Dreifaltige Tango-Oper

Ástor Piazzollas «María de Buenos Aires» kommt im St.Galler Theaterprovisorium voll Mystik und Symbolik auf die Bühne. Überwältigend und fesselnd - selbst für Nicht-Opern-Freaks. von Viviane Sonderegger
Von  Gastbeitrag
Drei Marien, eine «pasión fatale»: Eva Leippold, iSaAc Espinoza Hidrobo und Ieva Prudnikovaite in der Piazzolla-Oper. (Bilder: Edyta Dufaj)

Buenos Aires in den 1960er-Jahren: Film ab! Hinter einem schwarz-transparenten Vorhang nimmt das tragische Schicksal einer Frau seinen Anfang, die verdorben von der Gesellschaft und der Stadt zum Objekt für männliche Fantasien degradiert wird.

David Luque.

Sie stirbt. Doch anders als Carmen bei Bizet oder Violetta Valéry bei Verdi, die ebenfalls nicht in die brutale Männerwelt passen und sterben müssen, soll der Schatten von María (performt von iSaAc Espinoza Hidrobo) weiterhin auf Erden wandeln, ohne den Schutz Gottes.

Diese Erzählung zerlegt Regisseur Marco Darbyshire im imposanten Bühnenraum von Martin Hickmann geschickt in Einzelteile und in einen zyklischen Rhythmus: Dank der Zick-Zack-Konstruktion spielen sich verschiedene Zeitebenen und Szenarien gleichzeitig ab, es entsteht ein verführerisches Kaleidoskop mit starkem Sog-Effekt, besonders in der ersten Hälfte.

Piazzollas 1968 uraufgeführte María de Buenos Aires ist ein opernhaft angelegtes Werk, dessen Seele die Musik ist. Die 16 Bilder könnten auch die Geschichte des Tangos selbst erzählen: seine Identitätsfindung, die wachsende Beliebtheit, den dekadenten Höhepunkt in den Klubs und Varietés, aber auch seine Missachtung und sein Comeback. Dieser rote Faden zieht sich durch die gesamte Inszenierung – von der imaginären Suche nach Melodien in Tanzbewegungen bis hin zu den bunt-eleganten Kostümen eines wohl situierten Bürgertums (Annemarie Bulla).

Die Szenerie ist stark romantisiert, aber wirkungsvoll. Das argentinische Lebensgefühl in den Milieus der Hafenstädte, geprägt von Melancholie und «pasión fatale», wird durch katholisch-getränkte Projektionen und in metaphorisch aufgeladenen Animationen (Martin Hickmann, Anselm Fischer) heraufbeschworen.

Die Jesusfigur ersetzt durch eine Frauenrolle? Auch mystische und religiöse Symbole werden aus einer neuen Perspektive buchstäblich bis ins kleinste Detail ausgeleuchtet. Die schwarze Rampe wird zur Silhouette von Buenos Aires, mal blitzt die scharfe Klinge des «facón» im Scheinwerferlicht. Die Dramatik der pittoresken Bilder wird bis hin zu stroboskopischen Effekten auf die Spitze getrieben.

Ein mörderisch gutes Trio

Keine Abstraktion, sondern Nähe: Dieser Maxime folgen Dramaturgie (Caroline Damaschke) und Regie. Marcos Darbyshires Inszenierung setzt einen Fokus auf den Dialog der María mit sich selbst und mit ihrem familiären Umfeld. Tango im traditionellen Sinne wird dabei weniger getanzt. Anspielungen auf die Folklore manifestieren sich vielmehr in der dreifachen Auffächerung der María-Rolle, deren Sprache dem Tango entliehen ist. Die lyrisch-surrealistischen Texte im Libretto von Horacio Ferrer schleichen sich mit der geheimnisvoll-erotischen Mezzo-Stimme von María (Ieva Prudnikovaite) in die Herzen der Zuschauenden.

David Luque, Ieva Prudnikovaite.

Eine der grössten Qualitäten der Inszenierung ist die verflucht-gute Bühnenpräsenz des gesamten Ensembles. David Luque als El Duende (Sprecher) und Mariano Gladić als El Payador überzeugen in ihren machtgeilen Figuren durch extrovertierte Gestik und imposante Stimmen. Mit einem Kleid so rot wie Blut begegnet María den wildfremden Machos, die sie körperlich quälen. Um- und ausgezogen wird gleich auf der Bühne. Mit einem Kleid so weiss wie Schnee und lockigem Haar so schwarz wie Ebenholz verkörpert das Kind (Josette Schindler an der Premiere) eindrucksvoll die unschuldige Seele.

Der Kampf wiederholt sich auf verschiedenen Bewegungsebenen kreisläufig, doch reich an Abwechslung. Dafür sorgen Requisiten, die ein Eigenleben erhalten: das Bandoneon auf dem Rücken des Schattens oder die Violine im Spotlight kurz vor dem Feuergefecht.

Doch es scheint, als sterbe die Hoffnung hier zuerst. Denn die drei Frauen sind wie von einem Voodoo-Puppen-Fluch besessen. So landet María hypnotisiert auf dem Schragen eines Psychoanalytikers, der ihr das Herz herausreisst, während gruselige Clowns mit überlangen Ärmel-Anzügen schadenfreudig einen Makabertanz aufführen.

Die Musik im Blut

Das intensive Wechselspiel wird auch durch die Chor-Sänger:innen angefeuert, die ebenfalls in wechselnde Rollen schlüpfen (einstudiert von Franz Obermair), mal als gnadenlose Hurenmütter, mal unisono im Frack. Unter der Leitung der Argentinierin Natalia Salinas spielt sich das Sinfonieorchester St. Gallen die Seele aus dem Leib und lässt die argentinischen Rhythmen in der Luft tanzen. Die emotionale Folklore von Piazzolla vermischt sich mit der sinnlichen Inszenierung zu einer leidenschaftlichen Affäre.

Marcelo Nisinman am Bandoneon, Juan Sebastian Lima an der Gitarre und Mischa Cheung am Klavier würzen das musikalische Erlebnis mit mysteriösen und elektrisierenden Klangfarben zusätzlich.

Nächste Vorstellungen: 11., 15., 19., 24. Mai, Theater St.Gallen

theatersg.ch

Die Seele des Tango erhält durch die poetische Dramaturgie einen universellen Glanz. Und egal, ob versierter Opern-Freak oder begeisterter Laie: Das Theater St. Gallen ruft María mit grosser Leichtigkeit zurück ins Leben, und zugleich gelingt es der Produktion, den Umgang mit patriarchalen Strukturen zu reflektieren.

Wer wissen will, wie der Tango endet: Als Zuschauer:in kann man es am eigenen Leib erfahren.

 

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Heftvorschau 05/26
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