Vielleicht würde ich angesichts des plötzlichen Fixbetrages auf dem Konto in Lethargie verfallen und erst mal nichts tun.
Vielleicht würden sich meine NachbarInnen und FreundInnen auch so viel Zeit nehmen wie ich. Wir könnten uns zusammen tun. Karten spielen. Kaffee trinken. Etwas aushecken. Ein fixes Grundeinkommen gäbe plötzlich einen ganz neuen Handlungsspielraum mit verändertem Zeithorizont. Da wäre nicht nur geschenktes Geld, da wäre auch geschenkte Zeit. Jene Zeit, die sonst zur Geldbeschaffung benutzt würde. Das Leben würde sich entschleunigen. Es gäbe eine neue Bewertung von «Wichtigkeit», eine neue Suche nach dem Sinn in der Arbeit, woraus interessante Beschäftigungsformen erwachsen würden.
Vielleicht würde ich einen Clan bilden, würde noch mehr Kinder haben, weil eine Grossfamilie sich erst richtig auszahlt. Oder ich würde andere Gemeinschaftsformen gründen. Das Share-Prinzip könnte sich in einer breiten Bevölkerungsschicht durchsetzen. Beim Wohnen. Bei der Nahrungsbeschaffung. Im Verkehr. Überall. Nicht das Grundeinkommen würde mein Leben verändern, sondern die Gesellschaft,
Vielleicht würde ich in einer Community einen Acker bepflanzen, einen Kräutergarten anlegen. Oder meine Kleider selber nähen.
Vielleicht würde ich eine grössere Reise unternehmen.
Vielleicht könnte ich eine Spur sorgloser tun, was ich ohnehin schon tue. Ich würde einfach meine von Neugier getriebenen Recherchen weiter betreiben. Manchmal im Atelier, manchmal ausser Haus.
Vielleicht wäre der Broterwerb für viele Menschen nicht mehr prioritäre Kraft für ihr Tun und ich würde deshalb erst mal abwarten, wie sich die Gesellschaft entwickelt, wie sich die Menschen mit der «Win-for-Life-Situation» verhalten. Der Hauptgewinn des beliebten Loses verspricht während zwanzig Jahren eine ansehnliche Summe pro Monat. Wie würden all die Los-KäuferInnen ihr Leben verändern, wenn jede und jeder Einzelne mehr als die Hälfte des Hauptgewinns erhielte?
Vielleicht müsste ich Brot selber backen, meine Kinder selber beschulen, auf exotische Früchte verzichten, weil die Berufsleute lieber anderen Beschäftigungen nachgingen oder sich für gewisse Jobs keine Arbeitskräfte mehr finden liessen. Nicht weil ich denke, das wären «Scheissjobs», nein, sondern weil es wohl in jedem Beruf Menschen gibt, die ihre Arbeit nicht aus Berufung erfüllen, sondern zum Broterwerb erledigen. Auch BäckerInnen. Auch LehrerInnen. Auch LastwagenfahrerInnen. Und diese Menschen würden bestimmt sofort etwas in ihrem Leben ändern wollen. Es gäbe grosse Umstrukturierungen. Vielleicht ein Chaos.
Vielleicht würde ich dem Chaos erst mal zuschauen wollen und wäre damit sehr beschäftigt.
Karin K. Bühler, 1974, ist Künstlerin mit Familie und zwei Kindern in Trogen. Sie hat in den letzten Jahren u.a. Kunst-Dialoge im Thurgau und in Ausserrhoden initiiert, für die Kulturlandsgemeinde AR ein Projekt zum Thema Arbeit entwickelt und «Le Lieu» im Palais Bleu betrieben.
Prekariat. Dieser Begriff begegnet mir, seit ich vor einigen Wochen beim französischen Philosophen Jacques Rancière darüber gestolpert bin, überall wieder. Jetzt auch im Zusammenhang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, das die «neue explosive Klasse» (Guy Standing) entschärfen, damit Schlimmeres verhindern und zumindest bei mir Spannungen abbauen könnte.
Doch erst mal: Prekariat? Was ist das überhaupt? Das Prekariat ist für die postindustrielle Gesellschaft das, was für die industrielle Gesellschaft das Proletariat war, so definiert es der Politologe Alex Foti. Der kleine tunesische Gemüsehändler, den die Polizei an seiner Arbeit hindert, die deutsche Hochschulabsolventin mit Doktortitel, aber ohne Arbeit und der freischaffende, kinderlose Künstler aus Ungarn, der sich mit seiner Kunst knapp über Wasser halten kann – sie alle sind Prekarier. Und was mir erst kürzlich klar wurde: Ich bin auch einer. Was uns Prekarier verbindet, ist ein Gefühl der Unsicherheit, ausgelöst durch eine unsichere Erwerbssituation.
Bei mir stellte sich dieses Gefühl unter folgenden Umständen ein: Nach dem Studium sah ich mich zu Praktika gezwungen, wünschte mir gleichzeitig eine Familie, bin dann Vater geworden, startete mit einer Weiterbildung und erhielt für die Dauer dieser Weiterbildung einen befristeten Arbeitsvertrag. Nicht Existenzangst, sondern fehlende Planungssicherheit ist der Grund für meine angespannte Situation.
Was würde ein bedingungsloses Grundeinkommen an dieser Situation ändern? Nach aussen hin gar nichts. Ich würde weiter arbeiten, sofern ich Arbeit fände, und weiterhin Wert für die Wirtschaft schöpfen. Das Gefühl der Unsicherheit aber würde verfliegen, weil ich nicht zu Flexibilität gezwungen wäre und wir unsere familiäre Zukunft auf der Basis eines Grundeinkommens besser planen könnten.
Falls es anderen, die in prekären Umständen leben (und davon gibt es auch in der Schweiz etliche) ähnlich geht wie mir, könnte ausserdem eine nicht zu unterschätzende Explosivität in unserer Gesellschaft entschärft werden.
Michael Zwicker, 1983, selbsternannter Prekarier, ist verheiratet und Vater eines einjährigen Sohnes. Er hat an der Universität Zürich Kulturanalyse, Wirtschaftsgeschichte und Neuere deutsche Literaturwissenschaft studiert.
Meine Antwort auf die Frage, was sich für mich persönlich ändern würde, wenn es ein Grundeinkommen gäbe, fällt kurz aus: nichts. Ich arbeite gerne, ich habe das Privileg, die Arbeit machen zu können, die ich machen will, und ich finde die Arbeit, die ich mache, erfüllend. Ausserdem lässt mir der Beruf noch genügend Freiraum für Tätigkeiten nebenher, unter anderem für die Ausserrhodische Kulturstiftung.
Eines der Pro-Argumente heisst ja, ein Grundeinkommen gäbe mir die Möglichkeit, mein Pensum zu reduzieren. Dies halte ich für unrealistisch. Aus meinem Blickwinkel ist mein Job nur sinnvoll, wenn man ihn vollzeitlich ausübt. Aber das ist natürlich sehr subjektiv.
Ein zweites Pro-Argument heisst, die so gewonnene freie Zeit könnte ich für eine «unrentable» Beschäftigung einsetzen zum Beispiel für einen Rebberg in der Toscana. Darauf antworte ich: Ich habe keinen Rebberg. Und eine solche Perspektive spare ich mir wenn schon für die Pensionierung auf. Es reizt mich nicht, meine Tätigkeiten heute aufzusplittern. Umso weniger, als es nicht mehr ewig geht bis zur Pensionierung.
Allerdings bin ich überzeugt, dass es genügend Menschen gibt, die von einem bedingungslosen Grundeinkommen profitieren würden. Aber für mich ist die Vorstellung reizlos.
Barbara Auer, 1956, ist Leiterin einer Sozialinstitution in Herisau und Präsidentin der Ausserrhodischen Kulturstiftung.
2500 Franken. Das ist lediglich ein Betrag, vier Zahlen. Ändern würde das wenig in meinem Leben. Ich habe eine Ausbildung in der Gastronomie gemacht und seither immer auf dem Beruf gearbeitet. Es gefällt mir, unter Leuten zu sein, sie zu bewirten und jeden Tag neue Menschen kennenzulernen – Leute von überall her, mit den unterschiedlichsten Berufen, Sorgen und Lebensgeschichten. Ein Bürojob wäre nichts für mich, denn ich bin gern in Bewegung, besonders jetzt, wo unsere Gartenbeiz wieder offen ist.
Wenn ich sage: «Ich arbeite im Service», höre ich oft: «Und sonst?» Diese Leute gehen automatisch davon aus, dass ich mir damit ein Studium oder sonst eine Ausbildung finanziere. Und es sind viele.
Mich kränkt diese Reaktion schon lange nicht mehr. Früher war das anders, denn ich wurde jedes Mal wieder daran erinnert, dass mein Beruf – «Serviertochter», «Froilein», «Bella» und wie man eine Servicefachangestellte sonst noch so nennt – nicht gerade hoch angesehen ist. Im Gegenteil: Viele empfinden ihn als «Drecksarbeit», auch viele meiner Berufskolleginnen – gerade jene, die sich im Service einen Zustupf fürs Studium verdienen.
Für mich ist mein Job alles andere als das. Ich sehe mich als Gastgeberin, als Wirtin und Gesellschafterin. Als Mensch, zu dem man gerne kommt. Manchmal, weil es einem schlecht geht und ein andermal wieder, weil man etwas zu feiern hat. Ich bin da. Meine Gäste wissen und schätzen das.
Aus diesen Gründen käme es mir gar nicht in den Sinn, im Service aufzuhören, wenn das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt würde. Auch selbständig machen würde ich mich nicht – dafür mag ich mein Team zu sehr. So einfallslos das jetzt klingen mag: Ich verlasse meine «Beiz» erst, wenn meine Chefin es tut. Solange wir zusammenarbeiten, sehe ich dafür keinen Grund.
Andere Leute haben vermutlich 1000 Ideen, was sie mit ihrem Leben machen würden, wenn sie ein Grundeinkommen hätten. Ich nicht. Vielleicht ein bisschen öfters frei oder hin und wieder einen Ausflug. Es könnte auch daran liegen, dass ich nie ein Mensch war, der dauernd Pläne schmiedet und sich immer neue Ziele setzt. Ich will das Leben so nehmen, wie es ist und lasse es lieber auf mich zukommen. Irgendwo wird es mich schon hintreiben.
Céline, 1990, will ihren richtigen Namen nicht nennen. Sie ist gelernte Gastronomiefachangestellte aus St.Gallen und arbeitet 100 Prozent im Service.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.