Dagegenhalten!
Die neue Sonderausstellung im Museum Heiden zeigt Karikaturen von Carl «Bö» Böckli (1889–1970), der jahrelang für den «Nebelspalter» arbeitete. Seine Werke gegen den Totalitarismus von rechts und links halten auch einige Botschaften für die Gegenwart bereit.
Ein Blick in die Geschichte kann hilfreich sein, wenn zu entscheiden ist, was in der Gegenwart Not tut. Im Museum Heiden wird am 17. April einmal mehr eine Ausstellung mit Werken von Carl Böckli (1889–1970), genannt Bö, eröffnet. Ihr Titel: «Dagegenhalten! Carl Böcklis Karikaturen gegen den Totalitarismus … und was sie heute zu sagen haben».
Bö war Bildredaktor des «Nebelspalters» zu einer Zeit, die geprägt war vom Aufstieg von Faschismus und Kommunismus. Mit Karikaturen und Versen hielt er dagegen. Er gab die Diktatoren mit ihrem Hang zu Pomp und schriller Rhetorik der Lächerlichkeit preis, entlarvte ihre Grausamkeit und ihren Zynismus. Zu einer Zeichnung aus dem Jahr 1928, die einen mit Dolch fuchtelnden Benito Mussolini zeigt, vor dem die Massen zittern, schrieb Bö: «Mit Worten wild und Gesten dito, schreit wieder einmal der Benito.»
Auf die Ähnlichkeiten von nationalsozialistischem Deutschland und der Sowjetunion verwies er 1934 auf einem Titelbild des «Nebelspalters»: Hakenkreuz und Hammer und Sichel im Gleichschritt symbolisieren Gleichschaltung, Führerkult und Gewaltherrschaft. Die Karikatur wirke geradezu prophetisch im Hinblick auf den Hitler-Stalin-Pakt von 1939, bei dem sich beide Staaten auf einen Nichtangriffspakt einigten und Ostmitteleuropa in Interessenssphären aufteilten, schreibt Ausstellungsmacher David Aragai. Er verfasste auch die 60 Seiten umfassende Begleitpublikation, die im Appenzeller Verlag erscheint.
Aragai weiss als Historiker, «dass sich die Geschichte nicht wiederholt», wie er kürzlich an einem Vortrag im Zeughaus Teufen erklärte: Anders als in den 1920er- und 1930er-Jahren zeichne sich trotz ökonomischer Turbulenzen heute keine Weltwirtschaftskrise ab. «Aber der heutige Aufstieg der Rechten in einer Zeit, in der die Kriegsgeneration nun schon ganz ausgestorben ist, das direkte Wissen um die braunen Methoden und Taktiken also weg ist, muss einem zu denken geben.» Und wieder seien es neue Medien – damals Radio und Tonbildschau, heute Soziale Medien und künstliche Intelligenz –, die dem Unsinn und der Lüge Tür und Tor öffneten.
«Dagegenhalten!» ist deshalb mehr als nur ein markanter Ausstellungstitel: Es ist eine Aufforderung an die Gegenwart. Bö kritisierte im «Nebelspalter» einst den Defätismus in der Schweiz, jene Haltung, die davon ausging, «dass man sowieso keine Aussicht auf Erfolg habe gegen die faschistischen Mächte und deshalb von Vornherein keinen Widerstand leisten solle». Ähnliche Stimmen sind in den Sozialen Medien verbreitet. Manche Hellebardenträger von heute sympathisieren offen mit Putin.
Bö sei als Warner vor Totalitarismus vorbildlich gewesen, sagt Aragai: Er wolle ihn aber nicht einseitig in eine Heldenrolle zwingen. Aus einer modernen, politisch korrekten Sicht könne man bei ihm auch Schattenseiten entdecken, etwa seine kritische Haltung gegenüber der Emanzipation. Bö sei konservativ und behäbig gewesen. Dies wolle er in der Ausstellung nicht zensieren: «Er war ein Kind seiner Zeit. Aber als es drauf ankam, hatte er Urteilskraft und Mut.»
Zu Bös Leben gibt es zahlreiche Quellen, die in der Begleitpublikation aufgeführt werden. Es ist aber kein Gesamtnachlass jenseits der Karikaturen erhalten. Dieser befindet sich im Archiv für Zeitgeschichte Zürich. So ist nicht bekannt, welche Literatur er las. «Sicher Tageszeitungen», meint Aragai. Oder ob er Kenntnis nahm vom Werk Hannah Arendts. Seine Grundhaltung «gegen braune und rote Fäuste» entspricht allerdings in vielem dem Grundanliegen, das die streitbare Philosophin in ihrem vielfältigen Werk vertrat.
«Dagegenhalten! Carl Böcklis Karikaturen gegen den Totalitarismus … und was sie heute zu sagen haben»: bis 14. März 2027, Museum Heiden. Vernissage: 17. April, 19 Uhr.museum-heiden.ch
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