Saiten: 35 Mal, immer samstags um 17 Uhr, findet Klanghalt im Kreuzgang von St. Katharinen St.Gallen statt. Was steht hinter dieser Idee?
Imelda Natter: Der äussere Anlass war das Reformationsjubiläum und das Angebot der Kantonalkirche, dafür Projekte einzureichen. Der innere Grund für das Projekt ist, als Musikerin zu teilen, was einen selber berührt. Das Singen zum Beispiel, das vierstimmige A-Cappella-Singen im Besonderen, geht unter die Haut.
Warum ist das so?
Warum, weiss ich nicht genau, ich weiss nur, dass es so ist. Und dass da etwas geschieht, wenn man sich der Musik und dem Wort öffnet, einfach mal hinhört und schaut. Man muss hineingehen, um zu merken, was da passiert. Das ist dasselbe Phänomen wie bei Kirchenfenstern: Von aussen sehen sie nach nichts aus. Drinnen aber traut man den Augen nicht. Um solche Schönheiten zu entdecken, muss ich einsteigen. Und nicht gleich mit allen Wenns und Abers kommen.
Was für Wenns und Abers sind das?
Als Kirchenmusikerin und jemand, der mit viel Herzblut in der Kirche tätig ist, kriege ich häufig Kritik zu hören. Es gibt viel Ablehnung und Widerstand gegen alles, was mit Kirche zu tun hat, auch gegenüber Luther und seinen Texten. Gewiss, es sind alte Texte, aber was heisst alt? Die Sprache mag uns ungeläufig sein, aber die Inhalte darf man dennoch genauer anschauen.
Wie gehen Sie mit dieser Skepsis der Kirche gegenüber um?
Ich nehme sie ernst. Und ich möchte gern die Hintergründe wissen und hören, was die Menschen umtreibt. Was brauchen sie, woran reiben sie sich? Selber habe ich auch meine Wenns und Abers, denen ich nachgehe. Ich lese viel, ich suche, ich finde.
Was?
Zum Beispiel Texte von Menschen, die selber gründlich nachgedacht haben und ihre Schätze preisgeben. Solchen Spuren nachzugehen ist ein Glück, und wenn es nur ein fünfzeiliges Gedicht ist. Ich selber komme ohne Geistliches nicht aus. Ich lebe davon, vor allem von Worten und dem, was dazwischen ist. Deutungen sind mir wichtig. Da eröffnen sich Dimensionen.
Was Sie von sich sagen, scheint offensichtlich für viele Leute zu gelten: Bei den ersten zwei Klanghalten waren etwa hundert Leute da – obwohl sonst die Kirchen oft leer sind. Wir leben in einer säkularisierten Zeit. Ist der Klanghalt ein geistliches Gegengewicht dazu?
Offensichtlich gibt es ein starkes Bedürfnis. Kürzlich ist mir der Satz begegnet: Der Mensch hat nicht eine Religion. Der Mensch ist Religion. Das ist natürlich sehr verdichtet gesagt, aber vielen Menschen geht es vermutlich so: Es reicht ihnen nicht, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf oder Beziehungen zu haben. Etwas lässt sie nicht satt sein… Da existiert ein Bedürfnis nach mehr als dem, was sich Menschen selber erfüllen können. Welche Formen wir dafür finden, ist aber eine grosse Frage. Die Zeiten, die Menschen, die Lebenswelten ändern sich und damit auch die Vermittlung.
Den Klanghalt organisiert Imelda Matter zusammen mit Lukas Gugger, Norbert Schmuck und Ruth Falk. (Bild: Beat Hemmiger)
Der Klanghalt ist als Form niederschwellig, er schleicht sich in den Alltag ein am Samstagnachmittag …
Schön, wenn der Anlass so wahrgenommen wird. Das ist mir ein grosses Anliegen: Wie kann ich etwas, das mir wichtig und kostbar ist, in die alltäglichen Abläufe integrieren, ohne dass es etwas Ausserordentliches sein muss? Der Ort ist dafür ideal: Der Kreuzgang zu St.Katharinen ist zentral gelegen, schön, akustisch geeignet, der Himmel darüber ist offen, und er ist zugleich ein bisschen versteckt. Zentral und verborgen: Das kann man als Sinnbild nehmen, aber auch als Geschenk. Wenn wir mit der Kirche heute irgendetwas zu sagen haben, dann haben wir von Schätzen zu erzählen.
Finden Sie genügend Mitwirkende für die 35 Samstage?
Das ist ein grosser Brocken. Wir brauchen 70 Formationen, instrumental und vokal, und dabei sind die Wortbeiträge und die Organisation noch nicht eingerechnet. Das ist eine kleinere Firma … Es ist grossartig, dass sich Leute für eine solche Idee zur Verfügung stellen. Wobei es auch noch andere, grösser angelegte Ideen gab, die aber vom Arbeitsaufwand her nicht zu realisieren waren.
Welche?
Wir haben auch andere Aufführungsorte überlegt – Orte und Menschen an den Rändern der Gesellschaft, und dennoch im Zentrum der Stadt. Wenn ich zum Beispiel von der Linsebühlkirche, wo ich Hauptorganistin bin, zur Gassenküche gehe, oder weiter zum Gefängnis: Da wird mir bewusst, was für ungeheure Privilegien ich habe. Mir ist wichtig, mich solchen anderen Lebenswelten auszusetzen. Zu schauen, was die Botschaft der Choräle für die auf der Strasse und die hinter den Mauern bedeutet und für die, die sich nicht mehr unter die Leute zu gehen trauen. Die Botschaft müsste auch für solche Leute so stark sein, dass sie zu ihrem Lebensmittel werden kann.
Ist eine Fortsetzung geplant über diese 35 Anlässe hinaus?
35 Samstage, das ist eine lange Zeit, die uns Eahrungen ermöglichen wird. Für eine allfällige Fortsetzung gäbe es Ideen, aber vorerst steht das Erlebnis Klanghalt im Zentrum. Die St.Mangenkirche ist gerade in der Nachbarschaft – vielleicht gibt es dort danach Möglichkeiten.
Wenn man alle Mitwirkenden anschaut, hat man den Eindruck, dass es ein grosses musikalisches Netzwerk in der Stadt gibt, von Laien wie von Profis.
Es gibt unglaublich viele Chöre und Instrumentalformationen in der Stadt. Trotzdem waren wir am Anfang unsicher, ob wir genug Mitwirkende finden, aber jetzt spricht sich das Projekt herum. Dass sich Laien und Profis gleichermassen beteiligen, finde ich wunderbar. Absagen von Berufsmusikern gab es auch, ebenso haben Chöre abgesagt. Alle haben viel zu tun, und wir haben gemerkt: Man muss auf die Leute zugehen und sie von der Idee überzeugen.
Klanghalt: bis 7. Juli 2018, immer samstags um 17 Uhr im Kreuzgang St.Katharinen, St.Gallen
klanghalt.ch
Selbstverständlich ist es ja nicht, dass Musiker bereit sind, ohne Honorar zu singen und zu spielen. Stichwort Gratiskultur: Einerseits ist es grossartig, dass ein solches Projekt auch ohne Millionenbudget entsteht – andrerseits kann man dem kritisch gegenüberstehen, wenn künstlerische Arbeit einmal mehr nicht bezahlt wird.
Das ist für uns einThema, ja. Ein Grossteil der Oganisation ist finanziert, auch die Werbung, aber Honorare für die Musizierenden gibt es nicht. Im Prinzip teile ich die Haltung, dass künstlerische Arbeit bezahlt sein soll. Aber man kann es auch als Privileg betrachten, für einmal etwas machen zu können, das ein Herzensanliegen ist – ohne Geld. Und zu erleben, dass viele Leute danach beglückt nach Hause gehen. Es hat sich jetzt zum Beispiel ein ad hoc-Chor für einige der Klanghalte gebildet. Solche Potentiale hervorzulocken und Leute mit ihren Anliegen und Freuden zu vernetzen: Das ist mir sehr kostbar.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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