Ein alter Saal, ein mächtiger Tisch. Durch das offene Fenster klingt der Signalton. Bim-bim-bim, das wehmütige, etwas zu hoch gestimmte a’. Altweibersommer in der Stadt der Bahnbarrieren. Ich bin nicht gern, wo ich jetzt bin. «Und, wie geht es Ihnen?» Die Frage der Richterin löst mein inneres Warnsignal aus. Pass auf, was du sagst, wie du etwas sagt. «Gut», antworte ich kurz, «ich bin seit längerem stabil, die Details dazu stehen im Bericht meiner Ärztin.»
Schweigen. Mein Widerpart am oberen Tischende bekommt das Wort. Breitet meine Krankheitsgeschichte aus, schwadroniert über Vorkommnisse, die Jahre zurückliegen, zerpflückt jedes Detail meines Lebens, das er schon lange nicht mehr genau kennt. Verkeilt sich in die Alltagsdifferenzen eines geschiedenen Paares mit geteiltem Sorgerecht. Trauriger Alltag in den Gerichtsstuben der Schweiz. Wäre da nicht auch noch meine Diagnose.
Vor ein paar Jahren wurde eine bipolare Störung erkannt. Es ist eine ernstzunehmende psychosomatische Erkrankung. Anfäglich konnte ich, obwohl ich wollte, nichts mit dieser Diagnose anfangen. Klinikaufenthalte folgten. Schwere Zeiten für mich und mein Umfeld. Es ist eine Saukrankheit. Weil sie das eigene Tun beeinflusst. Und weil es die «Krankheitseinsicht» des Betroffenen braucht, um gesunden zu können.
Ich mag dieses Wort nicht. Es klingt, als wäre ich schuld daran, krank geworden zu sein. Mein Glück, dass ich durch harte Arbeit und eine gezielte medikamentös-therapeutische Begleitung schon lange beschwerdefrei leben kann. Barrierefrei nicht. Nach vier Stunden im Gerichtssaal, in denen ich kaum gefragt wurde, mein Widerpart auf meiner Vergangenheit herumritt wie auf einem totgeschossenen Gaul, wurde dem Anwalt und mir klar: Hier gibt es keine vernünftige Einigung. Meine Diagnose ist so leicht zu missbrauchen, um von seinen eigenen Abgründen abzulenken.
Psychische Erkrankungen sind behandelbar. Sie können ganz in den Hintergrund verschwinden und dort bleiben. Das ist meine Gegenwart. Wie es auch meine Gegenwart ist, an den Barrieren in den Köpfen der Undiagnostizierten anzustehen.
Erste Barriere: Nur wenige checken, dass wir Betroffenen die Einzigen sind, die kompetent über unsere Diagnose Auskunft geben können. Es wird über uns gesprochen anstatt mit uns. Ich kann keine Garantie abgeben, ob ich wieder erkranke. Ich schätze die Gefahr, auf der Strasse überfahren zu werden, mittlerweile höher ein, trotz aller Strapazen. So wenig, wie es eine Garantie gibt, ob du, der dies gerade liest, nicht auch seelisch erkranken kannst. Es kann jeden treffen, wirklich jeden, zu jeder Zeit.
Zweite Barriere: Mache ich meine Diagnose transparent, wird das Gegenüber unsicher. Das führt zur Stigmatisierung. Vertreter der Behörden verlangen Berichte, Gutachten, die mich als Mutter betreffen. Ich soll Geduld haben. Dann werden die Berichte nicht einmal angefordert. Ich kämpfe darum, gehört zu werden. Werde ich wütend, bestätige ich die Diagnose. Das ist kafkaesk. Wir Betroffenen brauchen Institutionen, die in der Lage sind, uns differenziert zu begutachten, wenn etwas begutachtet werden soll. Wie soll ich denn beweisen, dass ich Herrin meiner Sinne bin, wenn so etwas hinter dem Schreibtisch abgehandelt wird? Will jemand meinen total unspektakulären Alltag sehen? Nein. Sie wissen auch so Bescheid, meinen sie. Eine Freundin brachte es auf den Punkt: «Was du gerade erlebst, macht krank, Diagnose hin oder her.»
Dritte Barriere: Die Stigmatisierung beeinträchtigt den Gesundungsprozess psychisch Erkrankter. Das bestätigen Studien namhafter Kliniken. Ich erlebe, dass meine fortwährende Gesundung ausgeblendet wird. Zack, Stempel drauf, krank, für immer. Stell dir vor, du hast ein Chaos in der Wohnung und jemand kommt zu Besuch. Bist du jetzt einfach eine miese Hausfrau oder ist das pathologisch? Ich verstehe nur zu gut, dass sich viele Mitbetroffene überangepasst verhalten. Das mache ich nicht mehr, weil zu ungesund. Und lebe damit, dass mir meine Mitmenschen, gerade die nicht so nahen, erklären, wie ich bin. Warst eben immer schon etwas speziell. Zwischen speziell und krank weiss unsereins sehr wohl eine Grenze zu ziehen.
Barriere vier: die Künstlerschublade. Ja, bei vielen Schreibenden und Musizierenden gibt es psychische Erkrankungen. Nur: Nicht jeder Kulturschaffende ist krank und nicht jede psychotische Kunstfigur ist künstlerisch wertvoll. Letztere nerven mich. Es ist so hip, mit kranken Texten durchs Netz zu geistern wie Jessica Jurassica. Ein solches Wesen feiern. Gleichzeitig denjenigen mit Argwohn begegnen, deren Seele mal aus der Kurve geflogen ist: Ist das die Dialektik unserer Zeit? Und wer genau ist jetzt krank?
Jacqueline B. heisst anders. Im Juniheft von Saiten und online erschien ihr Bericht «Die Eismeer-Kapitänin».
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
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An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
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An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
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