Olma, Fussball, Wahlen. Das Theater St.Gallen hätte sich auch einen anderen Abend aussuchen können für die erste Premiere im frisch renovierten Paillard-Bau. Doch das Selbstbewusstsein hat sich gelohnt, das grosse Haus war restlos ausverkauft am Sonntagabend. Auch der Stoff der Auftrags-Oper von Tobias Picker (Komposition) und Aryeh Lev Stollman (Libretto) ist mutig. Lili Elbe erzählt die Geschichte der gleichnamigen trans Frau und Künstlerin aus Vejle, die sich Anfang der 1930er-Jahre in Deutschland einer der ersten geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen hat.
Mutig deshalb, weil trans Personen immer noch tagtäglich gegen Gewalt und Diskriminierung kämpfen müssen, sich nicht überall frei bewegen können. Mutig deshalb, weil diese Weltpremiere nicht am Broadway, sondern in St.Gallen stattfand, einem Kanton notabene, in dem am Sonntag fast 35 Prozent der Stimmberechtigten die SVP gewählt haben. Eine Partei, die regelmässig und öffentlich Hass gegen queere Menschen und insbesondere gegen trans Personen schürt.
Am Ende des ersten Akts gibt sich Lili Elbe (Lucia Lucas) ein Jahr Zeit, um sich selber zu werden, «eine echte Frau». Klappt das nicht, will sie ihrem Leben ein Ende setzen. Das ist kein dramaturgischer Kniff, sondern so verbrieft in der von Niels Hoyer geschriebenen Autobiografie Lili Elbes, die 1931 erschienen ist und zu einem Hit wurde. Und es ist auch eine bittere Realität vieler trans Menschen. Das Suizidrisiko, gerade bei jungen, ist um ein Vielfaches erhöht. Auch heute noch.
Von Kopenhagen nach Paris
Die erste Szene bringt die herrschenden Verhältnisse auf den Punkt: Eine graue Mehrheitsgesellschaft spielt ihr routiniertes Hetero-Fortpflanzungsspiel; da ein Damenschuh, dort eine Herrenzigarre, zack die Heirat und dann ab ins fröhliche Familienleben. Wer aus der Reihe tanzt, den falschen Schuh trägt, wird kritisch beäugt, ausgelacht, verstossen.
Auch Gerda und Einar Wegener spielen da mit. Sie lernen sich auf der Königlich Dänischen Kunstakademie kennen und heiraten früh. 1925 arbeiten sie in ihrem gemeinsamen Atelier in Kopenhagen, er malt Landschaften, sie Menschen. Als die gemeinsame Freundin und Schauspielerin Anna (Mack Wolz), die Gerda Modell sitzen soll, eines Tages nicht erscheint, bittet Gerda Einar für sie einzuspringen, damit sie das Bild vollenden kann. Einar schlüpft in Annas Kleider. Sie ist es, die ihm den Namen Lili gibt, als sie dann schliesslich doch noch auftaucht.
Von da an ist Lili immer häufiger «zu Besuch». Und Gerda (Sylvia D’Eramo) erlebt dank ihrer Muse Lili als Malerin unerwartete Höhenflüge. Ihre schwebenden Bilder erwachen gleichzeitig mit Lili zum Leben – beides wunderbar verkörpert durch die Tanzkompanie unter der Leitung von Frank Fannar Pedersen. Hier wird auf mehreren Ebenen nicht nur die Geschichte einer Transition erzählt, sondern auch die Geschichte einer Arbeits- und vor allem: einer Liebesbeziehung abseits von Normen.
Bald zeigt sich Lili auch auf Gesellschaften, macht Furore. Was als «amüsantes Spiel» und «perfekter Scherz» begann, ist Alltag geworden. Nach Gerdas erfolgreicher Vernissage erklärt Lili ihr, dass sie fortan nur noch Lili sein will. Gerda hadert damit, akzeptiert es aber schliesslich – schauspielerisch wie musikalisch eine ergreifende Szene. Die beiden ziehen ins goldene Paris der 1920er, wo sie freier Leben können als im steifen Kopenhagen.
Lili will nur noch Lili sein.
In den folgenden Jahren in Paris blühen die zwei auf und mit ihnen das Bühnenbild und die Kostüme: Der wilde Ball einer dänischen Gräfin (Théo lmart) mixt Foxtrott-Versätze mit Art-Déco zu einem unübersichtlichen Rausch der Sinne. Lili und Gerda treffen Hélène und Eric Allatini (Jennifer Panara, David Maze), die rasch eingeweiht werden. Und die neuen Männer in ihrem Leben: Gerda plant eine Zukunft mit Major Fernando Porta (Kristján Jóhannesson) und Lili verliebt sich in den Parfumeur Claude LeJeune (Brian Michael Moore), der ihr das Duftgewinnungsverfahren der Enfleurage erklärt – ein Sinnbild für Lilis Metamorphose. Hier übernimmt das raffinierte, mit verschiedenen Vorhangmaterialien gestaltete Bühnenbild von Regisseur Krystian Lada mehr als nur eine Nebenrolle.
Elbe, wie der Fluss
«Wir leben in modernen Zeiten» ist das Mantra dieser goldenen Pariser Gesellschaft. Doch diese Einsicht teilen freilich nicht alle, das muss Lili schmerzlich erfahren. Ihr Bruder Marius (Sam Taskinen) unterstützt sie zwar mit voller Kraft und stellt ihr auch ihren späteren «Beschützer», den Gynäkologen Professor Warnekros (Msimelelo Mbali) vor, doch ihre Schwester Dagmar (auch Théo lmart) verstösst Lili. Ebenso ihre Mutter (Mack Wolz), für die eine «echte» Frau nur eine sein kann, die Kinder gebiert. Hier unterschiedet sich die Oper von Lili Elbes Memoiren. Hoyer schreibt, ihre Mutter sei früh und «recht plötzlich» verstorben.
Nach einer Odyssee bei diversen Ärzten, die ihr alles Mögliche an körperlichen und geistigen Störungen diagnostizieren und sie einmal sogar radioaktiv bestrahlen, findet Lili endlich Halt bei Professor Warnekros in Dresden, wo sie in seiner Frauenklinik zum ersten Mal operiert wird und sich auch ihren neuen Nachnamen gibt: Elbe. Wie der Fluss. Dank diesem Eingriff können Lili und Gerda beim dänischen König Christian X. (auch Kristján Jóhannesson) um Anerkennung ihres weiblichen Geschlechts und somit um die Annullierung der Ehe ersuchen.
Eine umso absurdere Szene, wenn man bedenkt, dass es in der Schweiz und in weiten Teilen Europas bis vor etwa zehn Jahren noch einen Operationszwang für trans Menschen gab, bevor sie amtlich ihr Geschlecht anpassen durften. Dabei wollen viele gar keine Operation, sie ergreifen andere geschlechtsangleichende Massnahmen. Und eine unbürokratische Änderung des Geschlechtseintrags in der Schweiz ist erst seit Januar 2022 möglich. Allerdings gilt das nach wie vor nur für die Kategorien «männlich» oder «weiblich». Ein drittes Geschlecht, wie andere Länder es eingeführt haben, anerkennt die Schweiz bisher nicht.
Professor Warnekros (Msimelelo Mbali) hat Lili erfolgreich operiert.
Die erste Operation reicht Lili nicht. Sie liegt im «Warteraum» ihrer Transition und träumt davon, dereinst Mutter zu werden. Erst dann ist sie bereit, Claude LeJeune zu heiraten. Warnekros will Lili also eine Gebärmuttertransplantation ermöglichen. Einen solchen Eingriff hatte zuvor noch niemand gewagt. Betrunken vom eigenen Pioniergeist drängt er eine junge Frau (auch Mack Wolz) zur Spende. Lili überlebt die Operation, ist aber geschwächt. «Ich würde glücklich sterben», sagt sie, und trifft vor einer berührenden Chorszene ein letztes Mal auf ihre geliebte Gerda, die mittlerweile mit Fernando Porta verheiratet ist und sich nichts mehr wünscht, als Lili ein zweites Mal zu heiraten.
Glücksgriff Lucia Lucas
Lili Elbe hätte auch misslingen können. Aber Tobias Picker, Aryeh Lev Stollman und die Verantwortlichen beim Theater haben vieles richtig gemacht. Ihre Oper ist um einiges subtiler als die populäre und ebenso tränenreiche Hollywood-Verfilmung The Danish Girl (2015) mit Eddie Redmayne als Lili und Alicia Vikaner als Gerda. Das reduzierte Bühnenbild lässt Raum für die romantische postmoderne Komposition, die anspruchsvollen Gesangsparts und das sehr diverse Ensemble. Der Tanz spielt eine für die Oper ungewöhnlich tragende Rolle. Ein kluges Vehikel, denn Choreograf Frank Fannar Pedersen und seine Kompanie schaffen es, das Ungesagte, die Sprach- und Wortlosigkeit, die nicht nur bei Lili selbst, sondern auch in der Medizin und in der Gesellschaft damals noch herrschten, auf einer emotionalen Ebene auszudrücken.
Nicht zuletzt ist dem US-Amerikaner Tobias Picker und seinem Partner Aryeh Lev Stollman mit der Baritonistin und trans Frau Lucia Lucas als Lili ein Glücksgriff gelungen. Als Picker sie fragte, ob sie Interesse an diesem Stück habe, sagte sie ohne Zögern: «Ja! Das ist meine Geschichte!» Nur konsequent also, dass sie auch als Dramaturgin mitwirkte. Mit ihrer raumgreifenden, facettierten Stimme und ihrer schauspielerischen Präsenz trägt sie das Stück. Was muss es für ein Gefühl sein, so nah am eigenen Erlebten zu spielen …
Lili Elbe: Weitere Aufführungen bis 3. Dezember, Grosses Haus, Konzert und Theater St.Gallen
konzertundtheater.ch
Der Start im neueröffneten Theater ist durchaus gelungen, das Publikum hat lange geklatscht. Der Stoff ist thematisch wie musikalisch anspruchsvoll und mag für mache vielleicht eine Prise zu viel sein. Aber Theater soll bekanntlich am Puls der Zeit sein, soll nicht nur Gefälliges zeigen und das Publikum hin und wieder etwas herausfordern. Bleibt zu hoffen, dass das hiesige Publikum besser mit solchen Produktionen umgehen kann als jenes in Zürich, wo kürzlich die Co-Intendanten des Schauspielhauses den Hut nehmen mussten, weil ihre Themen angeblich zu «woke» waren. Ein Wort übrigens, das vor allem die SVP als Schimpfwort braucht. Alle anderen meinen damit ein achtsames, respektvolles Miteinander.
Gerda und Lili treffen sich ein letztes Mal.
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