Geburtstage gehören zu den am wildesten gefeierten Jubiläen, nicht nur bei Menschen. «Schon 20 Jahre alt und noch lange nicht müde», heisst es im Titel zur Feier, die sechs Tage lang, Dienstag bis Sonntag, das Bestehen von Kammgarn, Taptab und Vebikus hochleben lässt. Und ja, der Geburtstag wird wild: Von der VIP-Feier über Tattoo-Sessionen bis zu einem 20-stündigen Kulturhappening, von kleinen Rocksteady-Auftritten bis hin zum grossen Züri-West-Konzert.
In der Kammgarn wird Theater vorbereitet werden, während im selben Raum auf der Galerie oben noch die frühmorgendliche Goa-Party tobt. Nein, diese Lokalitäten scheinen wahrlich noch nicht müde zu sein. 20 ist ja auch noch kein Alter, könnte man nun sagen – aber eigentlich sind diese Schaffhauser Spasszentren noch mindestens ein Jahrzehntchen älter.
20 Jahre Kammgarn: 24. bis 29. Oktober. Mit Arrows of Love, Züri West, Edgar Wasser, Bonaparte, Keith & Tex und vielen mehr. Vollständiges Programm: kammgarn.ch
Im Kammgarnareal ging es schon in den 80ern richtig ab. Erstmals diskutiert wurde schon 1981 ein Kulturzentrum in der leerstehenden Fabrik der ehemaligen Kammgarn-Spinnerei (darum «Kammgarn»!), und ein Jahr später konnte die Stadt das Areal tatsächlich kaufen, notabene noch ohne Nutzungskonzept. Schon wenige Jahre später ging in der Kammgarn wie im heutigen Taptab allerlei Punkiges, Experimentelles, zeitweise Illegales ab, der Verein Vebikus wurde gegründet und stellte Kunst aus; schon 1990 fand das erste Jazzfestival in der Kammgarn statt.
Wir sehen also: Die Kammgarn, das Taptab und den Vebikus gibt es schon länger als bloss 20 Jahre, wenngleich noch in etwas anderen Formen, noch nicht in exakt denselben Räumen wie heute und weitaus weniger institutionalisiert. Erst 1997 folgte ein Umbau, der das Kulturzentrum in seiner heutigen Form zur Folge hatte. Dieses Jubiläum ist es, was in den kommenden Tagen gefeiert wird.
Ein beharrliches Magnet
Diese (natürlich sehr grob zusammengefasste) Geschichte des Kulturzentrums Kammgarn mag auch erklären, warum Menschen wie Hausi Naef schon älter sind als das Jubiläum, das sie dieser Tage mitorganisieren. Seit über 30 Jahren ist Hausi bei der Kammgarn tätig: Als Betriebstechniker, Lichttechniker, Betreuer der Halle, im Booking und Mitveranstalter des renommierten Jazzfestivals kann er auf sehr verschiedene Aspekte des offiziell 20. Geburtstags zurückblicken.
«Vor dem Kulturzentrum war das Areal eine totale Brache», erinnert er sich. «Als wir dann Konzerte in der Kammgarn zu veranstalten begannen, waren auch gänzlich unbekannte Acts oft restlos ausverkauft. Damals schlossen die meisten Beizen schon früher am Abend, und es lief allgemein weniger in der Stadt.» Und doch: Das Kulturzentrum bleibt bis heute ein Publikumsmagnet, das Leute gar aus ganz Europa zu einem Konzert nach Schaffhausen pilgern lässt.
Die «Publikumsmeue» am Kammgarn Hoffest im vergangenen August.
Die Programmation sei heute angesichts der knappen Finanzen – man denke bloss an die städtische Budgetdebatte von vor zwei Jahren zurück! – kein Zuckerschlecken, schildert Hausi. «Es ist fast kein Risiko möglich, also können wir uns weniger kleine Nischenkonzerte erlauben, als wir es uns wünschten. Unser Programm muss den Spagat schaffen zwischen diversen Segmenten sowie den Partys, auf die wir angewiesen sind.» Diese Dehnübung schaffen dann etwa Veranstaltungen wie das Stiller-Has-Konzert, das generationsnübergreifend 500 Menschen in die Kammgarn-Halle zu locken vollbringt.
Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte waren aber nicht bloss finanzieller Art. «Je etablierter die Lokalität ist, desto grösser ist die Schwellenangst, sich einfach mal zu melden, um mitzumachen», erzählt Hausi. «Wir wollen gute Leute am Start haben, die nicht nur bereit sind, bis um fünf Uhr morgens an der Bar zu arbeiten, sondern am Sonntag sogar aufräumen oder am Montag einer guten Band nachrennen.»
Das aktuelle Team der Kammgarn sei wunderbar, findet er, «denen hat man viel zu verdanken. Um hier zu arbeiten, braucht es eine gute Portion Realismus.» Nicht zuletzt sei er auch der Stadt Schaffhausen dankbar, die das Ausprobieren damals befürwortete. «Heute kommen bereits Mütter mit dem Kinderwagen in die Kammgarn, die selbst schon als Kinder an einem Stärnefoifi-Konzert hier waren.»
Schwärmen von Ästhetik
Aber Hausi, was bitteschön unterscheidet die Kammgarn von jedem anderen Konzerthaus, das Taptap von weiteren alternativen Kleinklubs, den Vebikus von diversen Galerien? «Du vergisst die Beiz», korrigiert er die Fragestellung, «die Beiz ist das Zentrum, das Herz. Hier treffen Taptab-Leute auf Kammgarn-Techniker und Bands. Aber sowieso: In allen Räumen des Kulturzentrums gibts diese hohe Ästhetik.» Und dann beginnt Hausi zu schwärmen: von den perfekten Grössendimensionen, der praktischen Stahlkonstruktion, der hundert Jahre alten Statik. «Wir sind mitten in der Stadt und haben doch die Nähe zur Rheinbadi und keine Lämpen mit den Nachbarn.»
Ein Wunsch wäre zudem, dass der grosse Parkplatz vor der Kammgarn autofrei würde – es gibt also Zukunftsziele! «Jaja, in 20 Jahren gibts die Kammgarn noch, da hab ich keine Zweifel», winkt Hausi ab. Zwar ginge die Diskussion um den Sinn von Kultur nicht weg, aber die sommerlichen Hoffester mit der Taptab-Grätruumbar, die Jazzgrössen auf der Kammgarnbühne, die herzliche Vernetzung zu anderen Lokalitäten, die werden bleiben.
Erstmal aber muss das Team unter Beweis stellen, dass es eine sechstägige Jubiläumssause handhaben kann. Hausi ist zuversichtlich. Wer illegale Punkkonzerte, politische Kulturdiskussionen und drei Jahrzehnte Kulturschaffen durchlebt, sorgt sich nicht um seine Geburtstagsfete – erst recht nicht, wenns das unermüdliche Schaffhauser Kulturzentrum ist.
Was umfasst das Kulturzentrum Kammgarn?
Den Aktionsraum: Halle der ehemaligen Kammgarnfabrik, wird umgangssprachlich «die Kammgarn» bzw. «d’Kamm» genannt. Hier finden Konzerte, Festivals und Partys statt.
Die Kammgarn-Beiz: Restaurant, das an den Aktionsraum anschliesst.
Die Kunsthalle: Der Verein Vebikus stellt im gleichnamigen Raum über der Kammgarn-Beiz zeitgenössische Kunst aus.
Den Musikraum: Der Club Taptab befindet sich gleich neben der Beiz. Hier sind junge Bands, heranwachsende Veranstalter und allerlei Experimentierende gefördert und gefordert.
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