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Signer-Theater

Vom «St.Galler Modell», vom Kommen und Gehenmüssen, Köpfen und Skandalen, Geld und Geist und dem demokratischsten Theaterbau der Schweiz: Ein Rückblick in fünf Akten zur Neueröffnung des Theaters im Stadtpark diesen Samstag.
Von  Peter Surber
Das erste Stück im frisch renovierten Theaterbau – Lili Elbe – feiert am 22. Oktober Premiere. (Bilder: Ladina Bischof)

Links oben auf der engen Balustrade, fast senkrecht über der Bühne, war sein Premierenplatz. Er kam, wenn es dunkel wurde im Saal, und war meist weg, wenn der Schlussapplaus noch anhielt. Werner Signer, der Zuschauer auf dem Hochsitz abseits des Rampenlichts: Das Bild passt für den Mann, der mehr als 30 Jahre lang die Fäden am Theater St.Gallen gezogen hat. Er war der starke Mann im Hintergrund, ein Ausdruck, den er selber nicht gern hörte – «primus inter pares» war ihm lieber, oder: «Ermöglicher». Aber die andern kamen und gingen, der Primus blieb. Im Sommer ging er in Pension, im Oktober wird «sein» Theater wiedereröffnet (mehr zum Theaterbau auf S. 56). Hier ein Blick zurück, in fünf Akten.

Erster Akt: Die Geburt des «St.Galler Modells»

Sein Vorgänger ist legendär: Oskar Fritschi, Leiter des Kostümverleihs Jäger am Pic-o-Pello-Platz, Föbü und eine Ewigkeit lang, von 1967 bis 1990, kaufmännischer Direktor am Theater, das damals noch Stadttheater heisst und ist. (Tempi passati … Fritschi führt neben der Theaterkasse gleich auch die Buchhaltung für den Konzertverein, die Kellerbühne und die Olma.) «Das stete Bemühen, Geld dem Geist dienstbar zu machen, fand ich besonders erstrebenswert», erzählt er nach seiner Pensionierung in einem fiktiven Gespräch im Jahrbuch «Gallusstadt». Werner Signer hätte das gleiche sagen können.

Jetzt geht er: Werner Signer vor dem Theatergebäude. (Bild: Sara Spirig)

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang leiten gerade einmal zwei Personen den grössten Kulturbetrieb der Ostschweiz: ein rarer Fall von Kontinuität, inzwischen fast undenkbar geworden, erst recht in einer Branche, die auf Premieren hinfiebert, nach neuen Stücken und neuen Gesichtern lechzt («Frischfleischwahn» werfen kritische Stimmen dem Gegenwartstheater gerne vor). Wo alles ins Scheinwerferlicht drängt, wo Narzissmus fast naturgemäss zum Geschäft gehört, da fällt einer auf, der nicht auffallen will.

Kaum ist Signer im Amt, gehen die Wellen hoch. Intendant Glado von May ist zurückgetreten, an seine Stelle hat der Verwaltungsrat den Österreicher Hermann Keckeis geholt. Keckeis verlängert die Verträge mit teils langjährigen Ensemblemitgliedern nicht, kehrt mit dem kräftigen Besen – und schafft rasch ein «Klima der Verunsicherung», wie Ensemblemitglieder öffentlich kritisieren.

Die erste Spielzeit bringt einen starken Publikumsrückgang, die zweite versucht mit einem konventionelleren Programm Gegensteuer zu geben, doch der Verwaltungsrat zieht die Reissleine. Keckeis muss, kaum angetreten, wieder gehen. Die Folge ist ein neues Leitungsmodell, das die nächsten drei Jahrzehnte gelten wird: Statt einem allmächtigen Intendanten führt ein dreiköpfiges Direktorium das Theater. Zu Beginn: Schauspieldirektor Peter Schweiger, Operndirektor John Neschling und Verwaltungsdirektor Werner Signer. Ab 2004 erweitert Florian Scheiber als Konzertdirektor das Trio zum Quartett.

Das «St.Galler Modell» ist geboren, es ist auf Werner Signer zugeschnitten. Ein allmächtiger Theaterzampano neben Signer? Schwer vorstellbar. Im Frühjahr 2021 fühlen sich manche an den «Fall Keckeis» erinnert, als der St.Galler Verwaltungsrat die Rückkehr zum früheren Intendantenmodell ankündigt (auch wenn es nicht so heissen darf) und dann im Herbst Operndirektor Jan Henric Bogen zum gesamtverantwortlichen Direktor macht. Bogen polarisiert ebenfalls mit Personalentscheiden, aber will das Haus für akute Themen wie Inklusion und Geschlechtergerechtigkeit öffnen.

Zweiter Akt: Das Karussell der Namen und Themen

Signer bleibt, neben ihm wechseln sich über die Jahre die Spartenchefs ab. Im Schauspiel wirbelt nach dem unersetzlichen Peter Schweiger drei Jahre lang Josef E. Köpplinger, dann holt man mit Tim Kramer einen ernsthaften Theatersucher, schliesslich Jonas Knecht: Er ist einer von hier und einer aus der freien Szene, versucht das Theater zu öffnen und reibt sich acht Jahre lang an den Strukturen und Sachzwängen – und oft auch an Werner Signer, dem er zugleich Respekt zollt: «Er hat mir künstlerisch alle Freiheiten zugestanden», sagt Knecht im Saiten-Schlussinterview 2023.

Im Tanz gelingt nach Marianne Fuchs, der langjährigen Leiterin des «Balletts», der Generationen- und Stilwechsel mit dem jungen Philipp Egli. Er kämpft für eine eigene Spielstätte für den Tanz und kündigt ermüdet, bevor die Lokremise eröffnet ist. Ihm folgt Marco Santi, den das Theater viel zu früh resignieren lässt. Santi macht Bewegungskunst mit gesellschaftspolitischer Tiefe, aber mit den Nachfolger:innen, Beate Vollack und Kinsun Chan, schlägt das Pendel wieder zurück. Erst 2023, unter dem neuen Tanzchef Frank Fannar Pedersen wird der Tanz endlich zur eigenen Sparte. Die Oper leitet nach Neschling kurz Laurent Wagner, dessen Namen die meisten vergessen haben dürften, dann prägender Franziska Severin, Peter Heilker und jetzt Jan Henric Bogen.

Signer bleibt. Und mit ihm ein Spielplan, der vielen vieles bringen will, der Bühnenexperimente mit reichlich Klassikern abfedert und zeitgenössisches Musiktheater in homöopathischen Dosen riskiert (Erstaufführungen von Daniel Fueter, Hans Werner Henze, Roland Moser, Alfons K. Zwicker u.a. sind ein paar Ausnahmen). Unter Signer wird das Theater zum Musicalproduzenten. St.Gallen erlebt «Welturaufführungen», ein seltsam pleonastisches Label. Der Graf von Monte Christo, Don Camillo und Peppone, Moses, Artus, Matterhorn, Wüstenblume etc.: Sie alle werden eigens für St.Gallen komponiert und produziert, die Kantonalbank ist Hauptsponsorin.

Signer gibt stets offen zu: Für Musicals Sponsoren zu finden ist einfacher als für andere Sparten. Aber auch: Das Musical finanziere riskantere Produktionen mit. Das Publikum applaudiert, sorgt für Traumauslastungen – treu bleibt dem Theater aber auch der Vorwurf, das Sprechtheater zugunsten mehrheitsfähiger Unterhaltungsstoffe mehr und mehr von der grossen Bühne zu verdrängen.

Öffentlich ist dennoch das Sprechtheater die kontroverseste Abteilung. Mit Jelineks Kontrakten des Kaufmanns unter Tim Kramer, mit harten Themen wie administrativer Versorgung (Verminte Seelen) oder Sterbehilfe unter Jonas Knecht, mit grossen Schauspiel-Momenten unter Peter Schweiger. Und Theaterskandale? Man kann sie an einer halben Hand abzählen, was vermutlich für St.Gallen spricht – zumindest für ein Theaterverständnis, das nicht auf Aufregung um jeden Preis zielt, sondern auf inhaltliche Auseinandersetzung.

Den ersten, am 29. September 2006, löst Schillers Tell aus. Regisseur Samuel Schwarz lässt Tell mit Maschinengewehr und Patronengurt durch den Zuschauerraum berserkern und schliesst die Tell-Figur mit dem Zuger Attentäter Leibacher kurz. Es gibt «Blick»-Schlagzeilen und Protestbriefe, aber auch Diskussionen zu Terror und Freiheitskampf. Mutlos agiert das Theater fünf Jahre später. Milo Rau kündigt eine theatrale Installation zum St.Galler Lehrermord an, die Folge sind empörte Reaktionen aus der Bevölkerung bis zu Drohungen gegen Schauspielchef Tim Kramer, ohne dass jemand den Text kennt – und Rau muss seine Pläne ändern. Aus einem wie auch immer geplanten Stück wird 2011 ein Projekt zum (fehlenden) Ausländer:innenstimmrecht mit dem Titel City of Change, inhaltlich klug, aber politisch folgenlos. Dass Milo Rau seither nie in seiner Heimatstadt inszeniert hat, wird viele, auch bürokratische Gründe haben, aber bleibt ein Versäumnis.

Dritter Akt: Die Kantonalisierung und der Leistungsauftrag

Hinter dieser Spielplanpolitik nach dem Motto «Wer vieles bringt …» steht die Politik: der Leistungsauftrag von Kanton und Stadt für das Theater. Er verlangt eine Eigenfinanzierung von 30 Prozent, schweizweit die höchste Rate, die öffentliche Geldgeber ihrem Theater aufs Auge drücken. Sie wirkt sich auf das Abosystem aus, das den Grundstock an Einnahmen sichert, aber die Planung schwerfällig macht. Und sie zwingt zu Sponsoring-Einnahmen von mehreren Millionen Franken pro Spielzeit. Der Spagat zwischen Quote und Anspruch: Das ist die Turnübung, die alle St.Galler Theatermacher:innen am besten können müssen.

Ein Balanceakt sind auch die Subventionen. Seit den 1980er-Jahren will sich die Stadt von ihren zentralörtlichen Leistungen entlasten – 9,1 Millionen Franken zahlt die Stadt etwa im Jahr 1992 an das Stadttheater, gerade einmal 2,8 Millionen der Kanton. Über die Jahre verschieben sich die Beträge nach und nach zugunsten der Stadt. Im Jahr 2000 schliessen sich Theater und Konzertverein zu einer gemeinsamen Genossenschaft zusammen, der Kanton übernimmt die Hauptlast der Finanzierung von der Stadt, die Stadt dafür die Verantwortung für die Museen. Im St.Galler Kantonsrat passiert die millionenschwere Neuordnung oppositionslos – im Nachhinein und mit Blick auf spätere erbitterte Kulturdiskussionen (etwa um das Klanghaus) ein bemerkenswertes Ergebnis, das zwei «Väter» kennt: Franz Hagmann, damals Stadt- und Kantonsrat, und Werner Signer.

2018/19 – es ist das letzte «normale» Jahr, vor der Pandemie und dem Theaterumbau – beträgt der Gesamtaufwand gut 40 Millionen Franken. Die Subventionen von 28,3 Millionen teilen sich der Kanton (knapp 20 Millionen inklusive Beiträge von TG, AR und AI) und die Stadt mit 8,5 Millionen. 11,8 Millionen spielt das Theater selber ein, davon 3,7 Millionen aus Sponsoring-Beiträgen. Den Umsatz erwirtschaften, um in der ökonomischen Terminologie zu bleiben, 265 Festangestellte, 320 Teilverpflichtete und Gäste, 130 Aushilfen sowie Chöre und Statist:innen.

Werner Signer, sagen Stimmen aus dem Theater, kann mit allen, bleibt aber auch auf Distanz. Er merke rasch, ob jemand Schaum schlägt oder arbeitet. Und fast nichts bringe ihn aus der Ruhe – eine Eigenschaft, von der das Theater noch einmal in der Pandemie profitiert. Er erreicht, dass die Löhne weitergezahlt werden können, auch wenn der Vorhang nicht hochgeht.

Vierter Akt: Lokremise, Festspiele, Expansionen

Der Titel ist programmatisch. Volle Kraft voraus! heisst der Abend von Philipp Egli, dem damaligen Chef der Tanzkompanie am Theater St.Gallen, im Oktober 2006, in der noch nicht renovierten Lokremise. Das Schauspiel inszeniert einen Monat später am gleichen Ort Warten auf Godot, und das Warten hat ein Ende: Die lang gesuchte zweite Spielstätte ist gefunden, im November 2008 folgt die Volksabstimmung zur 20-Millionen-Renovation, 2011 eröffnet die Lokremise als Kulturzentrum von Theater, Kunstmuseum, Kinok und LOK-Gastro. Auf der Hollywood-Wand steht: «Eröffnung für alle».

Seither brechen die Diskussionen um die Lok nicht ab, weil für freie Theater-, Tanz- und Musikproduktionen kaum freie Termine in St.Gallens urbanster Location zu bekommen sind. Werner Signer insistiert, etwa im Interview in Saiten vom Februar 2018 zur Theaterrenovation: «Die Lokremise ist eine Erfindung des Theaters. Den ersten Vertrag mit den SBB, damals noch im Provisorium, haben wir geschlossen. Nachher kam der Kanton hinzu, und es entstand das Gesamtkonzept des Kulturzentrums, was natürlich absolut richtig war. Das Theater hatte jedoch ursprünglich einen Spielort für sich selber gesucht. Heute haben wir die Lokremise, aber wir zahlen Miete dafür, pro Jahr etwa eine Viertelmillion für die zwei Säle.» Ausgestanden ist die Diskussion damit aber nicht.

Signers Erfindung sind auch die St.Galler Festspiele. Selten gespielte Opern auf dem Klosterplatz, Tanz in der Kathedrale und eine Konzertreihe: Das funktioniert von 2006 bis 2022, als SVP-Kantonsrat Erwin Böhi die Regierung überzeugt, den Klosterplatz nur noch alle zwei Jahre freizugeben. 2024 zügelt die Oper drum in die Flumserberge.

Mit Lokremise und Festspielen, mit dem von Jonas Knecht lancieren Container oder mit den zwei Probebühnen im Lachenquartier hat das Theater St.Gallen seinen «Raumgriff» (ein Wort des früheren Tanzchefs Philipp Egli) nach und nach kräftig in die Stadt hinaus erweitert. Ob es damit auch theaterfernere Publikumskreise erreicht, ist unsicher. Die Schwelle ist, trotz äusserlich schwellenfreiem Theatergebäude, noch immer ziemlich hoch.

Fünfter Akt: Das neue alte Haus

Schwellenfrei, ohne Prunk, nüchternes Foyer, sechseckige Struktur, keine Logen, kaum Hierarchien in den Publikumsrängen: Eigentlich würde der 1968 eingeweihte Betonbau von Claude Paillard am Rand des Stadtparks alle demokratischen Wünsche befriedigen. Der Festredner, Komponist und Theatermann Rolf Liebermann würdigt die Architektur damals denn auch als «Signum der Gegenwärtigkeit». In einem solchen Haus könne Theater niemals nur «Museum» sein und sei verpflichtet, «mutige und unkonventionelle» Spielpläne zu bieten. Gespielt wird zur Eröffnung Beethovens aufrührerischer Fidelio, wie erneut 2018 zur 50-Jahr-Feier des Hauses, kurz vor dem Start der Renovation.

Die rund 740 Theatersitze wurden abmontiert und neu bezogen. Der Stoff wurde dem Original entsprechend in einer robusteren Webtechnik nachgewoben.

Diese Renovation kostet 52 Millionen, vor der Volksabstimmung gibt es Querelen um den Standort des Provisoriums und Grundsatzopposition von Seiten der SVP, die die «Betonkiste» abreissen will und einen Neubau fordert – der allerdings ein Mehrfaches kosten würde. Am Ende sagen 62,5 Prozent der Stimmberechtigen Ja zur Renovation.

Wie eröffnet man ein Theater wieder? Mit einer Uraufführung, sagt der neue gesamtverantwortliche Direktor Jan Henric Bogen und zeigt jetzt im Oktober Lili Elbe, ein Auftragswerk des Theaters St.Gallen über die trans Frau, die in den 1930er-Jahren eine der ersten geschlechtsangleichenden Operationen wagte. Das Wort für die Festreden haben auch die Frauen: die Bauchefin und die Kulturchefin des Kantons und die Stadtpräsidentin. Werner Signer wird voraussichtlich diesmal nicht oben seitlich auf der Balustrade sitzen, sondern mittendrin.

Das frisch renovierte Foyer. Am Samstag, 21. Oktober wird das Theater feierlich wiedereröffnet.

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