Eine Aktion, die nicht nur den Thurgau betraf, sondern die ganze Schweiz. Solche Obstbaumwälder gab es z.B. auch im Aargau, im Berner Mittelland, im Kanton Luzern und im Wallis. Im Thurgau fielen mehr als 500‘000 Bäume. Für die ganze Schweiz liegen keine zuverlässigen Zahlen vor – sie dürften aber in die Millionen gehen.
Heute ist das alles weitgehend vergessen, und die Thurgauer Apfelkönigin kann von Glück reden, dass sie erst seit 1998 gekrönt wird, diese brachiale, jahrelange Abholzerei von Apfel- und Birnbäumen also nicht miterleben musste. Wie konnte es dazu kommen? Franco Ruault, Historiker und Kommunikationsfachmann, stiess 2017 auf das Thema, als er Bildmaterial für das Schweizer Mosterei-Museum Möhl in Arbon suchte, das damals im Aufbau war. Es liess ihn nicht mehr los.
Beeindruckende Oral-History
Sein Buch Baummord arbeitet diese Geschichte detailreich auf. Sie ist komplex. Im Kern geht es eigentlich um drei Dinge: Die eidgenössische Alkoholverwaltung wollte – im Kampf gegen den Alkoholismus – die Produktion von Obstbränden reduzieren. Zudem sollten der Anbau von hochwertigem Tafelobst gefördert und der Schweizer Obstbau fit für den internationalen Markt gemacht werden. Man könnte auch sagen: Es ging um viel Geld, um eine verfehlte Agrarpolitik und die Frage, wie man das System «Landwirtschaft» überhaupt richtig steuern kann – eine Frage, die auch heute zu den grossen Fragen der Schweizer Politik gehört.
Franco Ruault hat dazu viel recherchiert. Ein grosses Verdienst ist die Befragung der Zeitzeug:innen. Was er da an Fakten, Geschichten und Faziten gesammelt hat, ist beeindruckend und fesselnd, wird lange Bestand haben, zumal diese Zeitzeug:innen inzwischen alt bis sehr alt sind. Die Zeit fürs Festhalten ihrer Erinnerungen läuft allmählich ab.
Ein paar knappe Zitate: «Ohne einen grossen Schnaps hat einer die Säge nicht einmal angeschaut. Alkohol bei der Arbeit war ja damals kein Problem, und wir haben schon am Morgen mit einem Schnaps angefangen.» Oder: «Wir haben ja wirklich gewütet. Das waren richtige Schlachtfelder, Baum an Baum lag am Boden, das sah aus wie im Krieg.» Oder: «In Vilters haben wir so gesprengt, da hat die ganze Kapelle gewackelt, und zwar ordentlich.»
Eindrücklich auch die Belege dafür, wie vor allem die älteren und alten Bauern ihre Obstbäume liebten. Ein Beispiel: «Die Alten waren verwachsen mit ihren Bäumen, sie haben sie oft auch noch selber gepflanzt und waren nicht bereit, sie zu fällen.» Da konnte es schon mal vorkommen, dass ein Bauer mit der Sense auf die Fälltrupps losging, und einer ging in den Stall, holte einen Strick und hängte sich auf.
Auch die Frauen wehrten sich oft. Auf einem Bauernhof in Weinfelden führte der Streit um einen über 100-jährigen Mostbirnbaum zu einem wochenlangen Ehekrach, zuletzt wurde der Baum gefällt: «Wir Frauen hatten ja nicht einmal ein Stimmrecht und zuhause sowieso gar nichts zu sagen. Mein Vater bestimmte und der Birnbaum wurde gefällt. Meine Mutter hat wirklich gelitten, es war nicht nur, dass sie dagegen war, sie hat echt gelitten, als der Baum gefällt wurde.»
Detailliert beschreibt Ruault auch das Auftreten der Behörden bzw. Fälltrupps bei den Bauern. Da waren Überzeugungsarbeit und Verständnis im Spiel, aber auch Autorität und Druck, Trickserei, Drohung und Erpressung. Auch hier gibt es aufschlussreiche Berichte von Zeitzeug:innen. Als Entschädigung erhielten die Landwirte je nach Obstbaum 20 bis 30 Franken. Mitgemacht haben viele, aber nicht alle. Es gab auch solche, die Möglichkeiten fanden, Möglichkeiten und den Mut, sich zu widersetzen. Und viele haben zumindest geflucht: «Das isch en huure Seich vom Bund!»
Die grossen Zusammenhänge
Franco Ruault: «Baummord» – Die staatlich organisierten Schweizer Obstbaum-Fällaktionen 1950-1975, Thurgauer Beiträge zur Geschichte 159 (2021), Verlag des Historischen Vereins des Kantons Thurgau
Schwieriger macht es Franco Ruault dem Leser, der Leserin beim Einordnen des Ganzen. Es gibt immer wieder Passagen, wo er sich im Dickicht der komplexen Fakten verliert. Dazu kommt eine gewisse Fixierung auf Akteure, vor allem die drei Amtspersonen, welche an der Spitze dieser Aktionen standen.
So interessant und erhellend das ist – man hätte gerne mehr über das «System Schweizer Obstbau» und das «System Schweizer Landwirtschaftspolitik» gelesen. Das wäre zum Verständnis des Ganzen mit Sicherheit hilfreich gewesen, hätten zu einem klareren Blick verholfen – vergleichbar dem Blick auf heutige komplexe Systeme, vom Gesundheitswesen bis zur Mobilität. Systeme mit ganz eigenen Mechanismen und mit unterschiedlichen Akteuren, die oft sehr gegensätzliche Interessen vertreten. Systeme, die eigentlich niemand mehr wirklich überschaut.
Gerne mehr gelesen hätte man auch über die Spielräume der damaligen Verantwortlichen und die möglichen Alternativen. Ein wichtiges Moment war offenbar der gewaltige Druck, dem die Beteiligten von Bern aus ausgesetzt waren – vom Amtsleiter bis zum Baumpfleger. Interessant wäre auch die Frage, wie die Behörden damals generell mit den Bürgern und Bürgerinnen umgingen, und wie diese wiederum damit umgingen. Diese Umgangskultur widerspiegelt sich sicher auch bei den Baumfällaktionen.
Gedanken und Fragen
Lesenswert ist Franco Ruaults Buch auf jeden Fall – auch wegen den Gedanken und Fragen, zu denen es anregen kann. Viele freuen sich z.B. an der Natur, die heute in der Ostschweiz zu geniessen ist. Sie haben kaum eine Ahnung, was in den letzten 100 Jahren alles an Natur verloren gegangen ist, im Kleinen wie im Grossen, in den Siedlungen und in der Landschaft. Wüssten sie es – viele wären empört und würden sich vielleicht mehr für ökologische Fragen engagieren.
Wichtig auch die Frage, ob die alten Hochstamm-Kulturen bei uns überhaupt die Chance für eine Zukunft hatten. Nach 1945 setzte die Mechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft mit unerbittlicher Macht ein, und die Wende zum ökologischen Denken und Produzieren war noch weit weg. Sie setzte erst anfang der 1970er-Jahre ein.
Heute weiss man, dass auch der traditionelle Feldobstbau eine Zukunft hat, sogar Zukunft schafft. Die Agrolandwirtschaft, die Kombination von Gehölzen mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung, bietet gleich drei gewichtige Vorteile. Man kann Boden und Gewässer besser schützen, die Biodiversität erhöhen und zusammengerechnet bis zu 43 Prozent der landwirtschaftlichen Treibhausgas-Emissionen in Europa kompensieren.
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