Kategorie
Autor:innen
Jahr

Von Kuhschweizern und Sauschwaben  

Schweizer spotten mehr über Deutsche als umgekehrt. Warum das so ist versuchten an einer Podiumsdiskussion auf Schloss Frauenfeld der Berner Geschichtsprofessor André Holenstein und der deutsche Unternehmensberater Herbert Galda herauszufinden.
Von  Harry Rosenbaum

Der historische Gerichtssaal ist bis auf den letzten Platz besetzt: ein über 50-köpfiges Feierabend-Publikum hat sich eingefunden. Die laufende Schlossausstellung «Zankapfel Thurgau» scheint den Nerv getroffen zu haben. Moderator Dominik Schnetzer vom Historischen Museum Thurgau führt mit Verweis auf die «Weltwoche» und ihre Kampagnen gegen einen angeblichen deutschen Professoren-Überhang an Schweizer Universitäten in das kontroverse Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen ein, über das an diesem Donnerstagabend debattiert wird.

Schwitzende Schweizer und als geizig verschriene Schwaben

Plakativ stehen über der Veranstaltung die xenophoben Begriffe «Sauschwabe» und «Kuhschweizer». – Was ist ihr Ursprung? Für Holenstein ist die Herkunft des Schwimpfwortes «Sauschwabe» ein Rätsel. «Es gibt keine historischen Hinweise», sagt er.

Beim «Kuhschweizer» hingegen scheint es klarer zu sein. Der Berner Geschichtsprofessor verortet die Entstehung im 15. Jahrhundert. Die Verspottung habe sich damals auf die alten Eidgenossen und ihre Kriegslust bezogen. Zudem hätte man sich zu jener Zeit auch erzählt, dass die Schweizer von Karl dem Grossen in die Alpen verbannt worden seien und seitdem dort am «Schwitzen» seien.

Galda, der seit 2011 im Thurgau Wohnsitz hat, nimmt an, dass «Sauschwabe» in neuerer Zeit irgendwie mit den Süddeutschen, den Schwaben, assoziiert werde. Sie seien als geizig verschrien. Er selbst, sagt der Unternehmensberater, sei wegen seiner deutschen Herkunft in der Schweiz nie angefeindet worden. Seine Frau hingegen schon. Ihr habe einmal jemand vorgeworfen, dass sie als Deutsche den Schweizern die Arbeitsplätze wegnähme. Seine Frau habe darauf erwidert, sie sei gar nicht in Arbeit, sondern Hausfrau und habe deshalb keinem Schweizer und keiner Schweizerin die Stelle weggenommen.

Viel Spielraum für Wahrheit und Wahrnehmung

Deutsche, die Schweizern die Arbeit wegnehmen, hat einen ernsten Hintergrund. So an der Uni Zürich, wo viele Professoren aus Deutschland tätig sind. Holenstein sagt, dass die Deutschen deswegen angefeindet worden seien und die Streichung der Schweizer Geschichte aus dem Studium sogar ihnen zur Last gelegt wurde. «Das stimmt natürlich nicht», streicht der Berner Geschichtsprofessor heraus. «Die Absetzung des Faches Schweizer Geschichte ist eine Folge des Bologna-Prozesses und nicht der Deutschen.» Der Abschluss im Fach Geschichte schliesse heute die Schweizer Geschichte mit ein. Die Debatte sei einzig an der Zürcher Uni geführt worden, weil sie zu spät auf Bologna reagiert habe und mit den Deutschen ablenken wollte. Das Thema sei politisch aufgebauscht worden.

Galda hat die Erfahrung gemacht, dass im Verhältnis Schweizer und Deutsche der Wahrheit und der Wahrnehmung viel Spielraum gelassen wird. «Man kann nicht einfach nur von Freundschaft unter diesen beiden Nationen sprechen», sagt Galda. «Man muss auch immer die Interessen, die dahinter stehen, miteinbeziehen.»

Holenstein spricht den im universitären Betrieb immer wieder geäusserten Vorwurf «deutscher Seilschaften» an. Es stimme, dass viele deutsche Professoren ihre Leute mitbringen würden, aber nur weil an den Schweizer Unis die Nachwuchskräfte fehlten. Schweizer Wissenschaftler seien eben nicht erpicht darauf befristete Jobs anzunehmen. Deutsche schon, weil die Ausbildung vor allem in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahren stark forciert worden sei. «Es gibt auf dem Arbeitsmarkt ein riesiges Angebot an deutschen Wissenschaftlern», sagt Holenstein. «Viele von ihnen sind auch noch mit 40 und 50 Jahren in einer befristeten Anstellung. Das ist nicht aussergewöhnlich.»

Zweiter Weltkrieg prägte Deutschenbild in der Schweiz nachhaltig

Schweizer Ressentiments gegenüber Deutschen sind häufiger als umgekehrt, meinen Holenstein und Galda übereinstimmend. Der Berner Geschichtsprofessor ist der Ansicht, dass vor allem der Zweite Weltkrieg das Deutschenbild in der Schweiz nachhaltig geprägt hat. Damals habe sich die Schweiz von den Deutschen eingekreist und bedroht gefühlt. Anders sei es während des Ersten Weltkrieges gewesen, als in der deutschsprachigen Schweiz starke Sympathien für die deutschen Nachbarn hochgeschwappt seien.

Galda meint, dass in Deutschland unisono ein sehr positives Schweizerbild hochgehalten wird. Schon daher, weil nach dem Zweiten Weltkrieg eine grosse Zahl von deutschen Kriegskindern in der Schweiz aufgepäppelt worden sei. Land und Leute würden zudem mit Alpenidylle und Heidi-Romantik bedacht, meint der Wahlschweizer aus Hannover, der in Deutschland wegen seiner regionalen Herkunft schon mal als «Fischkopf» und «Schnellschwätzer» verspottet wird.

Steuerhinterziehungs-Knatsch: Deutsche Ressentiment gab es zurecht 

Der jüngst ausgetragene Steuerhinterziehungs-Knatsch ist in der Podiumsdiskussion nicht angesprochen worden. Dazu äusserte sich Holenstein aber später, beim Apero: Da habe es schon deutsche Ressentiments gegeben und auch zurecht. Daran seien die Schweizer selbst schuld gewesen. Sie hätten viel zu lange auf das Bankgeheimnis geschworen und viel zu spät gemerkt, welcher Schaden damit in der Welt angerichtet worden sei.

Beiderseits der Grenzen kochte damals auf dem Feuer der Steuerhinterziehung die Volksseele hoch. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück etwa drohte gegen die Schweiz die «Kavallerie ausreiten» zu lassen. Der SVP-Nationalrat und Rorschacher Stadtpräsident Thomas Müller verglich die deutsche Regierung mit der Gestapo, indem er behauptete, sie würde in schwarzen Ledermänteln herumlaufen.

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von  René Hornung
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von  Vera Zatti
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd