Richard Dindo gehört zu den wichtigsten Schweizer Filmemachern. Im Oktober kommt der 80-Jährige im Rahmen einer Filmreihe im Kinok nach St.Gallen.
Am 29. Oktober ist Richard Dindo im St.Galler Kinok zu Gast und spricht über sein bis ins Jahr 1970 zurückreichendes, rund 40 Filme umfassendes Werk. Der 1944 in einer schweizerisch-italienischen Arbeiterfamilie geborene Regisseur gehört zu jener Generation von Cineast:innen, die den Dokumentarfilm aus den Fesseln einer bis da weitgehend illustrativen Form mit Voiceover befreite. Oder wie er selbst sagte: «Das direkte Reden im Dokumentarfilm musste zuerst einmal erfunden werden.» Und was sein Heimatland betrifft, so gehört Dindo zu den herausragenden Figuren, die den Neuen Schweizer Film wesentlich mitgeprägt haben.
Richard Dindo. (Bild: pd)
Mit 22 Jahren aus der als erstickend eng empfundenen Schweiz nach Paris ausgewandert, verbrachte er dort Tag für Tag in der Cinémathèque, die für ihn, den Autodidakten, zu seiner persönlichen Filmschule wurde. Und er erlebte hautnah mit, wie ebendort die Revolte von 1968 ihren Anfang nahm – es waren die Proteste vom Februar gegen die Absetzung des Leiters der Cinémathèque, Bernard Langlois, die den Anfang des politisch-kulturellen Aufbruchs markieren sollten. Diese Ereignisse waren für Dindos weiteres Leben entscheidend.
Die Aufbruchstimmung einfangen
Wieder in der Schweiz, realisierte er 1970 seinen ersten, von ihm selbst später als «ziemlich konfus» bezeichneten Film Die Wiederholung. Mittels einiger Interviews versuchte er bereits dort, etwas von der Aufbruchstimmung von 1968 zu vermitteln. Unter den Befragten waren eine Handvoll Jugendliche, der Schriftsteller Paul Nizon sowie ein Gewerkschaftssekretär. Und zu den Filmemachern, die den damals noch gänzlich unerfahrenen Jungfilmer Dindo unterstützten, gehörten Alexander Seiler, Fredi M. Murer und Kurt Gloor.
Noch wichtiger und für Richard Dindos zukünftiges Schaffen wegweisend waren bei diesem Film aber die wiederholt eingespielten Zitate eines lebenden und eines toten Literaten: Max Frisch und Arthur Rimbaud. Beide seien für ihn so etwas wie seine intellektuellen Überväter, betont Dindo immer wieder. Viele seiner Filme sind von ihrem Geist durchdrungen. Und drei seiner wohl schönsten Filme beschäftigen sich explizit und ausschliesslich mit ihnen: Max Frisch – Journal I-III (1981), Homo Faber (2014) und Arthur Rimbaud, eine Biografie (1991).
Ein filmpolitisches Erdbeben ausgelöst
Doch zurück zur Schweiz in die Zeit nach ‘68. Man schreibt das Jahr 1973, die Revolte ist verebbt, die Schweiz lebt wieder im Geist von Kaltem Krieg, Réduit und heroischem Aktivdienst. Da veröffentlicht ein Journalist namens Niklaus Meienberg eine umfangreiche Reportage mit dem Titel Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S., eine Suche nach den Spuren eines kleinen Hilfsarbeiters, der 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, in St.Gallen in die Fänge der Militärjustiz geriet und für eine Lappalie mit dem Leben bezahlte. Dindo, der Meienberg bereits aus Paris kannte, tut sich mit diesem zusammen, um mit ihm gemeinsam die Spurensuche filmisch zu vertiefen.
Dindo-Reihe im Kinok
Am 24. Oktober kommt Michael Krummenachers neuer Film Landesverräter in die Kinos. Das Kinok zeigt aus diesem Anlass Richard Dindos Film Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S. (13., 21. und 29. Oktober) und in einer Reihe weitere Dindo-Filme, darunter Max Haufler, der Stumme (3. und 20. Oktober), Grüningers Fall (5. und 16. Oktober), Max Frisch – Journal I-III (6., 11. und 23. Oktober), Ernesto «Che» Guevara, das bolivianische Tagebuch (8. und 27. Oktober), Charlotte, Leben oder Theater? (10. und 22. Oktober), Verhör und Tod in Winterthur (10. und 19. Oktober) sowie Dani, Michi, Renato und Max (15. und 27. Oktober).
Ein Abend mit Richard Dindo – der Filmemacher im Gespräch über sein Werk: 29. Oktober, 20.30 Uhr, Kinok St.Gallen.
kinok.ch
Der 1975 erschienene Film mit dem gleichnamigen Titel erregte dann, mehr noch als zuvor die Reportage, grosses Aufsehen, wurde zum Publikumserfolg – und verursachte ein mittleres filmpolitisches Erdbeben. Durch ein Veto des Bundesrates wurde dem Film eine bereits durch die damalige Filmkommission zugesagte Qualitätsprämie nachträglich verweigert.
Von da an war Dindo berühmt, von den einen als Nestbeschmutzer geschmäht, von den anderen als Inbegriff eines politischen Filmemachers bewundert. Vom Image des letzteren hat Dindo sich in späteren Jahren immer wieder zu distanzieren versucht und wollte sich nicht darauf reduzieren lassen. Denn immer wieder betonte er, was ihn generell am meisten interessiere: die Herstellung von Vergangenheit. Er sei zuallererst ein Erinnerungsarbeiter, einer, der zwar solidarisch sei mit Rebellen, aber auch einer, dem dabei immer bewusst sei, dass die sich zur erfolgreichen Revolution wandelnde Rebellion stets eine Utopie bleiben werde.
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