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Verbotenes Treiben

Was Unkraut ist, darüber lässt sich lange streiten. Aber wie mit Unkraut zu verfahren sei, da sind sich Gärtnerin und Gärtner schnell einig: Es muss weg, zumindest an Stellen, wo es nicht hingehört, zumindest, wo es wirklich stört – und manchmal auch einfach deshalb, weil die Beseitigung von Unkraut so befriedigend sein kann wie sonst kaum etwas. von Julia Sutter
Von  Gastbeitrag , 
Cyanotypie: Larissa Kasper

Allein schon das Wort macht Probleme: «Unkraut» als solches gibts gar nicht. Wovon hier die Rede sein wird, das heisst korrekt Beikraut, Wildkraut, auch: Spontanvegetation. Und kommt man um die Bezeichnung nicht herum, so dürfen zumindest die Anführungszeichen nicht fehlen, sollte doch inzwischen zu jedem Hobbygärtner die Information durchgedrungen sein, dass die meisten sogenannten Unkräuter grossen Nutzen bergen, also zur Heilpflanze taugen (Kamille, Brennessel, Schachtelhalm usw.), Würze und Vitamine in die Salatschüssel bringen (z.B. Vogelmiere, Sauerampfer), und/ oder dem gefürchteten Insektensterben entgegenwirken (so ziemlich alle).

Der Hobbygärtner ist trotzdem gegen das Unkraut, er zitiert aus seinem Gartenratgeber: «Unkraut ist alles, was (aus gärtnerischer Sicht) an einem bestimmten Ort nicht erwünscht ist». Er kann nicht anders; beim Wort Unkraut denkt er sofort an mögliche Wege, dieses schnell und langfristig loszuwerden.

Die Sorgen der Gärtnerin

Da ist ein Garten, sauber angelegte Beete, dazwischen schmale Wege aus festgetretener Erde. Die mittel-ambitionierte Hobbygärtnerin hat sich im Detailhandel zwei Schälchen à sechs Salatsetzlinge gekauft. Jetzt senkt sie die aus schwarzen Erdquadraten gewachsenen, zarten Pflänzchen in vorgeharkte Reihen. Ihre Sorgen in den kommenden Wochen: dass die durchscheinenden Blätter an einem Rudel Nacktschnecken zugrunde gehen. Dass ihre Pflänzchen Konkurrenz bekommen, und zwar von schnell wachsenden Wild- und Wiesenkräutern, die ihnen Licht und Nährstoff streitig machen, grobe Pionierpflanzen aller Art, die darauf spezialisiert scheinen, unbedeckte, nackte Erde möglichst schnell mit Grün zu überwuchern.

Wenn es wirklich nur darum ginge, den Kulturblättchen einen Wachstumsvorteil zu verschaffen und den ihnen zustehenden Anteil Sonne zu sichern, könnte die Gärtnerin das unerwünschte Grünzeug vielleicht einfach ein bisschen plattdrücken, und gut ist? Immerhin findet sich in der Fachliteratur der Hinweis, dass es sich auszahlt, einige niedrigwachsende Kräuter im Beet stehen zu lassen; sie schützen den Boden vor dem Austrocknen. Doch die Gärtnerin entscheidet, dass ausser Salat auf diesen Quadratmetern nichts gedeihen soll. Vorauseilend rupft sie alles aus, kaum dass es keimt – wer schon einmal mit einem ausgewachsenen Löwenzahn oder einer kniehohen Distel gekämpft hat, hat Verständnis für sie.

Methoden der Tilgung

Womöglich wird die Gärtnerin des Rupfens bald müde, und sie kauft sich, zusammen mit einigen Bio-Kohlrabi-Setzlingen, eine Flasche Unkrautvernichter. Gemäss Pflanzenschutzverzeichnis des Bundesamts für Landwirtschaft (Stand: 8. Mai 2018) ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass in der gekauften Flasche der Wirkstoff Glyphosat enthalten ist. Bei dieser Information stutzt die Gärtnerin; denkt an verschiedene Zeitungsmeldungen zu geplanten und gescheiterten Glyphosat-Verboten in und um die Schweiz herum, und dann denkt sie an die Superunkräuter, von denen im Radio zu hören war, Albtraummutationen, die gegen alle gängigen Breitbandherbizide Resistenzen entwickelt haben und drei Meter hochwachsen sollen, aber das muss im Ausland passiert sein, sicher in den USA, wo bekanntlich alles grösser ist.

In der Schweiz dagegen wird uns die Technik retten, genauer die junge Firma Ecorobotix, die tatsächlich einen Jät-Roboter entwickelt hat, ein Gerät, das bodenschonend über Felder rollt und mit seinen zwei Greifarmen Unkraut pflückt, das zuvor über eine Kamera als solches identifiziert worden ist. Die Gärtnerin schätzt, dass sie noch einige Jahre wird warten müssen, bis die Roboter auch Kleingärten in Ordnung halten.

In entsprechenden Internetforen findet sie folgende alternative Techniken: das Mulchen (Bedecken der Erde durch organisches Material wie geschnittenes Gras); das grossflächige Zudecken der Erde durch Plastikfolie (ästhetisch höchst fragwürdig). Und für kleinere Flächen: Verbrühen (kochendes Wasser zwischen Gehwegplatten); Verbrennen (Flammenwerfer, ebenda); unverdünnte Salzsäure; Essigessenz oder Stahlbesen.

Wie bitte?, entrüstet sich ein naturlieber Gärtner, man solle bedenken, wie viele Insekten und Würmer dabei zugrunde gingen! Hierauf erreicht ihn die gehässige Drohung einer weiteren Userin, sie werde gleich losgehen und den Vorrat an Roundup (zu deutsch: «Razzia») aufstocken, ein Mittel, das in Ausführungen wie PowerMax, Prime oder Profi erhältlich ist und ebenfalls auf Basis von Glyphosat Wirkung zeigt. Aber heutzutage gebe es doch so wunderbare Jäthilfen, beschwichtigt ein anderer, niemand brauche mehr auf Knien zu robben, Gartenkralle und Teleskop-Hacke sei Dank!

Am Ende landet die Gärtnerin doch wieder beim händischen Jäten. Wobei sie noch anfügen möchte, dass auch beim konservativen Hacken hie und da ein Wurm in zwei Teile geht, und nicht immer in einem Längenverhältnis, das wenigstens jener Hälfte mit dem Kopf das Leben lassen würde.

Der Wunsch nach Ordnung

Genug von dieser einen Gärtnerin. In meinem persönlichen Umfeld hat niemand je über die Anschaffung eines Flammenwerfers nachgedacht. Im Gegenteil, man berichtet mir von der meditativen Wirkung des Jätens, davon, wie einem die Sonne wunderbar in den Nacken brennt, von Erdkrümeln an Händen und Wangen, vom schieren Glück des Jätens. Am liebsten wird gejätet, wenn die Erde feucht ist, nach einem kurzen Juniregen beispielsweise. Dann benötigt man noch nicht einmal Werkzeug, es genügt schon der sanfte, bestimmte Druck der Hand, um ein Kraut, ein Büschel Gras oder eine junge Winde aus der Erde zu ziehen. Und obschon wir es besser wissen müssten, jäten die meisten von uns nicht allein die Stellen, an denen das Gedeihen von Salatkopf und Kohlrabi unmittelbar bedroht ist, sondern auch die Wege zwischen den einzelnen Beeten oder andere brache Flächen.

Wie kommt es, dass man dieser mühseligen und zeitaufwendigen Arbeit so leicht verfallen ist? Vielleicht daher, dass mit dem Jäten allem Wildwuchs eine Kulturleistung entgegengesetzt wird, und dass der Wunsch nach Ordnung stärker ist als die Vernunft? Sofern man es mit einem grösseren Garten zu tun hat, wird man schnell mit der Unmöglichkeit konfrontiert, eine solche Ordnung je herzustellen, da richtiges Unkraut nach jedem Jäten gleich wieder neu ausschiesst. Aber gerade hierin muss ein Teil des Zaubers liegen: Im Garten nehmen wir ein Schicksal selbstverständlich hin, das uns anderswo grausam erscheint; die ewige Wiederkehr der gleichen stupiden Arbeit beruhigt, statt dass sie uns verzweifeln macht. Und so sind die meisten Jätenden Süchtige. Nie bleibt es bei dem einen, im Vorbeigehen gepackten Büschelchen Unkraut; haben sie einmal angefangen, bleiben sie hängen, man muss sie zum Aufhören geradezu zwingen. Jeder sauber ausgehobene Löwenzahn treibt sie zum Weitermachen an, und nicht einmal der Misserfolg, also stattdessen ausgerissene Blätter und eine hartnäckig in der Erde festsitzende Pfahlwurzel, können sie abhalten. Bald kommen neue Blätter, und dann wehe dem Unkraut.

Verwalten und verwandeln

Nach einigen Jahren beginnt in einem Garten die Zeit, in der das geschickte Verwalten des vorhandenen Kapitals zur Kernaufgabe wird. Viele Blumen und Nutzkräuter vermehren sich inzwischen ohne menschliches Zutun. Das bedeutet allerdings auch, dass sich die gehegte Kulturpflanze unversehens zum Unkraut wandeln kann. Zum Beispiel die Akelei mit ihren rosaroten oder geheimnisvoll dunkelvioletten Blüten. Im ersten Jahr freut man sich, dass die Kleinen nicht gefressen wurden. Im zweiten lässt man an Keimlingen glücklich stehen, was sich selber vermehrt hat. Erst wenn ein paar Wochen später violett und rosarot das Bild des Gartens beherrschen, ahnt man, einen Fehler gemacht zu haben, und spätestens im übernächsten Frühjahr verwünscht man die Akelei endgültig, denn jetzt ist sie überall. Man beginnt, hemmungslos zu roden.

Aber wohin mit den Abfällen? Als Kind habe ich Unkraut schubkarrenweise auf den Kompost oder an den Rand des Bachbords gekippt. Die in der Sonne lahm gewordenen, zusammengesunkenen Abfälle bekamen dort im schattigen Tobel eine letzte Chance, zu zeigen, dass sie die Bezeichnung Unkraut auch wirklich verdient hatten, das heisst: nicht vergingen; aber das habe ich erst später erkannt.

Nun lese ich in Ratgebern mit Titeln wie Die Unkräuter» in meinem Garten und Wird das was – oder kann das weg, dass dieses Verfahren völlig leichtsinnig sei. Unkraut gehöre in Abfallsäcke gestopft und mit dem Kehricht verbrannt, und zwar nicht nur unausrottbare Teufel wie Schachtelhalm und Ackerwinde, sondern auch alles andere. Den Ratgebern möchte ich entgegenhalten, dass man sich mit dieser Methode um die schönsten gärtnerischen Überraschungen bringt. Im Bachtobel meiner Kindheit blühten irgendwann, an Brombeerhecken hochgerankt, die allerschönsten Rosen.

Wie sie dahingekommen waren? Im Jahr zuvor hatte man die Rosenbüsche vorn bei der Garage zurückgeschnitten. Wie immer wurden auch diese Abfälle achtlos der Böschung übergeben. Und hier stellten sie ihre Widerstandskraft unter Beweis. Bald mühte sich ein erster Trieb das steile Schattenbord hoch, und schon im Sommer darauf wucherten die handteller-grossen, hellrosa Blüten über den ganzen Brombeerschlag, wuchsen die Rosen (aus gärtnerischer Sicht) am denkbar falschesten Ort und hatten damit unverhofft den Status Unkraut erreicht.

Julia Sutter, 1987, Texterin und Autorin, lebt in St.Gallen. Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.

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