Saiten: Eigentlich hätte die neue Laurenzen-Orgel bereits vergangenen September eingeweiht werden sollen. Das Festival «Die fertige Laurenzen-Orgel» findet aber erst jetzt statt. Warum?
Bernhard Ruchti: Der Septembertermin war schon lange angesetzt. Corona machte uns aber einen Strich durch die Rechnung. Normalerweise bestehen Orgelpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung. Die grössten Basspfeifen bestehen aber aus Zink, das über ähnliche Eigenschaften verfügt, aber wesentlich leichter ist. Dann gab es während der Pandemie plötzlich kein Zink mehr, weltweit nicht. Also mussten wir auch bei den teils zehn Meter hohen Basspfeifen auf Zinn und Blei setzen und ausserdem Verstärkungen an den Seiten montieren, weil diese Pfeifen relativ weich sind und bei einem Eigengewicht von bis zu 400 Kilogramm leicht beschädigt werden oder sich im Lauf der Jahre absenken könnte. Auch elektrotechnische Komponenten waren während der Pandemie schwer aufzutreiben. Das alles hat uns im Zeitplan wesentlich zurückgeworfen. Daher gabs im letzten September nur eine Einweihung light, denn die geladenen Star-Organist:innen waren nun mal gebucht. Nun sind aber auch die letzten Basspfeifen installiert und wir können mit dem komplettierten Klangspektrum nochmals feiern.
Festival «Die fertige Laurenzen-Orgel» – Einweihungsfestivitäten für die neue Goll-Surround-Orgel mit Konzerten, Führung, Kindertheater und Buch-Vernissage: 19. bis 21. April, St.Laurenzenkirche St.Gallen
laurenzen.ch/festivals
Wie kam die Laurenzenkirche überhaupt zu ihrer neuen Orgel?
Ich bin seit 2013 Organist in der Laurenzenkirche. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit wurde ich mit den Vorbereitungen zur Revision der alten Orgel aus den 1970er-Jahren beauftragt. Diese hatte eine erhebliche Schwäche im Bassbereich, sie klang zwar schön, aber der Sound ging einem nicht an die Nieren.
Was bei einem mächtigen Instrument wie der Kirchenorgel wichtig ist …
Ohne richtige Bässe ist der Klang einfach weniger sinnlich, weniger emotional. Mit einer einfachen Revision wäre dieses Manko nicht zu beheben gewesen. Im Zuge dessen kam mir die Idee, einen innovativen Ansatz zu verfolgen und den bisherigen Pfeifenstandort vorne in der Kirche um drei weitere zu ergänzen. Auf der Empore rechts wurde nun das Flötenwerk und auf der Empore links das Streicherwerk errichtet. Auf der Empore hinten wurde ein weiteres Prinzipalwerk mit den tiefsten Bässen installiert. So erklingen nun die drei Hauptklangfarben einer traditionellen Kirchenorgel – Prinzipal, Flöten, Streicher – aus je eigenen Richtungen.
Die Rede ist von einer Surround- oder 3D-Orgel. Woher stammt die Idee dazu?
Ohne angeben zu wollen, aber ich habe eine solche Registeranordnung in einer Kirche bisher noch nirgends gesehen. Üblicherweise bekommen die Zuhörer:innen das fertige Orgelmenü frontal serviert. Oder es gibt in grösseren Kirchen mehrere einzelne Standorte von kompletten Orgeln. Kommen die verschiedenen Klangfarben aus verschiedenen Richtungen, entsteht das volle Klangbild erst über die Architektur in der Mitte des Raums. Das ist ein komplett neues Klangerlebnis.
Die Plätze in der Kirchenmitte werden künftig die beliebtesten sein.
Die Surround-Wirkung ist dort sicherlich am ausgeprägtesten.
Im blauen Kasten auf der Nordempore befindet sich das Streicherregister.
Was brauchte es technisch, um eine solche Orgel zu realisieren?
Die neue Orgel ist komplett elektronisch gesteuert. Der Spieltisch steht neu im Chorbereich, ist aber mobil und via Glasfaserkabel mit der Steuerung verbunden. Die alte Orgel war noch rein mechanisch. Eine mechanische Lösung wäre aber über den gesamten Kirchenraum verteilt gar nicht realisierbar gewesen. Und wir haben das grosse Glück, mit modernster elektronischer Ausrüstung auf allerhöchstem Niveau ausgestattet zu sein. Die Sensoren messen meine Fingerbewegungen haargenau und übertragen diese praktisch identisch auf die Ventile. Punkto Spieldynamik kommt die moderne Sensortechnik einer mechanischen Traktur schon sehr nahe.
Was kostet so ein Instrument?
Die neue Laurenzen-Orgel hat 2,9 Millionen Franken gekostet. Drunter gehts leider nicht, wenn man ein so hochwertiges Instrument will.
Bernhard Ruchti, 1974, ist in Berkeley, USA, geboren und in der Schweiz aufgewachsen. In Zürich, Winterthur und Stuttgart studierte er Klavier und Orgel. Seit 2013 bekleidet er das Amt des Kirchenmusikers an der Stadt- und Konzertkirche St.Laurenzen und kuratiert diverse Konzertreihen, darunter die St.Galler Stummfilmkonzerte im Kirchgemeindehaus St.Georgen, bei denen alte Filme mit einer historischen Wurlitzer-Kinoorgel live vertont werden.
Gabs angesichts dieser Grössenordnung keine Opposition?
Die Kirchgemeinde stimmte 2019 mit über 90 Prozent der Defizitgarantie von 1,1 Millionen Franken zu. Der Rest kommt von Stiftungen, von der Ortsbürgergemeinde, von Stadt und Kanton und ganz wesentlich auch von Einzelpersonen, die zum Teil sehr namhafte Beiträge gesprochen haben. Natürlich ist hie und da das Wort «Grössenwahn» gefallen, aber eine grosse Mehrheit der Kirchgemeinde hat schliesslich Ja gesagt. Ich denke, das liegt vor allem auch am dadurch ermöglichten modernen, innovativen Zugang zu einem Instrument, dem oft der Beigeschmack eines rückwärtsgewandten Traditionalismus anhaftet. Die neue Orgel eröffnet da ganz neue Möglichkeiten.
Wird St.Gallen nun zum Pilgerort für Orgelfanatiker?
Zumindest national ist das Interesse an der neuen Laurenzen-Orgel bereits riesig, aber auch international steigt das Interesse. Natürlich gibt es auch im Dom oder in der Linsebühlkirche schöne Instrumente. Eine solche Ansammlung solch wunderbarer Orgeln gibts tatsächlich nicht oft.
Jetzt, wo die Bässe richtig beben: Auf welche Werke, Stücke oder Passagen freuen Sie sich besonders zum Spielen?
Auf alle! Das mit den Bässen ist eine generelle Sache. Man kennt es auch aus der Popmusik: Ohne ordentliche Subwoofer macht es nur halb so viel Spass.
Das Flötenwerk im roten Kasten steht auf der Südempore.
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