Kategorie
Autor:innen
Jahr

Entblätterung eines nationalen Symbols

Eine Ausstellung über das Edelweiss... da braucht es wohl einen tiefen Griff in die Kitschkiste. Oder doch nicht? Der Botanische Garten St.Gallen gibt überraschende Antworten.
Von  Harry Rosenbaum , 

Das Blumenbeetli gleich beim Haupteingang des botanischen Gartens ist eigentlich ein deutliches Signal für mich, unverzüglich wieder umzukehren: Im Quadrat sind hier rote Begonien gepflanzt und mittendrin, als gleichschenkliges Kreuz geformt: proper leuchtende Edelweisse.

Die Neugierde jedoch ist stärker und schiebt mich wie von Geisterhand in den Botanischen Garten. «Edelweiss – Mythos & Paradox» lautet die verwirrende Affiche, die in den Pavillon mit den zweisprachigen Schautafeln lockt. Die Ausstellung war schon in Genf und Zürich zu sehen, bevor sie ihren Weg nach St.Gallen fand.

Migrations-Blume

Obwohl tausendfach als Sujet für Tourismus und heimische Produkte im ganzen Schweizerland verstreut, ist das Edelweiss keine typische Pflanzengattung der Alpen, klärt die erste Schautafel auf. Und weiter heisst es, die Blume ist aus der zentralasiatischen Steppe bei uns eingewandert. Aber wie kommt sie mit diesem Migrationshintergrund auf das unverdächtige Trachtenjäckli des urschweizerischen Alphornbläsers?

Auch dafür gibt es nachvollziehbare Erklärungen: Ab 1870 zieht der Tourismus ein in die Alpenwelt. In den Bergen werden luxuriöse Grandhotels gebaut. Wegen seiner Seltenheit wird das Edelweiss schnell zum Symbol in Gedichten und Erzählungen. Die Blume, so ihr Mythos, wächst nur an Steilwänden, am Rande des ewigen Schnees und wurzelt im tiefen Eis. Die Vorstellung der Unerreichbarkeit beeinflusst noch heute die Wahrnehmung dieser Pflanze. Romantische Bilder geistern durch Legenden, und es ist von tragischen Unfällen beim Pflücken der raren Blume die Rede. Tatsächlich gab es in diesem Zusammenhang einige tödliche Abstürze.

«Neo-Traditionen» halten Einzug

Kein Grund, dass das Edelweiss nicht einzieht ins Brauchtum. Es integriert sich überraschend schnell in die Bergler-Traditionen. Und angeregt durch die alten Legenden entstehen im 20. Jahrhundert «Neo-Traditionen» rund um das Edelweiss. Fortan tragen die Alphirten die Marke Edelweiss am Hut und das Schneidergewerbe in den Alpenländern appliziert die Mythos-Blume als Stickerei auf modischen Trachten. So wird es zum halboffiziellen Wahrzeichen der Nation.

Die einst aus der zentralasiatischen Steppe eingewanderte Pflanze schafft es bis in die europäischen Herrscherhäuser. So erklären Kaiser Franz Joseph von Österreich und seine Kaisergemahlin Sissi, der Bayern-König und Märchenschloss-Erbauer Ludwig II. und auch «Gröfaz» Adolf Hitler «das Edelsweiss» zu ihrer Herzensblume. Damit wird das Alpengewächs gar zum Symbol von Nationalismus und Massenmord. Eine SS-Division, die vor allem in Griechenland wütete, hatte neben dem Totenkopf auch ein Edelweiss auf der Uniform.

Sonnenbrand und Schnittblume

Die Zeiten sind aufgeklärter geworden und die Mythen haben sich ins Paradoxe verkehrt. Die Profanierung machte auch vor dem ins Fantastische entrückte Edelweiss nicht Halt: Seit 2004 wird die Wildpflanze kultiviert. Ihre domestizierte Art gedeiht heute vor allem im Wallis bestens auf grossen Feldern auf 1000 bis 1500 Metern ü. M. für die Kosmetik- und Pharmaindustrie. Das Edelweiss enthält unter anderem Haut- und Sonnenschutzsubstanzen und ist somit stolze Besitzerin klinisch erprobter Heilsamkeit dank seiner Wirkstoffe .

Und noch etwas, was ich mir unbedingt merken muss, nach dem Besuch der Edelweiss-Ausstellung im Botanischen Garten St.Gallen: Bei der nächsten Einladung bringe ich nicht mehr die langweiligen Tulpen aus Holland, sondern einen Edelweiss-Strauss aus der Schweiz mit. Der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope Changgins-Wädenswil ist es nämlich gelungen, der Sorte «Edelweiss Helvetia» einen langen Stiel anzuzüchten, sodass die «Perle der Alpen» jetzt als aparte Schnittblume bei der Floristin gekauft werden kann.

Die Ausstellung «Edelweiss – Mythos & Paradox» im Botanischen Garten St. Gallen dauert noch bis 5. Oktober. 

FC St.Gal­len vs. FC Lu­ga­no 5:0 – St.Gal­len de­klas­siert ein de­zi­mier­tes Lu­ga­no

Der FC St.Gal­len nützt ei­ne frü­he ro­te Kar­te ge­gen Lu­ga­no gna­den­los aus und schickt den bis­her so sou­ve­rä­nen Lea­der gleich mit 5:0 nach Hau­se. Ein denk­wür­di­ger Nach­mit­tag zum Nach­le­sen hier im SENF-Ti­cker.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Bücherherbst

Vom Fest­hal­ten und los­las­sen

Von Karsten Redmann,
Alles in allem taschenbuch julia trachsel

Die Er­de ist nicht ge­nug

Das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len er­öff­net Mit­te No­vem­ber zum zehn­jäh­ri­gen Be­stehen sei­nes Neu­baus den Aus­stel­lungs­be­reich «Mensch und Uni­ver­sum». Zwi­schen Kli­ma­kri­se und Ster­nen­him­mel geht es um ei­ne ziem­lich gros­se Fra­ge: Wo ste­hen wir ei­gent­lich?

Von Philipp Bürkler,
Naturmuseum Mensch und Universum Niklas Thalmann

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle