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«Es kommen Menschen zu uns, nicht Probleme»

Das Solidaritätsnetz Ostschweiz feiert sein 20-jähriges Bestehen. Auch wenn sich die Institution verändert hat, ist eines klar: Die Migration bleibt ein Dauerthema. Geschäftsführerin Sükran Magro blickt zurück und sagt, was sie sich für die Zukunft wünscht.
Von  Andi Giger
Sükran Magro ist seit 12 Jahren beim Solinetz aktiv. (Bild: agi)

Saiten: Vor 20 Jahren veränderte sich die politische Stimmung gegenüber Migrant:innen. Das Solidaritätsnetz wurde gegründet. Auch wenn du damals noch nicht dabei warst, wie fing das an?

Sükran Magro: Am Anfang waren es vor allem politische Aktivist:innen, die sich gegen die damaligen Verschärfungen im Asylrecht wehrten. Die Einführung von Nichteintretensentscheiden verschlechterte die Situation von Geflüchteten dramatisch. Man hat sich zusammengetan. Die ersten Sitzungen waren noch im Antirassismustreff CaBi. Man wollte Menschlichkeit in die Asylverfahren bringen und das Bewusstsein in der Öffentlichkeit verändern. Ein Ziel war es, der Bevölkerung aufzuzeigen, dass da etwas schiefläuft. Es kommen Menschen zu uns, nicht Probleme. Man muss sie integrieren, nicht ausgrenzen. Dieser Grundgedanke leitet uns noch immer.

Wie hat sich die Arbeit des Solidaritätsnetzes seither verändert?

Viele Dinge sind heute anders: das Asylgesetz, die Menschen, die zu uns kommen, ihre Bedürfnisse, die Organisationen, die Gesellschaft. Das Solidaritätsnetz hat sich stark professionalisiert. Aus einer Bewegung wurde eine etablierte Institution. Einige Gründungsmitglieder sind inzwischen verstorben, andere sind neu dazugekommen. Wir sind deswegen immer bemüht, junge Leute ins Boot zu holen. Der Austausch mit Organisationen aus dem Bereich Migration wurde intensiver und es kamen immer wieder neue dazu. Auch das Bild des Solinetzes hat sich weiterentwickelt. Anfangs waren wir in vielen Köpfen die Radikalen, die Nein-Sager:innen. Das ist nicht mehr so. Wir arbeiten heute mit vielen Organisationen eng zusammen, man weiss, was wir machen und unser Knowhow ist gefragt.

2019 wurde das Asylgesetz revidiert. Wie hat sich die Arbeit danach verändert?

Die Asylsuchenden bekommen im neuen Verfahren einen Rechtsbeistand gestellt. Nun kommen Personen zu uns ins Büro, die zwei Negativentscheide erhalten haben und bereits an allen Türen angeklopft haben. Oft können wir nur noch prüfen, ob alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Falls ja, können wir nur noch dafür sorgen, dass es den Menschen gut geht, solange sie noch hier sind. Bei Aussicht auf einen Härtefallantrag können wir Unterstützung beim Deutschlernen anbieten, indem wir sie an die kostenlose Sprachschule «Integra» vermitteln. Deutschkenntnisse sind notwendig, um das Härtefallgesuch stellen zu können, wie auch zur Selbsthilfe und für die allgemeine Kommunikation. Wir können bei Bedarf auch ergänzenden Einzelunterricht vermitteln.

Inzwischen arbeiten wir auch verstärkt im Bereich der Integration. Wir begleiten unsere Klient:innen oft durch verschiedene Status und erleben die Integration hautnah mit. Haben sie ein Bleiberecht, helfen wir bei Alltagsproblemen wie bei der Job- oder Wohnungssuche. Später geht es dann vielleicht um Familiennachzug, Reisepässe, Visaanträge, aber auch um Freizeitangebote. Wir versuchen auch bei Verständigungsproblemen mit Behörden oder Ämtern zu vermitteln. Insgesamt wurde das Spektrum an Unterstützungsangeboten breiter.

Das Solidaritätsnetz macht auch Öffentlichkeitsarbeit. Wie hat sich die öffentliche Wahrnehmung zum Thema Migration in den letzten Jahren verändert?

Der Gesellschaft ist bewusster geworden, dass Migration nicht nur ein vorübergehendes Thema ist. Menschen sind auf der Flucht und suchen in der Schweiz ein sicheres Leben. Das ist dank verschiedener Initiativen aus der Gesellschaft vermehrt Thema geworden, wenn auch nicht genug. Uns gibt es letztlich nur dank vielen Freiwilligen, denen das bewusst ist. Es sind wie Wellenbewegungen: Das Thema Migration ploppt auf, es gibt Gegenwind und das Thema tritt wieder in den Hintergrund, weil andere Themen dominieren. Zwischen diesen Wellenbewegungen tut sich aber auch vieles, denn sie bringen vieles indirekt oder mit Verzögerung in Bewegung.

Jubiläumsfest 20 Jahre Solinetz:

14. September, 13 bis 17 Uhr, Schulhaus Tschudiwies St.Gallen

solidaritaetsnetz.ch

Wie ist dieser Gegenwind spürbar?

Neben der politischen Realität, gegen die wir ankämpfen, gibt es auch direkten Gegenwind. Wir spüren ihn vor allem, wenn wir in der Öffentlichkeit agieren. Uns wird manchmal vorgeworfen, wir würden Ausschaffungen in jedem Fall zu verhindern versuchen. Oder wir würden den Menschen mit zwei Negativentscheiden falsche Hoffnungen machen und die Unterstützung sei nutzlos.

Wie wird sich das Solidaritätsnetz Ostschweiz weiterentwickeln?

Wir suchen Vorstandsmitglieder, da es 2025 ein paar Wechsel geben wird. Die Professionalisierung soll weiter vorangetrieben und auf neue Bereiche ausgeweitet werden. Wir brauchen motivierte, soziale und engagierte Mitwirkende. Und wir wünschen uns, dass die politische Aktivität wieder mehr zunimmt. Gerade durch die Pandemie sind viele Aktivitäten zum Stillstand gekommen. Es gibt noch einiges zu tun.

Was schwebt dir vor?

Die Bereiche Ausbildung und Arbeit bieten viel Potenzial. Die Menschen mit Status F sollten bessere Zukunftsaussichten haben. Es gibt da viele Geflüchtete zwischen 28 und 35 Jahren, die immer noch als ungelernte Arbeitskräfte ihr Geld verdienen und keine Chance erhalten haben, sich ein besseres Leben aufzubauen. Viele haben in dem Alter Kinder und bräuchten dann Unterstützung, denn ein normaler Ausbildungslohn reicht nicht aus. Ein hoher Anteil der Frauen, die wir bei den Bewerbungen unterstützen, arbeiten trotz schulischer Qualifizierung im Reinigungsbereich, da die ausländische Ausbildung hier nicht anerkannt wird. Auch im Pflegeberuf wünschen wir uns mehr Anstellungsmöglichkeiten, da viele unserer Klient:innen sich für diese Tätigkeiten bestens eignen würden. Das Interesse an solcher Ausbildung ist enorm. Zur Zeit sind jedoch viele Türen verschlossen.

Am Jubiläumsfest vom 14. September präsentiert Carla Bombach ihre Forschungsarbeit zum Thema Lebensalltag von Kindern in Asylunterkünften. Wie ist der Stand dazu in der Ostschweiz?

Dieses Thema haben wir vor zwei Jahren auf den Tisch gebracht, nachdem es kritische Stimmen zum Unterricht im Ausreisezentrum in Vilters gab. Zusammen mit der Zentrumsleitung, dem Migrationsamt und dem damaligen Regierungsrat Fredy Fässler setzten wir uns an einen runden Tisch. Wir konnten vor Ort überprüfen und sicherstellen, dass der Unterricht ausreichend und professionell gestaltet ist. Carla Bombach lernte ich vergangenes Jahr bei einer Veranstaltung vom Solinetz Zürich kennen. Ihr Vortrag wird ein Highlight. Auch auf den Film vom langjährigen Solinetz-Mitgleid Maya Leu freue ich mich. Er erzählt Anekdoten aus dem Migrationsalltag. Ausserdem gibt es viele Infos über unsere Projekte und Angebote. Und natürlich wird gefeiert. Es gibt feines Essen aus aller Welt, Reden und Live-Musik aus dem Tibet, Brasilien und dem Iran.

Sükran Magro, 1965, ist seit zwölf Jahren beim Solinetz aktiv. Früher als freiwillige Beraterin, seit 2020 als Geschäftsleiterin. Die diplomierte Migrationsfachfrau lebt seit 18 Jahren St.Gallen. Ihren Master in Rechtswissenschaften absolvierte sie in Deutschland, heute doziert sie an der Schule für Sozialbegleitung in Zürich im Lehrgang Migration.

 

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