Geschlechtlicher Kommunismus

In der Kellerbühne wird Viktor Hardungs über 100-jähriger Stadtroman Die Brokatstadt zu neuem Leben erweckt. Ein Vorbericht, aus dem Septemberheft von Saiten.
Von  Peter Surber

«Theaterkritik halte ich für überflüssig, gegenüber den Direktoren und Darstellern sowohl, die sie nur schädigt, als gegenüber dem Publikum, das in seinem Grossteil gar nicht wirklich belehrt werden mag, weil es jede solche Belehrung als eine Beleidigung seines schlechten Geschmackes empfinden muss.»

Starke Worte – von einem, der gewusst hat, wovon er spricht. Viktor Hardung war 1899 bis 1916 Kulturredaktor und Theaterkritiker des «St.Galler Tagblatts». Daneben schrieb er Gedichte, Versdramen und jenes Buch, das als erster St.Galler Stadtroman gilt: Die Brokatstadt. Er erschien 1909 im Huber-Verlag. Hauptschauplatz ist das alte Stadt- und Aktientheater am Bohl (Bild oben), einst ein Brennpunkt des Stadtlebens, heute steht dort der Mc Donald’s. Hauptfiguren sind ein Kritiker namens Ulrich Wegell, Oberspielleiter Karl Möllenhof, die schöne und reiche Rikarda Wessemberg sowie Schauspielerinnen und Schauspieler, ein Pfarrer und weitere St.Galler «Schlüsselfiguren».

Blick hinter schäbige Kulissen

Dieses Personal holt die Kellerbühne jetzt aus der Versenkung, in die das Buch geraten ist – nicht ganz zu Unrecht, wie man beim Lesen feststellt: Hardungs Text hat einigen Staub angesetzt, das sieht auch Kellerbühnen-Leiter Matthias Peter so. Andrerseits ist er überzeugt, dass die «spritzigen Dialoge um zeitlos aktuelle künstlerische Fragen» auch heute noch funktionieren. Kulissenklatsch betitelt er seine Bearbeitung des Romans: Drei Schauspieler (Matthias Peter selber, Alexandre Pelichet und Simone Stahlecker) spielen die diversen Rollen samt überleitenden Texten, Bildprojektionen rufen die damalige Zeit wach, Pianist Urs Gühr trägt die Musik zur szenischen Lesung bei. Ein «ironisches Melodram» verspricht der Programmzettel.

Um das Theater steht es zu Hardungs Zeiten allerdings nicht zum Besten. Die rasch wechselnden Direktionen sind gezwungen, mit dem damals privaten «Aktientheater» ihren Lebensunterhalt zu verdienen; entsprechend sehen die Programme aus, für Kritiker Wegell ein «graues Elend voller Lustigkeiten». Vor allem vermisst er den nötigen «Aufwand an Geist» und wirft dies dem neuen Direktor auch gleich zur Begrüssung an den Kopf. Ihn selber interessiert dann neben dem Geist aber doch auch der Körper, zumindest jener von Fräulein Lora van Born, der «ersten Liebhaberin» im Ensemble.

Wegells amouröse Komplikationen zwischen Lora und Rikarda sind ein Strang im Roman – ein anderer, sozialkritischerer dreht sich um die miserable gesellschaftliche Stellung der Theaterleute. Die Löhne sind katastrophal, die Damen im Ensemble müssen sich einen Liebhaber aus den besseren St.Galler Kreisen angeln, die Herren trumpfen auf oder scheitern wie der alternde Heldendarsteller Genast, der sich am Ende während einer Hamlet-Vorstellung erhängt, nachdem ihm der Direktor den Schuh gegeben hat.

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Viktor Hardung

Bürgerliche Doppelmoral

Mit allem Furor geisselt Hardung die Doppelmoral der «mehrbesseren» St.Galler Bürger: «Ihr masst euch an, das Weib öffentlich zu verachten, das ihr heimlich missbraucht». So sagt es Schauspielerin Lora in einer Schimpftirade auf ihren untreuen Liebhaber Wegell und trumpft dabei mit allem Pathos jener Epoche auf: «Und wir vom Theater! Solltest du, gerade du, nicht mehr von uns wissen? Aufgereizt und aufgewühlt durch die Darstellung der Leidenschaft, umwittert von einer Sphäre, wo nur zu oft geschlechtlicher Kommunismus herrscht, gezwungen, durch Hervorkehrung unserer Reize zu gefallen – wir, wir sollen das Verlangen nicht fühlen, das wir durch unseren Beruf zu erregen verpflichtet sind?»

Der Roman mündet dann doch halbwegs in ein Happy-End. Das erhofft sich Regisseur Matthias Peter auch von dieser Eigenproduktion der Kellerbühne. Ihm sei es ein Anliegen, mehr st.gallische Themen auf den Spielplan zu bringen. Hardungs Zeitbild biete einen lebendigen Einblick ins damalige Stadt-Sittenleben; «auf einer grösseren Bühne könnte man ein Horvath-Stück daraus machen», ist Matthias Peter überzeugt.

Auf seiner kleinen Kellerbühne setzt er hingegen auf eine stark stilisierte Form, eine musikalisch-szenische Lesung «in der Manier eines Schwarz-Weiss-Films». Was der gnadenlose Theaterkritiker Wegell davon hielte? Am 22. September ist Premiere.

Kulissenklatsch: 22. September 20 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen bis 1. November, Kellerbühne St.Gallen.

 

 

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