Das Schweigen der Schweiz, Durcheinandertal, Terror, Nekropolis – Die Stadt gehört uns oder Container St.Gallen: Schon die Titel lassen erkennen, was den neuen Schauspieldirektor und sein Team (Hausregisseurin Barbara-David Brüesch, Chefdramaturgin Anja Horst und Dramaturg Armin Breidenbach) vorrangig interessiert. Die Stadt, die Region, die Schweiz sollen bespielt und erkundet werden unter der Generalfrage: «Was hält unsere Gesellschaft zusammen, was hält Familien zusammen, was hält den Einzelnen zusammen?»
Neben dem inhaltlichen nennt Knecht ein zweites, formales Interesse: Welche Theaterformen funktionieren, «wie steht man zeitgenössisch auf der Bühne», wer spielt mit wem?
Der Spielplan gibt Antworten beziehungsweise stellt Fragen. Harte Fragen sind es im Gerichtsstück Terror von Ferdinand von Schirach – das Publikum muss selber ein Urteil fällen im kontroversen Fall eines Militärpiloten, der ein von Islamisten entführtes Passagierflugzeug abschiesst, bevor es auf ein vollbesetztes Stadion abzustürzen droht. 146 Tote gegenüber 70 000 Toten: Die heillose (fiktive) Konstellation des Stücks ist in Deutschland bereits über diverse Bühnen gegangen. Am Boden von George Brant ist ein zweites «Bombenstück» um eine Pilotin und deren Realitätsverlust.
Mit Dürrenmatts Durcheinandertal und Hürlimanns Fräulein Stark kommen zwei helvetische beziehungsweise st.gallische Romanstoffe als stolze Uraufführungen auf die Bühne. Mit Vrenelis Gärtli von Tim Krohn importiert Knecht eine eigene Arbeit aus seiner freien Tätigkeit nach St.Gallen, Nekropolis infiziert das Theater mit einem gerade als Pilotprojekt lancierten Zombie-Stoff, mehr dazu hier. Hinzu kommen Stücke von Wolfram Lotz (Einige Nachrichten an das All) und Tracy Letts (Eine Familie).
Fünf Autoren schreiben die Schweiz
Autorentheater sei ihm wichtig, sagt Knecht. Fünf Autorinnen und Autoren sowie eine Musikerin schreiben je einen Teil des experimentellen Abends Das Schweigen der Schweiz, der sich unter anderem um das Verhältnis zu Europa und zu den Flüchtlingen drehen soll. Das Konzept stammt von Knecht und Andreas Sauter, der vor einigen Jahren mit seinem Manifest «10 Wünsche für ein künftiges Autorentheater» Furore gemacht hatte – unter anderem polemisierte er gegen «Uraufführungssucht und Frischfleischwahn» und forderte mehr Beziehungspflege mit Autoren wie mit dem Publikum vor Ort.
«Frischfleisch» gibt es dennoch: Im Förderprogramm Dramenprozessor, an dem St.Gallen neu teilnimmt. Und schnelle Interventionen soll der Container ermöglichen, der in der Stadt und Region unterwegs sein wird als mobile Bühne.
Gestartet wird klassischer: mit Hamlet, den schon Vorgänger Tim Kramer vor neun Jahren an den Anfang seiner St.Galler Zeit plaziert hatte. Knecht lässt Shakespeare allerdings zeitgeistig am «Hotspot Hamlet» und gleich dreimal antreten: Auf der grossen Bühne inszeniert Hausregisseurin Barbara-David Brüesch den Klassiker, in der Lokremise machen sich Tänzer, Schauspieler und Musiker an den Stoff, und im Studio wirken Gymnasiasten vom Friedberg Gossau an einer dritten Fassung mit. Hamlet-Musik steuert das Sinfonieorchester in einem Extrakonzert bei.
Auf dem Berg mit Herzog&De Meuron
Im Kinder- und Jugendtheater ist unter anderem eine Koproduktion mit dem Figurentheater geplant (Der Kleine und das Biest). Ähnlich kooperationsfreudig wie das Schauspiel geben sich die anderen Sparten. Das Musiktheaterstück Gold! für ein junges Publikum entsteht mit dem Konservatorium Feldkirch, die Tanzcompagnie spannt für eine Produktion namens Lokomotion mit dem Theater Luzern zusammen, und das Sinfonieorchester fraternisiert gleich zweimal mit dem Toggenburg: Den festlichen Saisonauftakt spielt es openair auf dem Chäserugg mit «Gipfelwerken» und der neuen Bergstation von Herzog&De Meuron als Kulisse. Und mit Klangwelt Toggenburg und Jodlerin Nadja Räss gibt es ein Familienkonzert unter dem Titel «Recht sennisch».
Letztmals 1912 in St.Gallen
Klingt all das nach Bewegung hinaus aus den heiligen Hallen im Stadtpark, so halten sich Musiktheater und Konzertprogramm stärker ans Bewährte: Mozarts Figaro, Nabucco von «Hausgott» Verdi, der Tanz der Vampire in Polanskis Wiener Musical-Originalfassung oder Glucks Orfeo, inszeniert und choreographiert von Tanzchefin Beate Vollack.
Dem stehen zwei kühnere Projekte gegenüber. Annas Maske, das Auftragswerk des Theaters an den Schweizer Komponisten David Philip Hefti, erklingt als Uraufführung. Und Wagners Lohengrin beehrt nach mehr als hundert Jahren erstmals wieder St.Gallen. Nach dem Holländer gehe damit die Beziehung Wagner-St.Gallen erfreulich weiter, sagt Operndirektor Peter Heilker.
In der Tonhalle konzipiert Konzertdirektor Florian Scheiber wie gewohnt intelligente Programme: Französisches rund um Berlioz’ Symphonie fantastique, Russisches mit Schostakowitsch gleich mehrfach , Trompeten glanzvoll und kriegerisch, einen Mozart-Schubert-Prachtsabend, Orgel-Sinfonik mit Domorganist Willibald Guggenmos und Symphonic Jazz mit Wayne Marshall oder, für Kinder und Familien, einen «Ohrovision Music Contest». Familienkonzerte bietet denn auch ein neues Abo, nochmals eine Kooperation: mit der Migros.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.