Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der ganze Schmerz, die ganze Lust

Im Schreiben jünger als viele Jüngere: So wurde die Schriftstellerin Helen Meier bei der Verleihung des Ausserrhoder Kulturpreises 2017 gewürdigt. Im Herbst erscheinen neue und neu aufgelegte Texte der 88jährigen Erzählerin.
Von  Peter Surber

Die Welt muss unablässig neu erzählt werden, in ihrem ganzen Schmerz, in ihrer ganzen Lust: In ihrer kurzen Dankrede in der Kirche Trogen brachte Helen Meier das Geheimnis und die Unverzichtbarkeit der Literatur auf den Punkt. Ob jüngste Erfahrungen oder frühere Epochen wie das «Jahrhundert der Zellweger», dem sie mit Adieu Herr Landammann ihr einziges ausdrücklich im Appenzellerland spielendes Buch gewidmet hat: Bestand habe, was erzählt werde, sagte Meier mit unvermindert fester Stimme, jener Charakterstimme, die ihr Reden und Lesen seit jeher ausgezeichnet hat.

Und sie las eine kurze Erzählung, eine aufs knappste verdichtete und teils in Einzelwortkaskaden gemeisselte Schmerzenserinnerung an das Haus der Kindheit in Mels und den Unfalltod des Vaters. Sie trägt den Titel «Erzählen» und ist 2014 in Kleine Beweise der Freundschaft erschienen.

Die Stürze, die Liebe

Torkeln, fallen, stürzen, gehen am Abgrund: Das seien die vielfach variierten, prekären Meier’schen Bewegungsarten, und der Sturz geradezu die höchste Glückseligkeit, sagte der Literaturkritiker und Herausgeber Charles Linsmayer in seiner Laudatio. Meiers Werk stelle von Beginn weg die Stolperer, die Lädierten, Sonderlinge, Ausgegrenzten, Beschädigten ins Zentrum – nicht so sehr aus sozialen Gründen, sondern weil sie jene Urwüchsigkeit, Kantigkeit und Drastik verkörpern, die Meier liebe.

Zweiter inhaltlicher Strang von den frühesten, erst spät im Band Die Agonie des Schmetterlings publizierten Geschichten an sei die Liebe – die ekstatische, die explosive, die irrationale, die allzu oft tödliche oder unheilbar unglücklich machende Liebe. Meiers Themen seien schon immer da, lange vor dem Erstling Trockenwiese, mit dem die Autorin 1984, 55jährig debütierte und in Klagenfurt Furore machte. Und ebenso von Beginn weg da sei ihre Sprache: erfrischend, unprätentiös, mit agilem Satzbau und kühnem Duktus, kurz: unverbrauchter als viele Texte jüngerer Autorinnen und Autoren, wie Linsmayer sagte.

Kein Bock auf Clicks

Texte würden heute mehr und mehr nicht nach Qualität, sondern nach Popularität beurteilt, ermittelt durch Ratings, Clicks und Likes – so Linsmayer mit Bezug auf eine NZZ-Breitseite des Slawisten und Schriftstellers Felix Philipp Ingold, die dieser im April unter dem Titel «Die Klassiker haben ausgedient» publiziert hat. «Wo jeder als Künstler und alles als Kunst taugt, werden individuelle Autorschaft wie auch künstlerisches Vermögen unerheblich», schreibt Ingold unter anderem kulturpessimistisch. Meiers Erzählkunst hingegen, in rund einem Dutzend Romanen und Bänden mit Geschichten zu finden, stellte Linsmayer als Gegenbeispiel hin: Literatur, die über den Tag hinaus gültig bleibe. Und die das Wiederlesen unbedingt lohne. Spätestens im Herbst: Dann erscheint, herausgegeben von Charles Linsmayer, Das Torkeln entlang des Fallens, ein Meier-Lesebuch mit neuen und wieder aufgelegten Texten.

Dem Appell zum Meier-Lesen schloss sind auch der Ausserrhoder Kultur- und Bildungsdirektor Alfred Stricker an. Kulturförderung sei eine Investition in die Zukunft – und in Persönlichkeiten, welche uns zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der menschlichen Existenz anregten. Das gelte für Helen Meier wie für die bisherigen Träger des rund alle drei Jahre verliehenen Preises: die Musiker Noldi Alder und Paul Giger, der Künstler Hans Schweizer und die Architektin und Grubenmann-Forscherin Rosmarie Nüesch.

Bild: Hannes Thalmann.
Laudatio und weitere Informationen hier.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2