Er hat es wieder getan.
Der Nationalrat, der nebenbei noch als Stadtpräsidentendarsteller in der ansonsten wunderbaren Hafenstadt am Bodensee auftritt, hat kürzlich seine bekannten Ressentiments gegen die Soziale Arbeit und gegen einen intakten Sozialstaat ins Sommerloch geworfen. Dort könnte man diese auch gut belassen, aber leider haben seine Ausfälle System.
Schon vor Jahren gab der von der CVP zur SVP übergelaufene Politiker zum Besten, lieber stelle er in seiner Gemeinde zwei Polizisten an, statt eine Sozialarbeiterin. Dieser deutlichen Ansage folgten passende Taten. Man versuchte sich Sozialhilfeberechtigte vom Leib zu halten, indem man ihnen einen Umzug in andere Gemeinden, zum Beispiel in die Stadt St.Gallen nahelegte. Dieser zutiefst entmenschlichten Politik hat glücklicherweise der empathiefähige Sozialvorsteher von St.Gallen Paroli geboten.
Am See unten bejubelt der Ortskönig derweil, dass ein Investor eine Liegenschaft mit Sozialwohnungen abgerissen und veredelt neu gebaut hat: «Äs sind tolli Eigetumswohnige entstande, mit ganz tolle Lüüt.» Da schwingt sie wieder mit, diese Verachtung von Menschen unter schwierigeren Lebensbedingungen. Sind nur Leute nett, die sich eine Eigentumswohnung leisten können?
Wer hat, dem wird gegeben, dafür hat in diesem Kanton die düsterbürgerliche Ratsmehrheit in den letzten Jahren gesorgt, der Rest bleibt auf der Strecke. Klügere Geister wissen jedoch, dass sich nur Reiche einen schwachen Staat leisten können.
Ich habe die politische Verhöhnung von Armutsbetroffenen und Prekarisierten satt, dieses permanente Arbeiten an einer entsolidarisierten Gesellschaft. Die wirklich gefährlichen, destruktiven Akteure sind die, die den Sozialstaat gezielt auszuhöhlen versuchen.
Da gibt es einem auch zu denken, wenn in der Stadt St.Gallen als Nachfolger für den feinen und klugen Nino Cozzio ein Lautsprecher aufgestellt wird, der sich in seinem Smartvoteprofil in Sachen Sozialpolitik nahe am rechten Abgrund bewegt.
Zum Glück stellt sich dem die Jugend entgegen.
Dani Fels, 1961, ist Dozent an der FHS St.Gallen und Fotograf. Er schreibt monatlich die Stadtkolumne in Saiten.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.