Lukas Hofstetter, am 5. und 6. September gibt es Slam Poetry, ein Kinderkonzert, Funk und Elektronika in der Reithalle zu hören. Ist das ein Vorgeschmack darauf, was die Initianten künftig in der Reithalle planen? Konkret: Was wird Dein erster Anlass in der Halle bei einem Ja sein?
Lukas Hofstetter: Vorerst einmal: Das Abstimmungsfest bietet der Bevölkerung die Chance, die Reithalle überhaupt kennenzulernen – es haben sie ja nur die allerwenigsten je von innen gesehen. Was später in der Halle passieren soll, dafür hätte ich tausend Ideen. Sie füllt eine Lücke, die bis jetzt in dieser Stadt schmerzlich zu spüren ist: Es gibt zwar kleinere Veranstaltungsorte mit der Kapazität bis etwa 500 Personen, aber es gibt, ausser den wiederum zu grossen Olmahallen, keinen grösseren Raum.
Und als erstes käme?
Lukas: Zaz, Bonobo oder Yann Tiersen ständen ganz oben auf meiner Liste. Das ist die Qualität und Dimension, für welche ein Raum in unserer Stadt fehlt. Für solche Konzerte muss man heute nach Winterthur oder noch weiter reisen. Das finde ich nicht akzeptabel für eine Stadt, die sich als Kulturzentrum der Ostschweiz versteht. Jede grössere, umliegende Gemeinde hat so einen Saal – Herisau, Gossau, Rorschach, Wil, Amriswil… Klar, es gibt das Palace, es gibt die Grabenhalle etc – aber es fehlt der grössere Raum. Tonhalle, Theater, Olmahallen sind keine ernsthaften Alternativen, sie sind entweder nur schwer erhältlich, die Mieten sind zu hoch, oder es fehlt die Infrastruktur.
Was wäre Dein erster Anlass in der Reithalle Matthias?
Matthias Fässler: Ich würde vermutlich erst einmal einen Aufruf starten, an die Migrationsvereine, an andere Institutionen in der Stadt, dass hier eine Halle für Feste und für Veranstaltungen aller Art vorhanden ist. Eine Halle, die sich als Treffpunkt und als Gemeinschaftsort versteht. Man könnte das etwas hochtrabend einen «vergesellschafteten» Ort nennen. Denn der Druck auf die vorhandenen Freiräume wächst, siehe Rümpeltum, Kugl oder das Klubhaus. Gerade hinter dem Bahnhof zeigt sich, dass die Stadt wenig bis kein Interesse hat, im Stadtzentrum öffentliche Kultur- und Lebensräume zu erhalten. Umso wichtiger ist es, sich solche neuen Räume zu schaffen oder zu erkämpfen, weil sie in Zukunft noch rarer sein werden. Und zwar für diverse Bedürfnisse – um nur ein paar Dinge aufzuzählen: Flohmärkte, Theater, Ausstellungen, Diskussionsrunden…
Ist das Winterthurer Salzhaus ein solcher Gemeinschaftsort?
Laura Bösiger: Das ist es sicher zum Teil. Wichtig finde ich, dass die verschiedenen Veranstalterinnen und Veranstalter zusammenarbeiten, wie es bei den vier Klubs Albani, Kraftfeld, Gaswerk und Salzhaus der Fall ist. Dabei haben Salzhaus und Gaswerk eine ähnliche Kapazität, aber ein unterschiedliches Modell: Das Gaswerk arbeitet mit Freiwilligenarbeit, das Salzhaus zahlt Löhne für insgesamt rund hundert Teilzeit-Beschäftigte. Entsprechend vielfältig muss das Programm sein. Es gibt eine Schiene mit Partys, man kann das kommerziell nennen, wenn man will. Damit finanzieren und ermöglichen wir Nischenanlässe und Programme, die stärker kulturell ausgerichtet sind. «Kommerziell» ist als Begriff deshalb fragwürdig, weil das Salzhaus nicht gewinnorientiert ist. Am Ende muss die Rechnung zu Null aufgehen. Wir bekommen von der Stadt eine Subvention von 80000 Franken – das sind gerade einmal drei Prozent unseres Umsatzes. Das heisst, wir subventionieren uns vor allem selber.
Um dennoch beim Stichwort «kommerziell» zu bleiben: Konzerte oder Comedy für ein 1000-köpfiges Publikum – das muss sich einspielen, mit hohen Eintrittspreisen oder mit Subventionen. Der Betrieb in der Reithalle soll, wie das Initiativkomitee argumentiert, «profitabel» sein. Das heisst im Klartext: Kommerz.
Lukas: Ich halte nicht viel davon, wenn man «kommerziell» quasi als Schimpfwort benutzt. Wenn schon, wäre «Mainstream» für mich eher ein Unwort. Aber was heisst das überhaupt? Grössere Anlässe, die mehr Publikum anziehen, sind nicht gleichzusetzen mit «weniger gut». Es gibt grossartige «grosse» Konzerte. Nach meiner Meinung bringt es nichts, verschiedene Kulturen, Szenen und ihr Publikum gegeneinander auszuspielen. Ich bin Veranstalter, ich lebe von solchen Anlässen, ich bin aber auch Konzertbesucher und will in St.Gallen vielfältige, spannende Kultur erleben. Ich gehe gern ins Rümp, aber auch in die Grabenhalle und ins Elephant.
Trotzdem bleibt die Frage: Braucht St.Gallen Anlässe dieser Grössenordnung? Ich kann dafür nach Herisau, nach Feldkirch, nach Winterthur fahren.
Lukas: Ich bin überzeugt, dass dafür ein Bedürfnis besteht – das beweisen auch kleinere Städte wie Thun mit dem Kultur- und Kongresszentrum oder Solothurn mit dem Kofmehl. In St.Gallen fehlt seit dem Ende des Schützengarten-Saals ein solcher Raum, damit stehen wir als Stadt weitherum allein. Und dass er nötig ist, hat bekanntlich auch der Stadtrat im Kulturkonzept 2009 bestätigt. Jetzt soll das plötzlich anders sein. Wir sprechen aber daneben von einer Vielzahl anderer Veranstaltungen. Die Reithalle sehe ich als eine Art Mehrzweckhalle – als Spielort für unterschiedlichste Ansprüche.
Laura: In Winterthur zeigt sich zumindest klar, dass das Bedürfnis vorhanden ist, mit einem ähnlich grossen Einzugsgebiet, was das Publikum betrifft. Das Salzhaus hat im Jahr 50000 Besucherinnen und Besucher.
Partys, Festivals, «Events», kurz und plakativ gesagt: Konsumkultur – davon haben viele die Nase voll. Nicht erst heute. Am Beispiel des Rümpeltums, das schon mehrfach in seiner Existenz bedroht war, hat Etrit Hasler 2002 in Saiten geschrieben: «Die Frage, welche sich diese Stadt stellen muss, ist nicht, ob es nun neuen Kultur- oder Begegnungsraum braucht, sondern genereller, wo denn in dieser Stadt überhaupt noch Raum ist, an dem sich jemand auch ohne viel Geld entfalten kann. Es wird immer Menschen geben, die es sich finanziell nicht leisten können, im normalen Kultur- und Konsumbetrieb mitzuspielen.» Titel des Beitrags damals: «Auch freie Vögel brauchen ein Nest». Richtig?
Matthias: Dem pflichte ich unbedingt bei. Es stimmt natürlich, es gibt gravierendere Aufgaben in dieser Stadt zu lösen als die Reithallen-Frage. Es gibt Leute, die sich den traditionellen Kulturbetrieb nicht leisten können und wollen. Oder die andere, «freiheitlichere» und alternative Vorstellungen von Kulturbetrieb und öffentlichem Raum haben. Allenfalls ergibt sich für das Rümpeltum ja bald eine Lösung. Aber das eine schliesst das andere nicht aus. Und ich persönlich sehe die Reithalle gerade deshalb in einem sehr weiten und explizit politischen Sinn. «Mehrzweckhalle», wie es Lukas vorhin genannt hat, tönt allerdings etwas abgestanden. Ich erhoffe mir einen Saal mit Charme und mit offenen Türen und Strukturen.
Lukas: Eine Stadt braucht alles. Sie braucht ein Rümpeltum, sie braucht aber auch kleinere Messen wie die Tattoo-Convention in Gossau oder die Kabarett-Tage Appenzell: Das sind alles super Anlässe, die es aber auf dem Land schwer haben und deswegen teilweise auch aufhören mussten. Deshalb gehören solche Veranstaltungen für mich in die Stadt.
Laura: Meine Erfahrung aus Winterthur ist: Nischen und Grossanlässe, das spielt zusammen und bestärkt sich gegenseitig. Ob ein FCW-Match oder ein Konzert in einer Bar: Konkurrenzprobleme sehe ich dabei nicht – je mehr los ist, desto mehr Leute inspiriert das. Aber damit diese etwas realisieren können, braucht es Räume.
Lukas: Und in dieser Hinsicht ist St.Gallen in einer schlechten Lage – schlechter als Winterthur. Es gibt keine grösseren Industriebrachen oder sie wurden zerstört, und wenn es sie noch gibt, werden Zwischennutzungen erschwert. Die Reithalle ist eines der letzten noch verfügbaren Gebäude in der Stadtmitte, das müssen wir nutzen.
Umgekehrt: Die Reithalle ist eines der letzten Gebäude, das noch wirklich so genutzt wird, wie es gedacht war – als Reithalle. Es tut der Stadt gut, wenn auch solche Funktionen, die nicht einer kommerziellen Logik folgen, Platz haben.
Matthias: Die Geschichte stimmt nicht ganz. Die Halle war von Anfang an von der Armee auch als Veranstaltungshalle konzipiert. Sie ist jetzt in den letzten zwanzig Jahren von den Reitern okkupiert worden, aber das entspricht nicht dem ursprünglichen Zweck und auch nicht dem politischen Willen der Bevölkerung – 1992 hat sie sich in der ersten Reithallen-Abstimmung dafür ausgesprochen, dass die Halle für beides, für Reitsport und Kultur zur Verfügung stehen soll. Der Anspruch des Reitclubs kann sich doch nicht allein dadurch legitimieren, dass aufgrund baulicher und infrastruktureller Mängel in den letzten fast zwanzig Jahren keine kulturellen Veranstaltungen mehr stattfinden konnten. Einen einzelnen Sportverein zu privilegieren, ist für einen gemeinschaftlich zu nutzenden Ort nicht gut. Dafür ist diese Halle zu schade.
Der Einwand bleibt dennoch: Die Lokremise ist keine Lokremise mehr, das Salzhaus kein Salzhaus, das Gaswerk kein Gaswerk, das Schlachthaus kein Schlachthaus etc. Kritiker finden diese Umnutzung von ehemaligen Industriegebäuden zu Kulturräumen zunehmend problematisch. Kultur dient immer stärker zur Aufwertung von Quartieren und Orten und gehorcht zunehmend den Gesetzen des Markts. Das mag für eine Stadt ein Standortvorteil sein, aber es ist auch ein Teil der Verdrängungsgeschichte. Gentrifizierung mit den Mitteln der Kultur…
Matthias: Das muss man sicher mitbedenken und sich auch konsequent selbst hinterfragen. Aber die Frage muss doch lauten: Wofür genau wollen wir ein Standort sein? Hoffentlich nicht für Unternehmen oder irgendwelche Leute mit vollem Portemonnaie, die in den Stadtkern ziehen wollen, aber keine Quartieridentität entwickeln oder Interesse an aktiver Mitgestaltung zeigen. Vielmehr soll die Halle kulturaffine Leute anziehen, die ein Interesse an einer lebendigen, auch mal unangepassten Stadt und an politischen Diskursen darüber haben. Und zudem: Sollte im Gentrifizierungskreislauf irgendwann die Verdrängung einsetzen, so wird eine breit abgestützte und partizipativ-organisierte Reithalle dem grösseren Widerstand leisten können als ein einzelner Sportverein. Der Widerstand gegen Aufwertung und Verdrängung ist jedoch ein Kampf, dem sich St.Gallen ganz unabhängig von der Reithalle unbedingt annehmen muss!
Verdrängt werden, bei einem Ja zur Reithallen-Initiative, die Pferde und die Reiterinnen.
Matthias: Man muss in aller Deutlichkeit sagen, dass wir uns immer dafür ausgesprochen haben, dass es für den Reitsport eine Alternative geben muss. Aber es macht keinen Sinn, Pferde mitten in die Stadt zu transportieren. Und vor allem profitieren von der Reithalle im jetzigen Zustand ein paar wenige Personen, die eine Randsportart ausüben. Von der künftigen Reithalle profitieren alle.
Lukas: Es gibt Reitsport rund um St.Gallen, im Gründenmoos, Bruno Brovelli, der Präsident des Reitclubs St.Gallen, hat eine Reitanlage in Wittenbach erstellt, aber leider die Halle vergessen, und so weiter. Es ist ohne Zweifel sehr viel einfacher, für die Reiterinnen und Reiter eine neue Lösung in der Umgebung zu finden. Kultur aber muss in der Stadt stattfinden.
Matthias: Bei der Abstimmung geht es zuerst einmal um einen Grundsatzentscheid um Raum für Kultur. Welche Kultur das dann sein wird: Darüber muss man natürlich weiter debattieren. Ich finde entscheidend, dass diese Debatte jetzt in Gang kommt.
Fest: 5./6. September
Laura Bösiger, 27, ist Gesellschafterin und Geschäftsleiterin im Kulturlokal Salzhaus in Winterthur und macht sich in ihrer Stadt für eine lebendige Zusammenarbeit zwischen Clubs, Festivals und Fussball stark.
Lukas Hofstetter, 35, ist Kultur- und Eventmanager (Kulturfestival St.Gallen, Poetry Slams uvm.) und Mitglied des Abstimmungskomitees «Ja zur Reithalle»
Matthias Fässler, 24, ist Aktivist in St.Gallen und Mitglied des Abstimmungskomitees «Ja zur Reithalle»
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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