St.Gallen ist Spitze, St.Gallen kann stolz sein. Das sagte an der «Vernissage» des Managementplans im Musiksaal des Klosters vor mehreren Dutzend geladenen Gästen der Präsident der Schweizerischen Unesco-Kommission, Jean-Bernard Münch. Spitze deshalb, weil der Stiftsbezirk als erste der zwölf Schweizer Welterbestätten den von der Unesco geforderten Managementplan realisiert hat. Und Stolz könne empfinden, wer im Umfeld eines so herausragenden kulturellen und historischen Ensembles lebe, wie es der Stiftsbezirk (seit 1983 unesco-zertifiziert) sei.
Den Stolz liessen sich die Vertreter der beteiligten Institutionen gern gefallen. Auf dem Bild die Präsidentenrund mit Plan, von links: Martin Gehrer, Präsident des Katholischen Konfessionsteils, Regierungspräsident Martin Klöti, Bischof Markus Büchel, Unesco-Kommissionspräsident Jean-Bernard Münch, Stadtpräsident Thomas Scheitlin und Markus Isenrich, Präsident von St.Gallen-Bodensee Tourismus (Bild Hildegard Jutz).
Koexistenz von Kirche und Staat
Bischof Markus erinnerte an das Jahr 1809, als das Bistum einen Teil der früheren Klostergebäude vom sechs Jahre zuvor gegründeten Kanton St.Gallen zurückerhalten hatte: der Beginn der Koexistenz von Staat und Kirche im Stiftsbezirk. Regierungspräsident Martin Klöti hob weltlicherseits die vielfältigen Nutzungen des Areals hervor, für Religion, Bildung, Verwaltung, Rechtssprechung oder Tourismus.
Stadtpräsident Thomas Scheitlin erläuterte die Ziele des Plans: Er soll Schutz und Pflege, aber auch Nutzung und Weiterentwicklung ermöglichen und koordinieren. Beteiligt sind unter dem Dach des 2012 gegründeten Vereins Welterbe Stiftsbezirk St.Gallen der Kanton und die Stadt St.Gallen sowie der katholische Konfessionsteil als Hauptträger. In die Planung einbezogen waren daneben das Bistum, St.Gallen-Bodensee Tourismus, der Bund, die Ortsbürgergemeinde und die privaten Grundeigentümer rund um das Kloster (nicht jedoch die benachbarte reformierte Kirchgemeinde). Im Namen des Katholischen Konfessionsteils erläuterte schliesslich Präsident Martin Gehrer einige der Massnahmen, insbesondere die geplante bessere Signalisation des Stiftsbezirks für die Touristen.
Was fehlte und was nicht gesagt wurde
2018 sollen der frühere, schmerzlich vermisste Kulturraum am Klosterplatz und das heutige Lapidarium zum «Schaufenster» des Welterbes werden, mit Dauerausstellungen rund um den mittelalterlichen Klosterplan, der gewissermassen die «Mona Lisa von St.Gallen» ist (Klöti). Davon war an der Veranstaltung, die «an St.Galler Prominenz kaum zu übertreffen» war (Klöti), allerdings nicht die Rede.
Es war nicht die einzige Vermisstmeldung an dieser Vernissage des Jahrhundertwerks. Die managementplan-gestählte Männerrunde im Saal konzentrierte sich auf verwaltungstechnische Formalien; inhaltlich erfuhr man wenig, immerhin aber ist der Plan online.
So fehlten Hinweise auf die Nutzungskonflikte, die ein so prominenter Ort wie das Klosterareal zwangsläufig hervorruft. Dass die alljährliche Bechristbaumung des Platzes nicht allen behagt, ist das eine. Ein gewichtigeres Thema wäre die Beanspruchung und faktische Sperrung des Platzes durch die St.Galler Festspiele während mehrerer Vorsommerwochen; dass sie vielen Einheimischen ein Dorn im Auge ist, kam erst jüngst an der Kulturdebatte im Palace wieder (und auch von CVP-Seite) zur Ausdruck. Man könnte die Festspiele aber auch als exemplarisch zeitgemässe kulturelle Neudeutung des historischen Ensembles loben. Der Managementplan tut weder das eine noch das andere, er äussert sich mit keinem Wort zu den Festspielen.
Kein Thema waren an der Vernissage auch die Zielkonflikte zwischen Denkmalpflege und städtischer Intensivnutzung – dazu nimmt der Plan immerhin Stellung, indem er an die «bedauernswerten Verluste» erinnert, welche die Archäologie bei der Neugestaltung der südlichen Altstadt 2009-2013 hinnehmen musste. Ausdrücklich vermisst wurde an der Feier schliesslich die Vertretung von Hochbauamt und Denkmalpflege der Stadt St.Gallen mit Stadträtin Patrizia Adam an der Spitze.
Unsrerseits vermisst wurde aber vor allem die Bevölkerung. Sie war zur feierlichen Vernissage nicht eingeladen. Das innig gesungene «Ave maris stella» von Josef Gabriel Rheinberger und die Worte des Schweizer Unesco-Präsidenten – «die Welterbestätten gehören uns allen» – verhallten so im Leeren. Manuel Stahlbergers Herr Mäder hätte sich darüber allerdings nicht gewundert: Für den Normalbürger ist es wohl einfach zu gefährlich im Welterbe-Gebiet, vor allem zur Weihnachtszeit.
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