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Die Barrieren in den Köpfen der Undiagnostizierten

Beschwerdefrei ist nicht gleich barrierefrei leben, schreibt Jacquline B., die mit einer psychischen Beeinträchtigung lebt. Gut lebt. Ein Beitrag aus unserem Oktoberheft.
Von  Gastbeitrag

Ein alter Saal, ein mächtiger Tisch. Durch das offene Fenster klingt der Signalton. Bim-bim-bim, das wehmütige, etwas zu hoch gestimmte a’. Altweibersommer in der Stadt der Bahnbarrieren. Ich bin nicht gern, wo ich jetzt bin. «Und, wie geht es Ihnen?» Die Frage der Richterin löst mein inneres Warnsignal aus. Pass auf, was du sagst, wie du etwas sagt. «Gut», antworte ich kurz, «ich bin seit längerem stabil, die Details dazu stehen im Bericht meiner Ärztin.»

Schweigen. Mein Widerpart am oberen Tischende bekommt das Wort. Breitet meine Krankheitsgeschichte aus, schwadroniert über Vorkommnisse, die Jahre zurückliegen, zerpflückt jedes Detail meines Lebens, das er schon lange nicht mehr genau kennt. Verkeilt sich in die Alltagsdifferenzen eines geschiedenen Paares mit geteiltem Sorgerecht. Trauriger Alltag in den Gerichtsstuben der Schweiz. Wäre da nicht auch noch meine Diagnose.

Vor ein paar Jahren wurde eine bipolare Störung erkannt. Es ist eine ernstzunehmende psychosomatische Erkrankung. Anfäglich konnte ich, obwohl ich wollte, nichts mit dieser Diagnose anfangen. Klinikaufenthalte folgten. Schwere Zeiten für mich und mein Umfeld. Es ist eine Saukrankheit. Weil sie das eigene Tun beeinflusst. Und weil es die «Krankheitseinsicht» des Betroffenen braucht, um gesunden zu können.

Ich mag dieses Wort nicht. Es klingt, als wäre ich schuld daran, krank geworden zu sein. Mein Glück, dass ich durch harte Arbeit und eine gezielte medikamentös-therapeutische Begleitung schon lange beschwerdefrei leben kann. Barrierefrei nicht. Nach vier Stunden im Gerichtssaal, in denen ich kaum gefragt wurde, mein Widerpart auf meiner Vergangenheit herumritt wie auf einem totgeschossenen Gaul, wurde dem Anwalt und mir klar: Hier gibt es keine vernünftige Einigung. Meine Diagnose ist so leicht zu missbrauchen, um von seinen eigenen Abgründen abzulenken.

Psychische Erkrankungen sind behandelbar. Sie können ganz in den Hintergrund verschwinden und dort bleiben. Das ist meine Gegenwart. Wie es auch meine Gegenwart ist, an den Barrieren in den Köpfen der Undiagnostizierten anzustehen.

Erste Barriere: Nur wenige checken, dass wir Betroffenen die Einzigen sind, die kompetent über unsere Diagnose Auskunft geben können. Es wird über uns gesprochen anstatt mit uns. Ich kann keine Garantie abgeben, ob ich wieder erkranke. Ich schätze die Gefahr, auf der Strasse überfahren zu werden, mittlerweile höher ein, trotz aller Strapazen. So wenig, wie es eine Garantie gibt, ob du, der dies gerade liest, nicht auch seelisch erkranken kannst. Es kann jeden treffen, wirklich jeden, zu jeder Zeit.

Zweite Barriere: Mache ich meine Diagnose transparent, wird das Gegenüber unsicher. Das führt zur Stigmatisierung. Vertreter der Behörden verlangen Berichte, Gutachten, die mich als Mutter betreffen. Ich soll Geduld haben. Dann werden die Berichte nicht einmal angefordert. Ich kämpfe darum, gehört zu werden. Werde ich wütend, bestätige ich die Diagnose. Das ist kafkaesk. Wir Betroffenen brauchen Institutionen, die in der Lage sind, uns differenziert zu begutachten, wenn etwas begutachtet werden soll. Wie soll ich denn beweisen, dass ich Herrin meiner Sinne bin, wenn so etwas hinter dem Schreibtisch abgehandelt wird? Will jemand meinen total unspektakulären Alltag sehen? Nein. Sie wissen auch so Bescheid, meinen sie. Eine Freundin brachte es auf den Punkt: «Was du gerade erlebst, macht krank, Diagnose hin oder her.»

Dritte Barriere: Die Stigmatisierung beeinträchtigt den Gesundungsprozess psychisch Erkrankter. Das bestätigen Studien namhafter Kliniken. Ich erlebe, dass meine fortwährende Gesundung ausgeblendet wird. Zack, Stempel drauf, krank, für immer. Stell dir vor, du hast ein Chaos in der Wohnung und jemand kommt zu Besuch. Bist du jetzt einfach eine miese Hausfrau oder ist das pathologisch? Ich verstehe nur zu gut, dass sich viele Mitbetroffene überangepasst verhalten. Das mache ich nicht mehr, weil zu ungesund. Und lebe damit, dass mir meine Mitmenschen, gerade die nicht so nahen, erklären, wie ich bin. Warst eben immer schon etwas speziell. Zwischen speziell und krank weiss unsereins sehr wohl eine Grenze zu ziehen.

Barriere vier: die Künstlerschublade. Ja, bei vielen Schreibenden und Musizierenden gibt es psychische Erkrankungen. Nur: Nicht jeder Kulturschaffende ist krank und nicht jede psychotische Kunstfigur ist künstlerisch wertvoll. Letztere nerven mich. Es ist so hip, mit kranken Texten durchs Netz zu geistern wie Jessica Jurassica. Ein solches Wesen feiern. Gleichzeitig denjenigen mit Argwohn begegnen, deren Seele mal aus der Kurve geflogen ist: Ist das die Dialektik unserer Zeit? Und wer genau ist jetzt krank?

Jacqueline B. heisst anders. Im Juniheft von Saiten und online erschien ihr Bericht «Die Eismeer-Kapitänin».

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Andrea Martina Graf,  

Frage an die Autorin: Wieso nicht zu seinem richtigen Namen stehen?Pseudonymisierung trägt zur Stigmatisierung bei, finde ich. Impliziert dass es eben gschämig sei, psych. behindert zu sein. (Ich unterzeichne auch die Texte, die meine psych. Krankheit betreffen, immer mit meinem echten Namen + habe damit nur gute Erfahrungen gemacht.)

Andrea Martina Graf,  

Frage an die Autorin: Wieso nicht zu seinem richtigen Namen stehen. Pseudonymisierung trägt zur Stigmatisierung bei, finde ich. Impliziert dass es eben gschämig sei, psych. behindert zu sein. (Ich unterzeichne auch die Texte, die meine psych. Krankheit betreffen, immer mit meinem echten Namen + habe damit nur gute Erfahrungen gemacht.)

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