Ein auseinanderfallendes Liebespaar, bei dem jeder Blick eine Anklage ist. Drei junge Männer, die von prügelnden Vätern oder dem Leben im Rollstuhl sprechen. Ein Mädchen, das von seiner Mutter terrorisiert wird. Und schliesslich ein Mann, der heulend um den Gnadenschuss fleht, weil er nicht ersäuft werden will: Die Themen der St.Galler Regisseure sind düsterer heavy shit – zumindest an der Kurzfilmnacht Schweiz, die dieses Wochenende im St.Galler Stadtkino Storchen gastiert.
Gezeigt wird in den beiden Nächten jeweils ein gut viereinhalbstündiges Kurzfilmprogramm, unterteilt in fünf Blöcke. Einer der Blöcke wird je nach Spielort von regionalen Regisseuren bestritten, die nach den Vorführungen von ihrer Arbeit erzählen. Der regionale Filmblock wird an mehreren Orten in der Ostschweiz zusätzlich aufgeführt. Eine gute Gelegenheit also, sich wieder mal mit der vernachlässigten Kurz-Kunstform zu befassen. Leider gilt der Kurzfilm vielen als blosse Experimentierform für Filmstudis oder Sprungbrett für Jungfilmerinnen und -filmer: In Kino und Fernsehen schafft er es selten. Dabei muss man fähig zu ungeheurer Verdichtung sein, will man in einem Kurzfilm eine Geschichte erzählen.
Hochschwanger und zerrüttet
Erstaunlich ist, wie es die St.Galler Filmemacher schaffen, mit Andeutungen eigene Bilder im Kopf der Zuschauer entstehen zu lassen. Etwa in der Kurzdoku Spuren des Thurgauers Lukas Gut und seines Co-Regisseurs Steven Vit. Der Film begleitet drei junge Männer, die von Schicksalsschlägen getroffen wurden: In kurzen Sequenzen erzählen sie immer wieder ein wenig mehr von ihren Geschichten, daraus setzt man sich dann ein Gesamtbild zusammen. Unterbrochen werden die Zitate von Luftaufnahmen von Skipisten oder nächtlichen Autobahnen, die Bilder unterlegt mit bedrohlichem Drohnen-Sound.
Auch der Film Eltern des ArbonerRegisseurs Luca Riblerwirft Fragen, ja gar Rätsel auf: Er porträtiert in einer knappen Viertelstunde ein Paar – sie ist hochschwanger – das völlig zerrüttet ist und sich zuletzt gegenseitig mit ihren Autos verfolgt. Was muss vorher alles passiert sein, um dieses tiefe gegenseitige Misstrauen zu rechtfertigen?
Gezeigt werden im lokalen Programmblock unter dem Titel «Made in St.Gallen» auch zwei Stadtsanktgaller Produktionen: Der dialoglose Animationsfilm The Sound of Crickets von Justine Klaiber sowie der blutige Gangster-Einakter Coup de Grâce von Pascal Glatz.
Eine gute Prise Paranoia
Die Tour, die von den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur kuratiert wird, zeigt aber auch gesamtschweizerisches und internationales Schaffen: Jeweils ein Programmblock widmet sich dem Schweizer Kurzfilm, skandinavischen Kriminalfilmen, dem Musik- und Tanzfilm sowie den Nominierten in der Sparte Kurzfilm der Oscars 2015.
Aus der Schweiz sticht etwa De Schnuuf hervor, ein dialogloser Blick in die beklemmende Welt eines Ausbildungsbunkers der Feuerwehr: Menschen in dicken Schutzanzügen und Gasmasken rennen auf Laufbändern und setzen sich Feuer, Blitz und Rauch aus. Der Filmverbreitet eine gute Prise Paranoia – als Ton hört man einzig den Gasmasken-Atem à la Darth Vader – und zeigt gleichzeitig ausserirdisch anmutende Bilder. Gesprächiger kommt Discipline des Romands Christope M. Saber daher, der den diesjährigen Schweizer Filmpreis gewonnen hat: In einem Eckladen verpasst ein Vater seiner Tochter eine Ohrfeige, als diese mutwillig ein Glas Senf auf den Boden schmeisst. Immer mehr Kunden schalten sich in die anschliessende, absurde Diskussion ein, die letztlich in eine Keilerei ausartet.
Titelbild: Von Misstrauen zerfressen: Die hochschwangere Nina (Steffi Friis) in Eltern. (Bild: Kurzfilmnacht Schweiz)
Kurzfilmnacht Schweiz. Freitag, 5. Juni, und Samstag, 6. Juni, im Kino Storchen, St.Gallen, Programmstart um 19 Uhr.
Kurzfilmnacht-Soirées des regionalen Filmprogramms «Made in St.Gallen»: Freitag, 5. Juni, Cinewil, Wil. Montag, 8. Juni, Kinotheater Madlen, Heerbrugg. Mittwoch, 10. Juni, Kino Passerelle, Wattwil.
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