Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ohne ordentliche Bässe macht es nur halb so viel Spass»

Die neue und weltweit wohl einzigartige Surround-Orgel in der St.Laurenzenkirche in St.Gallen wird dieses Wochenende zum zweiten Mal eingeweiht. Laurenzen-Organist Bernhard Ruchti über Lieferengpässe, Riesenpfeifen und die Sinnlichkeit tiefer Töne.
Von  Roman Hertler
Laurenzen-Organist und Surround-Orgel-Initiant Bernhard Ruchti steht vor dem neuen Westwerk der Laurenzen-Orgel. (Bilder: pd/Bodo Rüedi)

Saiten: Eigentlich hätte die neue Laurenzen-Orgel bereits vergangenen September eingeweiht werden sollen. Das Festival «Die fertige Laurenzen-Orgel» findet aber erst jetzt statt. Warum?

Bernhard Ruchti: Der Septembertermin war schon lange angesetzt. Corona machte uns aber einen Strich durch die Rechnung. Normalerweise bestehen Orgelpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung. Die grössten Basspfeifen bestehen aber aus Zink, das über ähnliche Eigenschaften verfügt, aber wesentlich leichter ist. Dann gab es während der Pandemie plötzlich kein Zink mehr, weltweit nicht. Also mussten wir auch bei den teils zehn Meter hohen Basspfeifen auf Zinn und Blei setzen und ausserdem Verstärkungen an den Seiten montieren, weil diese Pfeifen relativ weich sind und bei einem Eigengewicht von bis zu 400 Kilogramm leicht beschädigt werden oder sich im Lauf der Jahre absenken könnte. Auch elektrotechnische Komponenten waren während der Pandemie schwer aufzutreiben. Das alles hat uns im Zeitplan wesentlich zurückgeworfen. Daher gabs im letzten September nur eine Einweihung light, denn die geladenen Star-Organist:innen waren nun mal gebucht. Nun sind aber auch die letzten Basspfeifen installiert und wir können mit dem komplettierten Klangspektrum nochmals feiern.

Festival «Die fertige Laurenzen-Orgel» – Einweihungsfestivitäten für die neue Goll-Surround-Orgel mit Konzerten, Führung, Kindertheater und Buch-Vernissage: 19. bis 21. April, St.Laurenzenkirche St.Gallen

laurenzen.ch/festivals

Wie kam die Laurenzenkirche überhaupt zu ihrer neuen Orgel?

Ich bin seit 2013 Organist in der Laurenzenkirche. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit wurde ich mit den Vorbereitungen zur Revision der alten Orgel aus den 1970er-Jahren beauftragt. Diese hatte eine erhebliche Schwäche im Bassbereich, sie klang zwar schön, aber der Sound ging einem nicht an die Nieren.

Was bei einem mächtigen Instrument wie der Kirchenorgel wichtig ist …

Ohne richtige Bässe ist der Klang einfach weniger sinnlich, weniger emotional. Mit einer einfachen Revision wäre dieses Manko nicht zu beheben gewesen. Im Zuge dessen kam mir die Idee, einen innovativen Ansatz zu verfolgen und den bisherigen Pfeifenstandort vorne in der Kirche um drei weitere zu ergänzen. Auf der Empore rechts wurde nun das Flötenwerk und auf der Empore links das Streicherwerk errichtet. Auf der Empore hinten wurde ein weiteres Prinzipalwerk mit den tiefsten Bässen installiert. So erklingen nun die drei Hauptklangfarben einer traditionellen Kirchenorgel – Prinzipal, Flöten, Streicher – aus je eigenen Richtungen.

Die Rede ist von einer Surround- oder 3D-Orgel. Woher stammt die Idee dazu?

Ohne angeben zu wollen, aber ich habe eine solche Registeranordnung in einer Kirche bisher noch nirgends gesehen. Üblicherweise bekommen die Zuhörer:innen das fertige Orgelmenü frontal serviert. Oder es gibt in grösseren Kirchen mehrere einzelne Standorte von kompletten Orgeln. Kommen die verschiedenen Klangfarben aus verschiedenen Richtungen, entsteht das volle Klangbild erst über die Architektur in der Mitte des Raums. Das ist ein komplett neues Klangerlebnis.

Die Plätze in der Kirchenmitte werden künftig die beliebtesten sein.

Die Surround-Wirkung ist dort sicherlich am ausgeprägtesten.

Im blauen Kasten auf der Nordempore befindet sich das Streicherregister.

Was brauchte es technisch, um eine solche Orgel zu realisieren?

Die neue Orgel ist komplett elektronisch gesteuert. Der Spieltisch steht neu im Chorbereich, ist aber mobil und via Glasfaserkabel mit der Steuerung verbunden. Die alte Orgel war noch rein mechanisch. Eine mechanische Lösung wäre aber über den gesamten Kirchenraum verteilt gar nicht realisierbar gewesen. Und wir haben das grosse Glück, mit modernster elektronischer Ausrüstung auf allerhöchstem Niveau ausgestattet zu sein. Die Sensoren messen meine Fingerbewegungen haargenau und übertragen diese praktisch identisch auf die Ventile. Punkto Spieldynamik kommt die moderne Sensortechnik einer mechanischen Traktur schon sehr nahe.

Was kostet so ein Instrument?

Die neue Laurenzen-Orgel hat 2,9 Millionen Franken gekostet. Drunter gehts leider nicht, wenn man ein so hochwertiges Instrument will.

Bernhard Ruchti, 1974, ist in Berkeley, USA, geboren und in der Schweiz aufgewachsen. In Zürich, Winterthur und Stuttgart studierte er Klavier und Orgel. Seit 2013 bekleidet er das Amt des Kirchenmusikers an der Stadt- und Konzertkirche St.Laurenzen und kuratiert diverse Konzertreihen, darunter die St.Galler Stummfilmkonzerte im Kirchgemeindehaus St.Georgen, bei denen alte Filme mit einer historischen Wurlitzer-Kinoorgel live vertont werden.

Gabs angesichts dieser Grössenordnung keine Opposition?

Die Kirchgemeinde stimmte 2019 mit über 90 Prozent der Defizitgarantie von 1,1 Millionen Franken zu. Der Rest kommt von Stiftungen, von der Ortsbürgergemeinde, von Stadt und Kanton und ganz wesentlich auch von Einzelpersonen, die zum Teil sehr namhafte Beiträge gesprochen haben. Natürlich ist hie und da das Wort «Grössenwahn» gefallen, aber eine grosse Mehrheit der Kirchgemeinde hat schliesslich Ja gesagt. Ich denke, das liegt vor allem auch am dadurch ermöglichten modernen, innovativen Zugang zu einem Instrument, dem oft der Beigeschmack eines rückwärtsgewandten Traditionalismus anhaftet. Die neue Orgel eröffnet da ganz neue Möglichkeiten.

Wird St.Gallen nun zum Pilgerort für Orgelfanatiker?

Zumindest national ist das Interesse an der neuen Laurenzen-Orgel bereits riesig, aber auch international steigt das Interesse. Natürlich gibt es auch im Dom oder in der Linsebühlkirche schöne Instrumente. Eine solche Ansammlung solch wunderbarer Orgeln gibts tatsächlich nicht oft.

Jetzt, wo die Bässe richtig beben: Auf welche Werke, Stücke oder Passagen freuen Sie sich besonders zum Spielen?

Auf alle! Das mit den Bässen ist eine generelle Sache. Man kennt es auch aus der Popmusik: Ohne ordentliche Subwoofer macht es nur halb so viel Spass.

Das Flötenwerk im roten Kasten steht auf der Südempore.

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land mit 2:3

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138