Kann man ein «guter Schweizer» sein, wenn man von Sozialhilfe lebt? Ja, man kann. Das fanden im Jahr 2014 56 Prozent der Befragten in einer Umfrage von Point de Suisse*. Ein «guter Schweizer» kann auch sein, wer eingebürgert ist, finden 79,9 Prozent. Aber nicht, wer niemals abstimmen geht, sagen 64 Prozent. Abgesehen davon, dass die Frage schlecht gestellt ist – was heisst «gut» in diesem Zusammenhang? und wo bleiben die Schweizerinnen? –, lässt uns die Antwort ratlos. Ist das ein gutes Resultat? Oder ein übles, wenn knapp die Hälfte findet: Sozialhilfe zu beziehen ist unschweizerisch?
Ist das Resultat so herausgekommen, weil sich gemäss einer anderen Frage von den rund 5000 Auskunftspersonen ein Viertel am ehesten von der SVP vertreten fühlt? (10 Prozent nennen die SP als «ihre» Partei, der Rest folgt abgeschlagen, soviel zum kommenden Wahlherbst, wer ein «guter Schweizer» ist, geht wählen…).
Vielleicht ist das Resultat ja doch erfreulich. Denn sieht und hört man sich in diesen Wochen um, so ist ein eigentlicher Feldzug von rechts gegen die Sozialhilfe im Gang. Die Schlagworte heissen «Missbrauch», «Fehlanreize», «Kostenexplosion», «Armutsinflation», «Sozialindustrie» und ähnlich – ihnen gemeinsam ist, dass sie pauschalisieren und diffamieren mit dem Ziel, die Bedürftigen zu beschämen und die Solidargesellschaft zu schwächen.
Dieses Heft versucht, anders hinzuschauen. Wir reden mit Betroffenen – Sozialhilfe-Empfängern und einer äthiopischen Familie, die seit Jahren mit Nothilfe lebt. Und wir lassen Experten zu Wort kommen: den St.Galler Sozial-Stadtrat Nino Cozzio und die Bloggerin Marie Baumann von iv-info. Für den Bildteil hat R. unserem Fotografen Sascha Erni seine Wohnung in Herisau aufgemacht. In den Porträts hingegen sind Namen und ein Teil der biografischen Angaben verändert; dass es viel braucht, öffentlich zu seiner Sozialhilfe-Abhängigkeit zu stehen, ist selber schon ein Teil der Geschichte mit dem inoffiziellen Titel «Wer ist ein guter Schweizer?» Was bei der Umfrage von Point de Suisse nicht gefragt wurde: Wie würden sie mit 986 Franken im Monat auskommen?
«Arme Jugend» hiess im Jahr 2007 ein Saiten-Titelthema. Junge Ostschweizerinnen und Ostschweizer sprachen damals offen über Arbeitslosigkeit und das, was man heute «Prekariat» nennt. Im Vergleich zu damals hat sich insofern wenig geändert, als dass auch heute ein Viertel aller Armutsbetroffenen Kinder und Jugendliche sind. Und kaum geändert hat sich auch die Sozialhilfe-Quote – laut kantonaler Statistik ist sie in den letzten zehn Jahren praktisch stabil geblieben, auf gegenwärtig 2,2 Prozent. Auch das könnte heissen: kein Grund zu populistischen Aufwallungen. Aber ein Grund, denen mit Respekt zu begegnen, die diesen Respekt besonders nötig haben.
* Mehr dazu in der Rubrik Weiss auf schwarz im Kulturteil des Septemberhefts.
DER INHALT:
ReaktionenPositionenBlickwinkel von Marco KamberRedeplatz mit Niklaus BayerEinspruch von Pfarrer Heinz FähStadtpunkt von Dani FelsMajestätsbeleidigungEin harter Brocken
986.–
Die Hölle der leeren Tage50-jährig, ausgesteuert, in der «Mühle» der Sozialhilfe gefangen: Eine Begegnung mit Rolf im Toggenburg.von Peter Surber
«Ich bin ja nicht in die Politik gegangen, um zu Schweigen»Der St.Galler CVP-Stadtrat Nino Cozzio über steigende Fallzahlen, Sozialdetektive und den Druck von rechts.von Sina Bühler
Hitzkopf und UnruhestifterDer 27-jährige Edi hat jeden Monat 700 Franken zum Leben – und jede Menge Selbstzweifel.von Corinne Riedener
Diskriminierung wird salonfähigMit Schlagworten wie «scheininvalid» wird zuerst Stimmung und am Ende das Gesetz gemacht.von Marie Baumann
«Wir leben für unsere Kinder»Die Flüchtlingsfamilie Mekiyas muss mit 18 Franken pro Tag durchkommen.von Philipp Bürkler
Das Titelthema fotografierte Sascha Erni.
PERSPEKTIVENLand der Anwesenden von Dorothee ElmigerFlaschenpost von Sarah Schmalz aus AthenToggenburgWinterthurRheintalSchaffhausenStimmrecht von Yonas Gebrehiwet
KULTUR
Dem Unrecht in die Augen geschautDie IG Halle Rapperswil zeigt eindrückliche Fotoporträts von Menschenrechtsaktivisten. von Peter Röllin
Afrika im GedichtAl Imfeld gibt sein Lebenswerk heraus: Afrikas jüngere Poesie auf 800 Seiten. von Florian Vetsch
Kirchenmusik hautnahDomkapellmeister Hans Eberhard im Gespräch. von Bettina Kugler
Zweimal Festival-HerbstWeihern Unplugged etabliert sich. Und am A-Synth Fest wird analoge Musik zelebriert. von Luca Ghiselli und Corinne Riedener
Die Vögel sind jetzt HundeStrassenhunde erheben sich gegen den Menschen: White God ist ein blutiges Filmvergnügen aus Ungarn. von Urs-Peter Zwingli
Der Fluch des PferdefreundesDas Schwarzbuch Bührle arbeitet auf, wie Waffenfabrikant Emil Bührle aus Raubkunst seine Sammlung zusammenstellte. von Wolfgang Steiger
Der rechte und der linke KämpferZwei St.Galler, zwei Lebenswege: Neue Bücher über den Frontisten Hans Kläui und den linken Arzt und Politiker Max Tobler. von Richard Butz
Röbi Baumgardt: Ein Nachruf auf den Drucker des Undergrounds von Wolfgang Steiger
Geschlechtlicher KommunismusDer 100-jährige St.Galler Roman Die Brokatstadt wird als Theaterstück neu erweckt. von Peter Surber
Symbolisches GrabmalDer Völkermord an den Armeniern kommt auf die Bühne. von Peter Surber
Weiss auf schwarz: Arschlochigkeit und Tugendliberalismus
ABGESANGKellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».