Der historische Gerichtssaal ist bis auf den letzten Platz besetzt: ein über 50-köpfiges Feierabend-Publikum hat sich eingefunden. Die laufende Schlossausstellung «Zankapfel Thurgau» scheint den Nerv getroffen zu haben. Moderator Dominik Schnetzer vom Historischen Museum Thurgau führt mit Verweis auf die «Weltwoche» und ihre Kampagnen gegen einen angeblichen deutschen Professoren-Überhang an Schweizer Universitäten in das kontroverse Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen ein, über das an diesem Donnerstagabend debattiert wird.
Schwitzende Schweizer und als geizig verschriene Schwaben
Plakativ stehen über der Veranstaltung die xenophoben Begriffe «Sauschwabe» und «Kuhschweizer». – Was ist ihr Ursprung? Für Holenstein ist die Herkunft des Schwimpfwortes «Sauschwabe» ein Rätsel. «Es gibt keine historischen Hinweise», sagt er.
Beim «Kuhschweizer» hingegen scheint es klarer zu sein. Der Berner Geschichtsprofessor verortet die Entstehung im 15. Jahrhundert. Die Verspottung habe sich damals auf die alten Eidgenossen und ihre Kriegslust bezogen. Zudem hätte man sich zu jener Zeit auch erzählt, dass die Schweizer von Karl dem Grossen in die Alpen verbannt worden seien und seitdem dort am «Schwitzen» seien.
Galda, der seit 2011 im Thurgau Wohnsitz hat, nimmt an, dass «Sauschwabe» in neuerer Zeit irgendwie mit den Süddeutschen, den Schwaben, assoziiert werde. Sie seien als geizig verschrien. Er selbst, sagt der Unternehmensberater, sei wegen seiner deutschen Herkunft in der Schweiz nie angefeindet worden. Seine Frau hingegen schon. Ihr habe einmal jemand vorgeworfen, dass sie als Deutsche den Schweizern die Arbeitsplätze wegnähme. Seine Frau habe darauf erwidert, sie sei gar nicht in Arbeit, sondern Hausfrau und habe deshalb keinem Schweizer und keiner Schweizerin die Stelle weggenommen.
Viel Spielraum für Wahrheit und Wahrnehmung
Deutsche, die Schweizern die Arbeit wegnehmen, hat einen ernsten Hintergrund. So an der Uni Zürich, wo viele Professoren aus Deutschland tätig sind. Holenstein sagt, dass die Deutschen deswegen angefeindet worden seien und die Streichung der Schweizer Geschichte aus dem Studium sogar ihnen zur Last gelegt wurde. «Das stimmt natürlich nicht», streicht der Berner Geschichtsprofessor heraus. «Die Absetzung des Faches Schweizer Geschichte ist eine Folge des Bologna-Prozesses und nicht der Deutschen.» Der Abschluss im Fach Geschichte schliesse heute die Schweizer Geschichte mit ein. Die Debatte sei einzig an der Zürcher Uni geführt worden, weil sie zu spät auf Bologna reagiert habe und mit den Deutschen ablenken wollte. Das Thema sei politisch aufgebauscht worden.
Galda hat die Erfahrung gemacht, dass im Verhältnis Schweizer und Deutsche der Wahrheit und der Wahrnehmung viel Spielraum gelassen wird. «Man kann nicht einfach nur von Freundschaft unter diesen beiden Nationen sprechen», sagt Galda. «Man muss auch immer die Interessen, die dahinter stehen, miteinbeziehen.»
Holenstein spricht den im universitären Betrieb immer wieder geäusserten Vorwurf «deutscher Seilschaften» an. Es stimme, dass viele deutsche Professoren ihre Leute mitbringen würden, aber nur weil an den Schweizer Unis die Nachwuchskräfte fehlten. Schweizer Wissenschaftler seien eben nicht erpicht darauf befristete Jobs anzunehmen. Deutsche schon, weil die Ausbildung vor allem in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahren stark forciert worden sei. «Es gibt auf dem Arbeitsmarkt ein riesiges Angebot an deutschen Wissenschaftlern», sagt Holenstein. «Viele von ihnen sind auch noch mit 40 und 50 Jahren in einer befristeten Anstellung. Das ist nicht aussergewöhnlich.»
Zweiter Weltkrieg prägte Deutschenbild in der Schweiz nachhaltig
Schweizer Ressentiments gegenüber Deutschen sind häufiger als umgekehrt, meinen Holenstein und Galda übereinstimmend. Der Berner Geschichtsprofessor ist der Ansicht, dass vor allem der Zweite Weltkrieg das Deutschenbild in der Schweiz nachhaltig geprägt hat. Damals habe sich die Schweiz von den Deutschen eingekreist und bedroht gefühlt. Anders sei es während des Ersten Weltkrieges gewesen, als in der deutschsprachigen Schweiz starke Sympathien für die deutschen Nachbarn hochgeschwappt seien.
Galda meint, dass in Deutschland unisono ein sehr positives Schweizerbild hochgehalten wird. Schon daher, weil nach dem Zweiten Weltkrieg eine grosse Zahl von deutschen Kriegskindern in der Schweiz aufgepäppelt worden sei. Land und Leute würden zudem mit Alpenidylle und Heidi-Romantik bedacht, meint der Wahlschweizer aus Hannover, der in Deutschland wegen seiner regionalen Herkunft schon mal als «Fischkopf» und «Schnellschwätzer» verspottet wird.
Steuerhinterziehungs-Knatsch: Deutsche Ressentiment gab es zurecht
Der jüngst ausgetragene Steuerhinterziehungs-Knatsch ist in der Podiumsdiskussion nicht angesprochen worden. Dazu äusserte sich Holenstein aber später, beim Apero: Da habe es schon deutsche Ressentiments gegeben und auch zurecht. Daran seien die Schweizer selbst schuld gewesen. Sie hätten viel zu lange auf das Bankgeheimnis geschworen und viel zu spät gemerkt, welcher Schaden damit in der Welt angerichtet worden sei.
Beiderseits der Grenzen kochte damals auf dem Feuer der Steuerhinterziehung die Volksseele hoch. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück etwa drohte gegen die Schweiz die «Kavallerie ausreiten» zu lassen. Der SVP-Nationalrat und Rorschacher Stadtpräsident Thomas Müller verglich die deutsche Regierung mit der Gestapo, indem er behauptete, sie würde in schwarzen Ledermänteln herumlaufen.
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz