Ich gehe neue Wege. Bahnhofstrasse, Magdenauerstrasse, dann hoch zum Oberen Botsberg. Fünf schwarze Kühe grasen auf der Wiese am Hügel vis-à-vis: Muttermale auf grüner Haut. Ich steige den Hügel runter, auf die Kühe zu. Erst jetzt sehe ich am Wegrand fünf Leute sitzen, Spaziergänger wie ich; leise summen sie vor sich hin. Ich steige weiter in die Tiefe; da ist eine Höhle.
Die Höhle ist gut ausgeleuchtet. Eine grosse Holztafel in der Mitte, und Menschen drumrum, leises Murmeln. Ein Becher, neonpink, wandert von Hand zu Hand. Eine Person in weissem Kittel nimmt den ersten Schluck.
llustration: Joël Roth und Zéa Schaad
«Es war ein Land», sagt sie, «mit tausend Betten. In jedem Bett lag ein Traum, und jeder Traum schnarchte. Einer erwachte, rieb sich die Augen, hüpfte auf den Boden, glitt aus. Er verlor sich selbst unterm Bettgestell.»
Sie reicht den Becher weiter. Eine Person mit spitzem Gesicht und rollenden Augen nimmt einen Schluck und fährt fort: «Der Traum sagte: Ich will dich gern umarmen, ich will dich gern umarmen, ich will dich gern umarmen.»
Die Person gluckst, hält sich die Hand vors Gesicht und prustet hinein. Jemand niest. Die Person lacht noch lauter, lacht schrill. Reicht den Becher dann zitternd einer Person, die im Schneidersitz auf dem Tisch hockt.
«Zu Hause ist da, wo sein Herz am kräftigsten schlägt», sagt sie. Schüttet einen Schluck auf den Tisch, gibt den Becher weiter.
«Der Traum rappelte sich auf», sagt die nächste Person, «und wollte tanzen. Liess die anderen schlafen. Lange schlafen, langsam erwachen, das ist nicht schlecht, sagte sich der Traum. Er wippte mit dem rechten Fuss.»
Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.
Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.
Ein Windstoss geht durch die Höhle, alle atmen seufzend auf. Die glucksende Person hat sich gefasst. Schaut in die Runde. Lacht schon wieder los. Jemand in Jogginghosen legt ihr eine Hand auf den Arm. Sofort schläft sie ein.
Die Person in Jogginghosen hält den Becher in die Höhe, sagt: «Prost! Bleibt gesund!»
Sie stellt den Becher auf den Tisch vor mir. Ich nehme einen Schluck. Unverdünnter Sirup rinnt mir die Speiseröhre runter, und ohne zu überlegen sage ich: «Diesen Traum nehm‘ ich mit.» Die Person, die als erstes sprach, im weissen Kittel, nickt und sagt: «Direkt nebenan.»
Im nächsten Raum liegt, dünn und schlotternd, mit grasgrüner Haut, ein Persönchen. Ich schultere es. Es tropft eine leuchtende Spur bis zum hinteren Höhlenausgang. An der frischen Luft beginnt es zu husten, ich lege es ins Gras. Es ist kaum noch zu erkennen, Grün in Grün.
Der Traum würgt, etwas steckt in seinem Hals und wird immer grösser, während es sich Millimeter für Millimeter nach oben bewegt, dann vor uns auf der Wiese landet: Eine schwarze Kuh. Ein paar Sekunden lang glotzt sie uns an. Dann trottet sie Richtung Weide davon. Ich höre ein Nuscheln, das Persönchen spricht, aber nicht verständlich. Ich nehme es hoch, es klammert sich an mich, seine Fingernägel piken; jetzt versteh’ ich, was es sagt: «Warum tanzt du nicht?»
Laura Vogt, 1989, ist Schriftstellerin in St.Gallen. 2020 erschien ihr zweiter Roman Was uns betrifft.
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