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Huhu

Immunium® Akut #5 aus unserem Dezemberheft: Christoph Kellers Tipps zur Stärkung des Sprachimmunsystems. Samt Doppelpunkt und Adjektiven.
Von  Gastbeitrag

Der deutsche Schriftsteller Michael Maar hat das möglicherweise wichtigste Buch zu Covid-19 veröffentlicht: Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis grosser Literatur. Darin kommen die Wörter «Corona», «Covid» und noch nicht einmal «Virus» nicht vor.

Dieser Satz ist ein gutes Beispiel für schlechten Stil. Darum geht es in Maars Buch: um literarischen Stil. Mir geht es um die Stärkung meines Sprachimmunsystems.

Coronagerede und kein Ende, und jetzt auch wieder im Immunstärkungsmagazin Saiten. Unsere Besessenheit mit Covid hat unser Immunsystem geschwächt. So viele brennende Themen sind vernachlässigt worden, so viele Erkenntnisse, zu denen uns die Krise verholfen hat, schon wieder vergessen. Wer es immer noch nicht begriffen hat, der kann nur noch Michael Maars Buch helfen.

Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad

Was ist guter Stil? Keiner weiss es. Schlechten Stil schmeckt man beim Lesen auf der Zunge. Nabokov ist guter Stil, dieser kleine Satz allerdings ein Klischee, mit dessen Aussage nicht alle einverstanden wären, schon gar nicht Mütter von Dreizehnjährigen. Ausserdem: zu viele Adjektive. Kafka ist besserer Stil, was falsch ist, denn Stil kann man nicht auf einer Skala bewerten oder sollte es zumindest nicht.

Aber: nur wenige Adjektive.

Alfred Polgar (Stil: nicht so bekannt wie die anderen beiden, benötigt also die Vornamenverstärkung) meint, Stil sei das, was nicht mit Sinnen wahrnehmbar sei. Was also (nicht A. Polgar) von Sinnen ist. Das ist gar nicht übel: ein Text, der «ausser sich ist», einen «überaus erregt» zurücklässt (beide Zitate: Duden). Sehr übel aber in Bezug auf unsere Gesellschaft während einer Pandemie, die nach dem Geschmack praktisch aller zu lange dauert. Noch schlimmer: nicht bei Sinnen.

Am besten hat das Verhalten des Virus Günter Eich in den ersten und letzten Zeilen seines Gedichtes «Huhu» beschrieben:

Wo die Beleuchtung beginnt,
bleibe ich unsichtbar.
(…)
Mich triffst du nicht mehr,
solang ich auch rufe.

Was unser gesellschaftliches Immunsystem nämlich am meisten stärkt, ist: Geduld. Den Doppelpunkt bräuchte es nicht. Das ist eine Stilfrage.

Christoph Keller, 1963, ist Schriftsteller in St.Gallen. 2019 publizierte Keller den Roman Der Boden unter den Füssen, 2020 erschien Jeder Krüppel ein Superheld.

Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.

Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.

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