Als regelmässige Bern-Reisende wissen sie, wie es um die Wahrnehmung der Ostschweiz «draussen» in der Schweiz steht. So musste Karin Keller-Sutter dem CEO der SBB, Andreas Meyer, auf der Landkarte das Rheintal zeigen, von dem er nicht wusste, wo es sich befindet. Und Paul Rechsteiner bestätigt, aus Berner Optik höre die Schweiz hinter Winterthur auf. Beide sind sich einig: Die Expo 2027 würde diese Wahrnehmungsstörungen beheben helfen.
Die Kantone St.Gallen und Thurgau stimmen bekanntlich am 5. Juni über einen Planungskredit für die Expo ab. Die erfreuliche Universität lud Karin Keller-Suter (FDP) und Paul Rechsteiner (SP) zum Gespräch im Palace ein, mit Andri Rostetter, Leiter der Ostschweiz-Redaktion beim St.Galler Tagblatt, als Moderator.
Rechsteiner und Keller-Sutter ziehen beim Projekt einer Landesausstellung in der Ostschweiz am selben Strick. Noch sei allerdings nichts fest, die Idee einer Expo sei erst eine Hülle, die noch gefüllt werden muss. Das Setting im Palace mit den amorphen Gebilden in blau, grün, gelb, rot und schwarz auf dem Banner von Jacqueline de Jong im Rücken der Gesprächsrunde hätte daher nicht passender sein können.
In der anschliessenden Diskussion kamen auch besorgte Bürger zu Wort. Hier die ständerätlichen Pro-Argumente im Zeitraffer.
5 Millionen Franken beträgt der Planungskredit für das Bewerbungsdossier, über den das St.Galler Stimmvolk abstimmt; 3 Millionen sind es im Thurgau – wenig im Vergleich zu den 930 Millionen der st.gallischen Spitalvorlage vom November 2014.
Rechsteiner kritisiert, dass die Gegenseite von Kosten von einer Milliarde spreche; vorerst gehe es um 5 Millionen, so viel koste die «Brücke zu einer Chance».
Für Keller-Sutter ist die Expo ein «Wirtschaftsprojekt zur Innovationsförderung». Der Gewerbeverband und die IHK (Industrie- und Handelskammer) seien nicht verschwenderisch. Wenn die Expo keine Chance für die KMU wäre, wäre sie nicht dafür.
Zweitens: Wirtschaft und Kultur
«Man sollte Wirtschaft und Kultur nicht getrennt anschauen, beides zusammenzudenken ist hochspannend», sagt Paul Rechsteiner. «Mit dieser Sichtweise und einer eigenständigen Positionierung besitzt der Bodenseeraum ein enormes Potential.» Mit den Schwerpunkten Textilindustrie und Wissensvermittlung spielte dieser Raum eine bedeutende Rolle, und zwar nicht in den Grenzen der Nationalstaaten oder der Kantone. Rechsteiner erinnert daran, dass für die Ostschweiz der dramatische Zusammenbruch der Stickereiindustrie ein Riesentrauma darstellte. Sie hat sich lange nicht erholt davon, war wirtschaftlich blockiert und in einer Identitätskrise.
Die Schweiz entwickelt sich in Räumen, ergänzt Keller-Sutter: Basel, Zürich, Arc de Leman oder Bern. Die Expo würde helfen, diese Dominanz raumplanerisch zu durchbrechen; Investitionen in die Bahn würden sicher ausgelöst, es bietet sich die Chance, das Profil der eigenen Geschichte unseres Landesteils zu schärfen. «Sonst besteht die Gefahr, dass die Ostschweiz in den Sog der Agglo Zürich gerät. Die Gegner der Expo haben keinen Plan B, um dem etwas entgegen zu setzen», warnt sie.
Drittens: Politik der Verkehrsströme
«Die heutigen Investitionen der Bahn fördern vor allem direkte Bahnverbindungen nach Zürich», stellt Keller-Sutter fest. Die Folge sei, dass die Zentren aus allen Nähten platzten. Mit der Neat hingegen werde die Nord-Süd-Verbindung gestärkt. Das hängt mit dem Mythos der Neutralität zusammen, der zurückgeht auf den Wienerkongress von 1815, der den Gotthard und die Bündner Pässe so sicherte.
Rechsteiner ergänzt: «Die Neat ist eine Nord-Süd-Fixierung der Verkehrsströme, davon war man in den 1990er fasziniert. Noch wusste man nichts von der EU-Erweiterung gegen Osten. Heute sind West-Ost-Transversalen wichtiger. Grosse Korridore, Ost-West-Stränge entstehen.» Er erinnert an seinen ersten Vorstoss 1986 im Nationalrat zur Münchner Linie. Nichts sei passiert bis heute, ausser dass zwei Buslinien der Bahn inzwischen Konkurrenz machen. Nun soll aber doch noch bis 2021 der Ausbau kommen.
«Beim Expo-Bahnausbau geht es um zukünftige Urbanität.» Für Regionen wie Appenzell Ausserrhoden heisse das die Förderung des periurbanen ländlichen Raumes in einer Gegend, die früher schon hochindustrialisiert war. Der neue Spangenzug nach Konstanz bestätigt für Rechtsteiner die Richtigkeit dieser Investionen – wenn auch mit der Einschränkung, dass er wegen dem starken Franken noch vor allem dem Einkaufstourismus dient.
Viertens: Die Zukunft wegsparen?
«Eigentlich muss man den Gegnern der Expo mit der Berufslobbistin an vorderster Stelle danken. Sie regen an zu Ergänzungen, lenken den Blick auf Eigenheiten der Ostschweiz, wie hohe Qualität, Dynamik, aber auch selbstgefällige Zufriedenheit nach der Devise: Uns geht es gut», sagt Keller-Sutter. Den Innovationspark, der nach St.Gallen hätten kommen sollen, hätte man nicht einfach so fahren lassen dürfen.
Rechsteiner zitiert die NZZ in ihrem Beitrag zur Offensive der Expo-Gegner: «Der Kanton St.Gallen erspart sich die Zukunft.» Wenn die Expo in der Ostschweiz nicht zustande komme, sei das keine Garantie dafür, dass Geld für anderes in die Ostschweiz fliessen werde. «190 Millionen Franken Direktzahlungen, die in die Landwirtschaft der Ostschweiz fliessen, können nicht alles sein, was unser Landesteil vom Bund erwarten darf», sagt Karin Keller-Sutter. Und Paul Rechsteiner empfiehlt zur Lektüre die Geschichte der Landschaft der Schweiz, erschienen bei Orell Füssli, März 2016.
Bilder des Siegerprojekts Expedition27: Hosoya Schaefer Architects, Zürich.
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz
In diesem Jahr feiert St.Gallen den 1100. Todestag Wiboradas. Obwohl die Inklusin einen grossen Einfluss auf die Stadt hatte, ist sie den wenigsten ein Begriff. Das soll sich ändern. Wie dies gelingen soll und welche Bedeutung Wiborada heute noch hat, erzählen Jolanda Schärli und Hildegard Aepli vom Verein Wiborada-Jubiläum 2026 sowie Karin K. Bühler von der feministischen Bibliothek Wyborada im Gespräch mit Saiten.
Doppeltes Jubiläum: Im Mai jährt sich das Martyrium der St.Galler Stadtheiligen Wiborada zum 1100. Mal. Und der Verein Wyborada, der 1987 die gleichnamige feministische Bibliothek eröffnete, feiert sein 40-Jahr-Jubiläum. Ausserdem im Mai-Heft: Das Gespräch zwischen Florian Vetsch und dem St.Galler Autor Christoph Keller über dessen neuen Roman.
Abbau von über 46 Vollzeitstellen in der Verwaltung, Schliessung des Volksbades, zusätzliche Blitzer für die Stadtpolizei: Mit solchen Massnahmen will die St.Galler Stadtregierung bis 2029 das jährliche Loch in der Stadtkasse um 17,1 Millionen Franken reduzieren.
Die Ostschweizer Band Team Negroni hat eine Vinyl-Platte mit Coversongs herausgebracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gallischen Grabenhalle getauft.
Pure Zeitverschwendung oder endlich mal eine Pause im durchgetakteten Rhythmus der Tage? Drei Performer:innen nähern sich dem Phänomen des Wartens künstlerisch-wissenschaftlich an.
Das Kollektiv Dance Me to the End setzt sich für die Sichtbarkeit von Altern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai präsentiert es zwei verschiedene Tanzstücke in der St.Galler Lokremise. Saiten hat mit drei Kollektivmitgliedern gesprochen.