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Frischer Wind im Durcheinandertal

Das St.Galler Sprechtheater wird unter seinem neuen Leiter Jonas Knecht sehr zeitgenössisch. Und das Theater insgesamt stösst die Läden auf und setzt auf Kooperationen – bis ins Toggenburg. Heute wurde der Spielplan vorgestellt.
Von  Peter Surber , 
Der neue St.Galler Schauspieldirektor im Theaterfoyer

Das Schweigen der Schweiz, Durcheinandertal, Terror, Nekropolis – Die Stadt gehört uns oder Container St.Gallen: Schon die Titel lassen erkennen, was den neuen Schauspieldirektor und sein Team (Hausregisseurin Barbara-David Brüesch, Chefdramaturgin Anja Horst und Dramaturg Armin Breidenbach) vorrangig interessiert. Die Stadt, die Region, die Schweiz sollen bespielt und erkundet werden unter der Generalfrage: «Was hält unsere Gesellschaft zusammen, was hält Familien zusammen, was hält den Einzelnen zusammen?»

Neben dem inhaltlichen nennt Knecht ein zweites, formales Interesse: Welche Theaterformen funktionieren, «wie steht man zeitgenössisch auf der Bühne», wer spielt mit wem?

Der Spielplan gibt Antworten beziehungsweise stellt Fragen. Harte Fragen sind es im Gerichtsstück Terror von Ferdinand von Schirach – das Publikum muss selber ein Urteil fällen im kontroversen Fall eines Militärpiloten, der ein von Islamisten entführtes Passagierflugzeug abschiesst, bevor es auf ein vollbesetztes Stadion abzustürzen droht. 146 Tote gegenüber 70 000 Toten: Die heillose (fiktive) Konstellation des Stücks ist in Deutschland bereits über diverse Bühnen gegangen. Am Boden von George Brant ist ein zweites «Bombenstück» um eine Pilotin und deren Realitätsverlust.

Mit Dürrenmatts Durcheinandertal und Hürlimanns Fräulein Stark kommen zwei helvetische beziehungsweise st.gallische Romanstoffe als stolze Uraufführungen auf die Bühne. Mit Vrenelis Gärtli von Tim Krohn importiert Knecht eine eigene Arbeit aus seiner freien Tätigkeit nach St.Gallen, Nekropolis infiziert das Theater mit einem gerade als Pilotprojekt lancierten Zombie-Stoff, mehr dazu hier. Hinzu kommen Stücke von Wolfram Lotz (Einige Nachrichten an das All) und Tracy Letts (Eine Familie).

Fünf Autoren schreiben die Schweiz

Autorentheater sei ihm wichtig, sagt Knecht. Fünf Autorinnen und Autoren sowie eine Musikerin schreiben je einen Teil des experimentellen Abends Das Schweigen der Schweiz, der sich unter anderem um das Verhältnis zu Europa und zu den Flüchtlingen drehen soll. Das Konzept stammt von Knecht und Andreas Sauter, der vor  einigen Jahren mit seinem Manifest «10 Wünsche für ein künftiges Autorentheater» Furore gemacht hatte – unter anderem polemisierte er gegen «Uraufführungssucht und Frischfleischwahn» und forderte mehr Beziehungspflege mit Autoren wie mit dem Publikum vor Ort.

«Frischfleisch» gibt es dennoch: Im Förderprogramm Dramenprozessor, an dem St.Gallen neu teilnimmt. Und schnelle Interventionen soll der Container ermöglichen, der in der Stadt und Region unterwegs sein wird als mobile Bühne.

Gestartet wird klassischer: mit Hamlet, den schon Vorgänger Tim Kramer vor neun Jahren an den Anfang seiner St.Galler Zeit plaziert hatte. Knecht lässt Shakespeare allerdings zeitgeistig am «Hotspot Hamlet» und gleich dreimal antreten: Auf der grossen Bühne inszeniert Hausregisseurin Barbara-David Brüesch den Klassiker, in der Lokremise machen sich Tänzer, Schauspieler und Musiker an den Stoff, und im Studio wirken Gymnasiasten vom Friedberg Gossau an einer dritten Fassung mit. Hamlet-Musik steuert das Sinfonieorchester in einem Extrakonzert bei.

Auf dem Berg mit Herzog&De Meuron

Im Kinder- und Jugendtheater ist unter anderem eine Koproduktion mit dem Figurentheater geplant (Der Kleine und das Biest). Ähnlich kooperationsfreudig wie das Schauspiel geben sich die anderen Sparten. Das Musiktheaterstück Gold! für ein junges Publikum entsteht mit dem Konservatorium Feldkirch, die Tanzcompagnie spannt für eine Produktion namens Lokomotion mit dem Theater Luzern zusammen, und das Sinfonieorchester fraternisiert gleich zweimal mit dem Toggenburg: Den festlichen Saisonauftakt spielt es openair auf dem Chäserugg mit «Gipfelwerken» und der neuen Bergstation von Herzog&De Meuron als Kulisse. Und mit Klangwelt Toggenburg und Jodlerin Nadja Räss gibt es ein Familienkonzert unter dem Titel «Recht sennisch».

Letztmals 1912 in St.Gallen

Klingt all das nach Bewegung hinaus aus den heiligen Hallen im Stadtpark, so halten sich Musiktheater und Konzertprogramm stärker ans Bewährte: Mozarts Figaro, Nabucco von «Hausgott»  Verdi, der Tanz der Vampire in Polanskis Wiener Musical-Originalfassung oder Glucks Orfeo, inszeniert und choreographiert von Tanzchefin Beate Vollack.

Dem stehen zwei kühnere Projekte gegenüber. Annas Maske, das Auftragswerk des Theaters an den Schweizer Komponisten David Philip Hefti, erklingt als Uraufführung. Und Wagners Lohengrin beehrt nach mehr als hundert Jahren erstmals wieder St.Gallen. Nach dem Holländer gehe damit die Beziehung Wagner-St.Gallen erfreulich weiter, sagt Operndirektor Peter Heilker.

In der Tonhalle konzipiert Konzertdirektor Florian Scheiber wie gewohnt intelligente Programme: Französisches rund um Berlioz’ Symphonie fantastique, Russisches mit Schostakowitsch gleich mehrfach , Trompeten glanzvoll und kriegerisch, einen Mozart-Schubert-Prachtsabend, Orgel-Sinfonik mit Domorganist Willibald Guggenmos und Symphonic Jazz mit Wayne Marshall oder, für Kinder und Familien, einen «Ohrovision Music Contest». Familienkonzerte bietet denn auch ein neues Abo, nochmals eine Kooperation: mit der Migros.

 

 

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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

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Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

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Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover