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Es heimatet sehr

Seit 2005 zieht die Kulturlandsgemeinde durchs Appenzellerland. In diesem Jahr lädt sie am Auffahrtswochenende ins Zeughaus Teufen ein, um den Heimatbegriff zu erkunden. Ueli Vogt, künstlerischer Leiter der Kulturlandsgemeinde 2023/24, berichtet im Interview, wie umfassend das Thema verstanden werden kann.
Von  Kristin Schmidt
Die Bilder zu diesem Text sind von marc norbert hörler. hecatean lines ist eine Komposition neuer Werke, die mit folkloristischen Formen und Ästhetiken von Appenzell interagieren und diese aus einer queeren Perspektive beanspruchen.

Saiten: Für die kommende Ausgabe der Kulturlandsgemeinde gibt es zum ersten Mal einen künstlerischen Leiter. Ueli, hast du das Ideenmonopol oder bist du mit Mitdenker:innen unterwegs?

Ueli Vogt: In der Leitung sind wir zu zweit: Jolanda Gsponer ist administrative Leiterin, mit ihr arbeite ich eng zusammen. Unterstützt hat uns wesentlich die Präsidentin der Genossenschaft, Theres Inauen, aber auch der ganze Vorstand, ein bewährtes Gremium, das die Kulturlandsgemeinde seit langem begleitet. Ein Workshop mit Fachleuten zur Thematik und der Umgebung im Vorfeld hat wesentliche inhaltliche Eckpunkte gesetzt. Ausserdem habe ich das Glück, auf Anna Beck-Wörner zählen zu können. Ich nenne sie auch die «Ghost-Leitung». Sie steht informell für Fragen, bei Ungewissheiten, aber auch einfach als Klagemauer zur Verfügung.

Kulturlandsgemeinde 2023:
18. bis 21. Mai, Kunsthaus Teufen

kulturlandsgemeinde.ch

Heimat, das diesjährige Thema, ist ein Dauerbrenner. Literatur und Film bearbeiten Herkunft und Hiersein, das Stapferhaus widmete 2017 der Heimat als Grenzerfahrung eine Ausstellung, aktuell zeigt das Alpine Museum Bern eine Schau dazu. Was treibt die Kulturlandsgemeinde jetzt zur Heimat?

Wir untersuchen Heimat als etwas, das dauernd neu erschaffen werden muss. Darum führen wir den Begriff Heimat im Festivaltitel als Verb: von «ich heimate» bis «wir heimaten». Wird es im Plural verwendet, kommt die Mehrzahl, die Vielfalt der möglichen Heimaten zum Ausdruck. Für mich verbindet sich das Thema auch mit den Beobachtungen aus elf Jahren intensiven Arbeitens im Appenzellerland. Nun gehe ich einen Schritt zurück und versuche, die Beobachtungen zu reflektieren und einzuordnen. Viele, mit denen ich darüber gesprochen habe, bestätigten mir meine Eindrücke des Appenzellerlandes.

Ueli Vogt, 1966, hat zehn Jahre lang das Zeughaus Teufen kuratiert, seit Januar leitet der gebürtige Thurgauer zusammen mit Reto Müller den Kunstraum Kreuzlingen. Als Mitglied der Konzeptgruppe hat er bereits mehrere Kulturlandsgemeinden mitgestaltet. Für die Jahre 2023 und 2024 ist Ueli Vogt verantwortlich für die künstlerische Leitung der Kulturlandsgemeinde.

(Bild: Katalin Deér)

Welche Eindrücke sind das im Besonderen, die mit Heimat zu tun haben? Und wird die Kulturlandsgemeinde, die obendrein in Teufen, deinem Hauptarbeitsort während zehn Jahren als Kurator im Zeughaus ist, zu einem Heim(-at-)spiel für dich?

Ich habe besonders im Appenzellerland ambivalente Gefühle gehabt. Dieses Geborgenheitsgefühl in der Tradition mit Trachten, dem Zäuerlen, der Streusiedlung, dem Bläss, den Kühen: Umgibt einen das liebevoll oder umschlingt es einen? Erdrosselt es gar? Oder ist es auch ein Schutzschild, eine Abgrenzung? Das lohnt eine nähere Betrachtung aus vielen Richtungen, wie wir es mit der Kulturlandsgemeinde vorhaben. Die Festivalausgabe im Zeughaus Teufen ist für mich nur noch ein Gastspiel. Lilia und David Glanzmann leiten das Haus jetzt nach ihren Vorstellungen und haben schon einen sehenswerten Anfang gemacht. Das Haus wird hoffentlich ihnen und vielen neuen Interessierten zur Heimat. Ich selbst kenne zwar noch ganz viele Orte und Eigenheiten, habe allerdings keinen internen Zugang mehr dazu. Das war und ist vielleicht auch eine Motivation, dieses Thema zu wählen: Wie ist es, wenn man eine solche selbst gestaltete Heimat aufgibt? Stimmt die Bezeichnung «Heimat» überhaupt? Kann Heimat negiert werden? Wie fühlt sich das an, wenn es neue Heimat wird? Das alles finde ich interessant und darauf wird es viele mögliche Blickwinkel geben.

Es gehört zur Tradition der Kulturlandsgemeinde, jeweils aktuelle gesellschaftliche Fragen von sehr verschiedenen Seiten anzugehen. Welche Schwerpunkte, Besonderheiten und ungewöhnlichen Ansätze wird es zum Heimatbegriff geben? Das Feld ist weit, es reicht von Sprache bis Religion, von Geografie bis Gefühl. Wie hast du es abgesteckt?

Ich – als machender Denker, als polyvalenter, professioneller Dilettant – gehe bei den Plattformen, also den Gesprächsrunden zwischen sehr unterschiedlichen Gästen, von ganz praktischen Modellen aus: Die erste Plattform nähert sich dem innersten Immateriellen, der Idee einer Heimat. Hier sind auch Gedanken zu Sprache, Religion oder Philosophie enthalten. Bei der nächsten Plattform steht das Physische im Zentrum – ich bin eben auch ein bekennender Materialist: Es geht da um den Körper, die physische Hülle als Heimat oder eben auch als etwas Fremdes. Die dritte Plattform kreist um die Umgebung, unsere Gehäuse, die Architektur und die Landschaft.

marc norbert hörler (dey/er, *1989) lebt und arbeitet in Appenzell und Berlin. Zum Abschluss der Kulturlandsgemeinde am Sonntag schafft marc eine duftende und klingende künstlerische Intervention.

Das Format der Plattformen ist charakteristisch für die Kulturlandsgemeinde. Wäre es inzwischen trotzdem möglich, auf neue Formen des Festivals zu setzen? Es vielleicht partizipativer zu gestalten?

Die diesjährige Kulturlandsgemeinde bleibt im Wesentlichen bei den bisherigen Formaten. Erstens, weil sie gut sind, zweitens weil für einen grossen Umbau die Zeit fehlte. Partizipativ war die Kulturlandsgemeinde schon immer, vor allem wenn ich an die Werkstätten denke. Hier kommt das Machen, das Miteinander zum Ausdruck. Aber nichtsdestotrotz muss, kann und soll sich die Kulturlandsgemeinde verändern.

Darin liegt möglicherweise auch eine Chance, neue, jüngere Interessierte anzusprechen: Ich habe das Publikum der Kulturlandsgemeinde mitunter als sehr homogen und überschaubar erlebt. Schwimmt die Kulturlandsgemeinde in ihrem eigenen Saft? Wird das mit einem künstlerischen Leiter anders?

Der Verleger und Schnapsbrenner Christoph Keller hat mal beschrieben, was einen guten Schnaps ausmacht: Er solle nicht nach der reinen Frucht schmecken, da verzehre man diese besser einfach. Stattdessen enthalte ein guter Schnaps alle Zustände einer Frucht, von der Knospe über die Blüte zur unreifen, reifen bis zur vergorenen, verdorbenen Frucht … So ein Saft kann und soll also alles beinhalten und ein Wesen in allen Aspekten abbilden. Daher empfinde ich das Schwimmen im eigenen Saft also nicht zwingend als negativ. Ein Festival darf durchaus ein Stammpublikum haben. Das ermöglicht auch ein Vertiefen, eine Vertrautheit, eine Heimat des Denkens. Wir können das Stammpublikum auch Community nennen, dann ist es positiv konnotiert: Ein Kreis, der gemeinsam weiterdenkt. Selbstverständlich ist der Austausch ein festes Element, damit werden immer neue, andere Menschen einbezogen, auch jüngere, damit es ein Weiterleben gibt.

hecatean lines ist inspiriert von einer ortsbezogenen Forschung zu Hexerei und Hexenprozessen in Appenzell.

Heimat ist ein vertrautes, aber auch ein brisantes Thema. An der Kulturlandsgemeinde soll es auch um Entwurzelung und Fremde oder Befremden gehen. Wie geht ihr diese Aspekte an? Wie habt ihr die Gesprächspartner:innen ausgewählt?

Diese Facetten des Heimatthemas sind uns sehr wichtig. So ist besonders die Migration ein wichtiges Motiv der Kulturlandsgemeinde. Dem tragen wir Rechnung, wenn Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Hoseyn A. Zadeh, Ly-Ling Vilaysane und Hao Hohl-Yu auf den Plattformen sind. Auch vor langer Zeit ausgewanderte Schweizer:innen aus Amerika werden sich beispielsweise zu Wort melden.

Erwartest du auch kontroverse Äusserungen von Menschen, die aus einer konservativen Sicht auf Werte wie Heimat und Tradition blicken?

Vielleicht kommen bei den Plattformen Fragen oder Diskussionen zu solchen Aspekten auf, aber darauf zielt die Kulturlandsgemeinde nicht ab. Uns geht es um das Auslegen, um offene Gespräche, auch um das Aushalten von Widersprüchen.

Das Appenzellerland ist die Heimat der Kulturlandsgemeinde. Wie sehr spiegelt sich diese Verankerung inhaltlich?

Direkte inhaltliche Bezüge sind für uns nicht zwingend; wir verstehen das Appenzellerland eher als Folie, als Ausgangslage. Wir haben beispielsweise zusammen mit dem Heimatschutz Appenzell Ausserrhoden eine kleine Studie unter Fachleuten lanciert. Wir forderten sie auf, zu entwerfen, wie das Appenzellerland in 20 Jahren aussehen soll. Die heutige Streusiedlung ist aus einer spezifischen Nutzung entstanden und prägt nach wie vor das Bild der bebauten Landschaft. Sie ist präsent auf Bieretiketten, in der Tourismuswerbung und anderswo. Aber sie wird längst nicht mehr in ursprünglicher Weise genutzt. Soll nun an diesem Heimatbild festgehalten werden oder soll die neue Nutzung ein neues Bild erzeugen? Aber auch hier wünschen wir uns eine breitere Wirkung über das Appenzellerland hinaus: Die Studie ist ein Fallbeispiel, welches dann auch in St.Gallen oder andernorts auf diese Weise befragt werden kann.

hecatean lines ist bis 11. Juni zu sehen in der Ausstellung «12 Rooms» im Kunstmuseum Appenzell, kuratiert von Stefanie Gschwend. Mehr von marc hier oder auf Instagram.

Heimat ist auch Essen, was gibt es an der Kulturlandsgemeinde?

Luzia Kappenthuler bereitet einen reichhaltigen Tisch und holt die Welt ins Zeughaus Teufen: Wer hier zu Hause ist, kann probieren, wie es woanders schmeckt. Wer sich in der Welt zu Hause fühlt, isst wie daheim. Wer seine Heimat im Essen sucht, wird Vertrautes und Neues gleichermassen finden.

Wird das Echo im kommenden Jahr auch wieder in Teufen stattfinden? Planst Du bereits oder geht es erst nach der Kulturlandsgemeinde los?

Das kommende Jahr ist schon in Planung, es wird laufend mitgedacht. Auch die in den vergangenen Jahren entwickelte virtuelle und hybride Form der Kulturlandsgemeinde ist uns weiterhin wichtig. Nebst dem Festival vor Ort gibt es den Echoort für Reflexion und die virtuelle, überall verfügbare Kulturlandsgemeinde. Auch künftig wird die Kulturlandsgemeinde nicht versuchen, Antworten zu geben, sondern wird Denkweisen oder Herangehensweisen anbieten. Daneben soll sie auch das Aushalten von Nichtwissen erleichtern.

 

Das Programm:

«Es heimatet – wir heimaten» heisst das Motto der diesjährigen Kulturlandsgemeinde. Das mehrtägige Festival bietet Gelegenheit, den eigenen Heimat-Gefühlen und Heimat-Brüchen nachzuspüren, unterschiedliche Vorstellungen von Heimat zu diskutieren und nach Heimat-Bildern für die Zukunft zu fragen. Zum Beispiel in der Bar «El Gato Muerto», sie ist Treffpunkt und Begegnungsort der diesjährigen Kulturlandsgemeinde. Die Bar, ein Werk der Kunstschaffenden Barbara Signer und Michael Bodenmann, ist ein Sammelsurium schillernder Heimat-Assoziationen, Souvenirs, Plakate, Fotos und Gegenstände aller Art. Eingerichtet ist sie im Schopf vor dem Zeughaus Teufen.

Zum Auftakt am Donnerstag zeigt die Theatergruppe Café Fuerte Truck Stop, ein Theaterstück über emotionale und nationale Grenzen – und darüber, ob wir sie überhaupt brauchen. Tags darauf sind Heimat-Visionen gefragt: Der Heimatschutz AR hat zur Kulturlandsgemeinde eine Bierdeckel-Aktion lanciert mit dem Titel «Über das Appenzellerrändli hinausgedacht – Visionen zum Appenzeller Landschaftsbild im Jahr 2043». Am Stammtisch im Zeughaus Teufen und an der Bar «El Gato Muerto» werden die Ergebnisse präsentiert und diskutiert.

Der Samstag ist den traditionellen Kulturlandsgemeinde-Formaten gewidmet: Plattformgesprächen und Werkstätten. Auf drei Podien geht es um Heimat als Gefühl und Identität, Heimat als Körper und Hülle und Heimat als Ort und Erfahrung. Privates und Politisches werden sich durchdringen, mitsamt der Frage, inwieweit in einer globalisierten und migrantischen Welt Heimat noch eine taugliche Kategorie ist. Gäste sind unter anderen Filmemacherin Hao Hohl-Yu, die Künstler Ueli Alder und Hoseyn A. Zadeh, alt Regierungsrat Matthias Weishaupt, Heimatschutz-Präsidentin Irene Hochreutener, Modemacherin Ly-Ling Vilaysane, Autor Christoph Keller, Philosoph Martin Booms, die interkulturelle Mediatorin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Fabienne Luna Egli und andere. In den Werkstätten geht es ums spielerische Erkunden und Erschaffen von Heimat: schnitzend, zeichnend, werkend, seifend und schreibend. Und am Samstagabend führt der «Henderländer» Musiker und Künstler Steff Signer mit Traktaten, Liedern und Gedichten durch die Sonnen- und Schattenseiten des Lebens, in und jenseits der «Highmatt».

Die traditionelle Sonntagsrede hält die Autorin of Color Samira el-Maawi. Sie hat in ihrem Roman In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel (2020) virtuos über ihre zwei Heimaten – Sansibar und die Schweiz – geschrieben. Geplant ist zudem eine Grussbotschaft einer Schweizer Kolonie in den USA und weitere «Heimat-Post» zum Festivalfinale. Am Sonntagnachmittag bietet Marc Norbert Hörler eine Duftwerkstatt an, und der interaktive Audiowalk Fremd zuhause lädt dazu ein, entlang vertrauter Orte neue Wege zu entdecken und literarischen Texten und Soundcollagen zu lauschen. (red.)

 

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