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Pflanzenwesen, Menschenwesen

Das «Herbarium» aus unserem Sommerheft, Teil 2: Christine Stieger über essenzielle Energiequellen, Gürtelrosen und ihr liebstes Kraut, Hypericum Perforatum – samt Rezept.
Von  Redaktion Saiten

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und dem Johanniskraut schon früh begegnet. Richtig kennengelernt habe ich es aber erst in der Ausbildung zur Naturheilpraktikerin. In der Schweiz wachsen verschiedene Johanniskräuter. Nur eines wird als Heilpflanze verwendet, nämlich das Hypericum perforatum.

Hält man die ovalen Blätter gegen das Licht, erkennt man schwarze Pünktchen, die wie Löchlein wirken. Daher kommt der Name «perforatum». Eigentlich sind das aber die ätherischen Öle in den Blättern. Der einfachste Trick, um das Heilkraut von seinen Geschwistern zu unterscheiden, besteht im Verreiben der Blüten. Dann sieht man das Hypericin, den roten Farbstoff, der sich nur in den Blüten des Hypericum performatum findet.

Bekanntlich wird das Johanniskraut am 21. Juni, am Tag der Sommersonnenwende geerntet, weil es dann die grösste Heilkraft haben soll. Man sagt ihm nach, es habe von allen Heilkräutern die stärkste Beziehung zum Licht. Früher wurde es auch als Hexenkraut bezeichnet. Man hat damit böse Geister vertrieben und in der Verbindung zum Licht die Verbindung zum Guten gesehen.

Hypericum perforatum.

Licht ist eine essenzielle Energiequelle für die Nerven. Ich setze die Pflanze auf körperlicher Ebene bei Nervenverletzungen und Nervenschmerzen ein, bei Gürtelrosen beispielsweise oder bei Gesichtslähmungen nach einem Schlaganfall. Sie wirkt entzündungshemmend, schmerzlindernd und regt den Heilungsprozess an. Ausserdem hat sie eine angstlösende, beruhigende Wirkung und stabilisiert die Stimmungslage. Johanniskraut bringt die Sonne ins Herz.

Ich finde es schwierig, wenn man sagt, Johanniskraut könne man bei Depressionen einsetzen. Es gibt viele Heilpflanzen, die man begleitend bei Depressionen einsetzen kann. Mir ist es wichtig, eine Person und ihre Lebensumstände kennenzulernen und anhand meines Eindrucks die Pflanzen auszuwählen, die passen. Das Wesen einer Heilpflanze muss zum Wesen eines Menschen passen.

Innerlich eingenommen können Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln auftreten. Frauen, die hormonell verhüten, haben oft Angst, die Wirksamkeit der Pille könnte leiden. Dazu gehören hochdosierte Hypericum-Extraktpräparate. Deshalb gehören Tinkturen in Fachhände.

Ein Johanniskraut-Öl kann man aber sehr gut selber herstellen und verwenden. Zum Beispiel zur Beruhigung auf dem Solarplexus, an den Fusssohlen, am Herzen oder wo sonst Unruhe herrscht. Man muss jedoch bedenken, dass es die Haut empfindlicher für Sonnenbrand macht.

Das helle, leuchtend gelbe Johanniskraut ist sehr fein und doch sehr kraftvoll. Es wächst häufig exponiert an Wegrändern, wo es trampelnden Menschen und Tieren und urinierenden Hunden widersteht. Für meine Praxis verarbeite ich aber Kräuter, die mein Vater für mich in seinem Garten anpflanzt.

Rezept Johannisöl:

  • Blüten an einem trockenen Vormittag ernten
  • Konfi-Glas mit Blüten füllen und stark erhitzbares Öl aufgiessen, bis die Blüten überdeckt sind
  • Drei Wochen an die Sonne stellen und täglich schütteln
  • Absieben (z.B. mit Kaffeefilter)
  • Hilft bei Ekzemen, Nervenschmerzen, Entzündungen, Schürfungen, Verspannungen oder Menstruationsbeschwerden.

Christine Stieger, Jahrgang 1983, ist Naturheilpraktikerin in Rapperswil-Jona. Notiert von Frédéric Zwicker.

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.

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